Der 14. November war ein milder Herbsttag. Die Teilnehmer der Humustage hatten am Vorabend das ZVF-Klärwerk und die Pyrolyse-Anlage besichtigt. Der eine oder die andere hätte gern länger im Klärwerk verweilt, denn diese Pyrolyse-Anlage ist für technisch interessierte Menschen faszinierend. Die Mitarbeiter eines der kleinsten Zweckverbände Sachsens haben einen innovativen Prozessverlauf realisiert. Seit 2020 läuft die Anlage im Dauerbetrieb. Geniale Lösungen sind immer einfach. Gerade deshalb funktioniert der Prozess hier zuverlässig. Vor Ort wird kommunaler Klärschlamm mit Pyrolyse veredelt und in eine stark phosphorhaltige Biokohle umgewandelt. Dabei werden mineralische Struktur und Spurenelemente, wie z.B. Kalzium, Eisen, Magnesium, Mangan, Molybdän, Selen erhalten. Die Biokohle eignet sich als Aufbereitungshilfsmittel besonders zum Aufbau von Humus. Vorbereitet werden kann der Humusaufbau durch gezielte Kompostierung. Wie das am besten zu machen ist, darüber diskutierten die Teilnehmer der Sächsischen Humustage.

Katharina Müller von der Firma „Finizio“, die erste Referentin des zweiten Tages, stellte ein Konzept für Trockentoiletten vor, bei der Urin und Kot getrennt werden, um optimal weiterverarbeitet zu werden. Hier wurde eine interessante Möglichkeit für die Nutzung in Kleingärten oder Feriensiedlungen erarbeitet.

Alfons Krieger, ein Beamter des LELF Brandenburg, sprach im Anschluss über Düngemittelrecht und die Möglichkeit der Einordnung neuer Rezyklate. Er stellte dabei verschiedene Gesetzeswerke vor. Allein für die Düngemittel seien sieben unterschiedliche Gesetze zu beachten, deren Regelungen sich zum Teil widersprechen. Durch Auszüge würde deutlich, dass die Texte zudem mit unterschiedlicher Begrifflichkeit behaftet sind. Bei Stichworten wie „Sekundärrohstoffe“ ahnt man die Erbschaft der alten Abfallbeseitigung. Die Gesetze sind dem Anschein nach mit den Erfahrungen der Vergangenheit erstellt worden. Das Stichwort „Rezyklate“ taucht nicht auf. Die Folge ist, dass Neuentwicklungen, wie die Biokohle des ZVF im jetzigen gesetzlichen Rahmen gar nicht „eingeordnet“ werden können.

Das Thema, zu dem Steffen Heinrich referierte, klang kompliziert: „Thermodynamischer Zusammenhang zwischen Bodenbeschaffenheit, Luftfeuchte, Temperatur, Klima, Befeuchtung und Bodenfruchtbarkeit.“ Tatsächlich konzentrierte sich Steffen Heinrich jedoch auf die Ermittlung der Wassermenge, die durch Morgentau an einem durchschnittlichen Sommertag auf einer durchschnittlichen Wiese kondensiert. Die 300 Milliliter pro Quadratmeter klingen nicht viel, haben jedoch durch die tröpfenchenweise Zufuhr eine große Wirkung für die Lebenserhaltung der Pflanze in niederschlagslosen Zeiten. Wie nebenbei machte Heinrich hier darauf aufmerksam, dass Humusbildung neben Mineralien, Mikroorganismen und Pflanzenresten auch des Wassers bedarf.

Philipp Hagemann, der Inhaber eines Ingenieurbüros, referierte zum Thema, warum die Pyrolyse von Stoffen so schwer Verbreitung finde. Er ging mit großer Nüchternheit an die Fehleranalyse und vermochte verschiedene Hinderungspunkte zu unterscheiden (strukturelle, technische, politische, gesellschaftliche u.a. Herausforderungen). Gleichzeitig brachte er die Untersuchung auf den Punkt: Einerseits muss man sich auf das beschränken, was unter den konkreten zeitlichen, technischen, örtlichen u.a Bedingungen möglich ist. Andererseits widersprechen konkrete, lokale Lösungen großen globalen Interessen, die aus finanziellen Gründen die Welt „vereinheitlichen“ wollen. Das ist der Punkt: es hat nur eine Lösung ein Chance, die den konkreten Bedingungen entspricht. Gleichzeitig setzt man sich damit in den Gegensatz simpler globaler Vereinheitlichungsbestrebungen. Insofern bewies Hagemann die Besonderheit der ZVF-Pyrolyse-Anlage: entspricht genau den konkreten Bedingungen, steht jedoch im Widerspruch zu globalen Interessen. Aber nur so war die innovative Lösung, die der ZVF zustande brachte, die dezentrale Umwandlung des Klärschlamms in Biokohle, möglich. Und mit dem Einsatz der Biokohle bei der Kompostierung zum Zwecke der Humusbildung habe das Verfahren, so Hagemann, auch seinen idealen Anwendungszweck gefunden. In der Diskussion wurde angemerkt, dass ein Chemie-Konzern im Saarland neuerdings die Pyrolyse im großen Maßstab entwickele …

