Eberhard Kittler
Reportagen

WIE VW IN DIE DDR KAM

Der erfahrene Motorjournalist Eberhard Kittler wurde von Frieder Bach zur Vorstellung seines neuen Buches „Traumauto Volkswagen. Wie Käfer, Golf und Bulli in die DDR kamen“ vor einem sachkundigen Publikum im Sächsischen Fahrzeugmuseum Chemnitz am 13. Juni mit persönlichen Worten begrüßt. Die Bekanntschaft der beiden geht bis auf die 1980er Jahre zurück, als Kittler im Transpress-Verlag ein Buchprojekt Bachs bearbeitete. Bis zu seiner Pensionierung leitete Kittler „VW-Klassik“, die Traditionspflege in Wolfsburg. Der Vortrage war mit „Westautos im Osten. Wie VW in die DDR kam“ überschrieben.

Eberhard Kittler

Frieder Bach begrüßte Eberhard Kittler

Kittler stellte in seinem dichten Vortrag hunderte Fakten, Namen und Bilder vor. Bis 1945 war die Region Erzgebirge-Zwickau-Chemnitz eines der Zentren deutscher Fahrzeugindustrie gewesen. Durch die Teilung Deutschlands in Besatzungszonen wurde Ostdeutschland von traditionellen Zulieferern getrennt. Bereits die IFA-F9-Produktion scheiterte an westlichen Blech-Embargos. Dann entwickelten sich die Fahrzeugherstellung beider deutsche Staaten auf jeweils eigene Weise. Die zentralistische DDR-Planung vernachlässigte den PKW-Bau und ignorierte den ständigen Erneuerungsbedarf der bestehenden PKW-Produktionsanlagen. Zudem hatte die Zwei­takt-Motorradproduktion, anders als in der BRD, in der DDR bis 1989 große Bedeutung. 

Eberhard Kittler

Im Zuge der Neuen Ostpolitik kam es 1978 zur Lieferung von 10.000 VW-Golf in die DDR. Darunter befand sich eine geringe Zahl an Diesel-PKW, die in der DDR bis dahin unbekannt waren. Die PKW wurden allein im Raum Berlin verkauft. Danach kam es zum Verkauf von 1500 VW-Transportern an die DDR. Kittler führte an, dass VW die Beziehungen gern weitergeführt hätte, dass es aber weder zu weiteren Verkäufen noch zur Vereinbarung einer VW-Gestattungsproduktion in der DDR kam. Kittlers Begründung, dass die DDR-Führung die einzige im RGW gewesen sei, die sich an dessen Fahrzeugproduktions-Festlegungen gehalten habe, überzeugte nicht. Warum kam es fünf Jahre später zur Vereinbarung der Aufnahme einer VW-Motorenproduktion in Karl-Marx-Stadt? Welchen Einfluss hatte der Amtsantritt Dr. Carl H. Hahns 1983 als Vorstandsvorsitzender? Übrigens war die erste Hälfte der 1980er Jahre