Enrico Putzke von der Firma „Steinbeis Plauen“ informierte über die Entwicklung segmentierter Container, die gerade beim Transport von Stoffen geeignet sind, die nicht vermischt werden dürfen. Durch die Segmentierung könne man dennoch eine hohe Transporteffizienz erreichen.

Den Abschluss der Reihe bildete der Vortrag von Ulrich Suer, der gemeinsam mit seinem Bruder Inhaber der Firma „Biomacon“ ist, einem mittelständischen Hersteller von Pyrolyse-Öfen aus Niedersachsen. Steffen Heinrich bedankte sich ausdrücklich bei Ulrich Suer, der eigentlich keine Vorträge hält. Gerade deshalb geriet sein Vortrag zu einem sehr authentisch Bericht über das Konzept von „Biomacon“. Die produzierten Öfen müssen alle mit einem 40-Tonnen-LKW transportierbar sein. Der Ofen wird maximal vormontiert, um auf der Baustelle nur noch Anschluss und Einstellung vornehmen zu müssen. Sein Ideal, so Ulrich Suer, sei ein Ofen, der beim Heizen Biokohle produziert.
In seiner Zusammenfassung verwies Steffen Heinrich darauf, dass man versucht habe, trotz aller notwendigen Spezialisierung eine Breite von Themen aufzunehmen. Erde und Humusbildung sind wichtige Faktoren unseres Klimas. Wenn der Boden versiegelt ist, wie es in Großstädten und Metropolen massiv vorkommt, oder wenn Ackerland ohne Bewuchs liegt, dann trägt das wesentlich zur Klimaerwärmung bei. Insofern ist die Humusbildung, um Bewuchs und Aufforstung des Bodens zu befördern, ein zentraler Punkt von Zukunftssicherung.

Erstmals hatten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des ZV Frohnbach eine Fachtagung organisiert. Sie vermochten allen Wünschen der Referenten und Gäste gerecht zu werden und optimale Bedingungen zu schaffen.

Alle Mitarbeiter des ZV Frohnbach, Verwaltung und Technik, am 14. November 2025 vor der Stadthalle Limbach-Obberfrohna.

Das Team der Stadthalle Limbach-Oberfrohna arbeitete geräuschlos und effizient bei der Tagungsversorgung. So entstand eine angenehme Atmosphäre.

Der Männerchor Niederfrohna
Nach dem Abschluss der Tagung fanden sich ehemalige Verbandsräte, Verbandsvorsitzende und Geschäftspartner ein, um an den Gründungstag des Verbandes den 14. November 1995 zu erinnern. Eingeleitet wurde die Feierstunde mit der Frohnbach-Hymne. Vorgetragen wurde das Lied mit einer Aufnahme des Männerchores Niederfrohna. Der Frohnbach ist der Namensgeber des Verbandes. Seit 30 Jahren wurde der Bach in seinem Lauf in vielen Teilen renaturiert. In diesem Jahr versah die Stadtverwaltung die Quelle des Baches mit einer Art Denkmal und begann damit, den Teil des Baches, der in Oberfrohna unterirdisch verläuft, zu renaturieren.

Auf der Heimfahrt gingen uns noch einmal die zwei Tage durch den Kopf. Der ZV Frohnbach hatte mit dem Thema „Humus“ eine existenzielle Frage der heutigen Menschheit aufgegriffen. Der große Lewis Mumford erkannte bereits in den 1950er Jahren, dass Großstädte und Metropolen mit ihren Betonanteilen und Flächenversiegelungen ein entscheidendes Klimaproblem darstellen. Inzwischen wurden noch mehr Flächen versiegelt und noch mehr Land gerodet. Die industrielle Landwirtschaft befördert zudem den Humusverlust. Deshalb war die Wahl des Tagungsthemas eine wichtige Entscheidung.
Die Organisatoren ließen trotz der Schwerpunktstellung „Humus“ eine gewisse Breite der Herangehensweise zu, um einen Austausch zu ermöglichen. Dadurch kam es zu einer Begegnung von engen Themenstellungen mit ganzheitlichen Herangehensweisen.
Vor 300 Jahren formulierte der große Gottfried Wilhelm Leibniz in seinen „Thesen über Natur und Gnade“, dass organische Systeme nicht allein auf empirischem Weg begreifbar seien. Er entwickelte eine Methode, in Anlehnung an die Infinitesimalmethode, bei der vom Naturganzen deduktiv ausgegangen und vom Einzelnen induktiv vorgegangen wird. Die Methode zielt auf Näherungswerte. Das Naturganze ist nur erfassbar, wenn die empirische Forschung mit Intuition oder Meditation verbunden wird. Johann Gottfried Herder wendete diese Methode 1784 in den „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ auf die Darstellung der Erde als Lebewesen, als organisches System an. Diese allgemeine Methode veraltet nicht. „Rein“ ist sie eine Banalität. Sie muss jeweils auf die besonderen, die konkreten Bedingungen angewendet werden. Wäre es nicht an der Zeit, die Erde als ein Lebewesen anzuerkennen? Udo Schäfer hatte in seinem Einleitungsvortrag die „Humussphäre“ als „Weitergabe des Lebens“ bezeichnet. Mit dem Thema „Humus“ hat der Zweckverband Frohnbach einen praktischen und theoretischen Ansatzpunkt zur Lösung komplexer Probleme gefunden. Es sei jedoch darauf verwiesen, dass es für die Menschheit um den Ausweg aus einer Sackgasse geht. Seit 500 Jahren forciert die europäische Wissenschaft mehrheitlich die Versuche zur Beherrschung der Natur und anderer Kulturen. Natur wurde als etwas „neben“ unserem Leben dargestellt. Das Resultat war letztlich die heutige Wachstums- und Wegwerfwirtschaft, die die Existenzkrise der Menschheit verursachte. Galileo Galilei hatte vor 500 Jahren Weisheit auf Vernunft und Vernunft auf bloß berechnenden Verstand reduziert. In dieser Denkweise existiert nur, was quantifiziert ist. Immanuel Kant gab dieser Methode die philosophische Weihe. Er wurde nicht einmal stutzig, als er mit seiner Logik sowohl „beweisen“ konnte, dass die Welt einen Anfang habe als auch, dass sie keinen habe. In Kants Augen lag das an der Wirklichkeit, nicht an der Methode. Bis heute vermag die überspezialisierte, bloß quantifizierende Wissenschaft kein Bild vom organischen System Erde, vom organischen System Naturkreislauf darzustellen. Wenn wir wirklich einen Weg aus der Sackgasse finden wollen, dann muss zur Weisheit zurückgekehrt werden, zur Einheit der Gegensätze Glaube und Vernunft. Der große Philosoph Walther Rathenau formuliert unsere Aufgabe mit dem letzten Satz seines Hauptwerkes „Von kommenden Dingen“: „Wir sind nicht da um des Besitzes willen, nicht um der Macht willen, auch nicht um des Glückes willen; wir sind da zur Verklärung des Göttlichen aus menschlichem Geiste.“ (Von kommenden Dingen, S. Fischer-Verlag Berlin 1917, S. 366) Rathenau verweist mit dem biblischen Ausdruck „Verklärung“ auf die notwendige Erkenntnis unseres Platzes im Kosmos, im Naturkreislauf. Er will uns die Einsicht in die Naturnotwendigkeit und die dem gemäße Tätigkeit (Benedikt Spinoza) vermitteln.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des kleinen ZV Frohnbach gaben anlässlich des 30. Gründungsjubiläums einen großen praktischen und theoretischen Impuls. Den Organisatoren, den Referenten und den Besuchern gebührt Dank.
Clara Schwarzenwald
Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.
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Das Regionalfernsehen Chemnitzer Land führte in Vorbereitung der Tagung ein Interview mit Dr. Steffen Heinrich: https://www.youtube.com/watch?v=FBNQjn10O3s
Das Making-of des Pyrolyse-Verfahrens
Karin Heinrich/Steffen Heinrich: Vom Abfall zum Gartengold – Klärschlammveredlung mit Pyrolyse.
Fester Einband, 23,4 × 0,5 cm, 400 Seiten, Fadenheftung, Lesebändchen, 226 farbige Fotos, 3 Karten, 56 Abbildungen, 43 Tabellen und Diagramme, Anhang mit digitalisierten ergänzenden Materialien (Filmaufnahmen, Dokumente, Versuchs-, Untersuchungs- und Labor-Prüfprotokolle).
VP 128,00 €
ISBN 978-3-96063-017-3
Das Buch ist in jeder Buchhandlung oder direkt beim Verlag erhältlich: https://buchversand.mironde.com/p/karin-heinrich-steffen-heinrich-vom-abfall-zum-gartengold-klaerschlammveredlung-mit-pyrolyse

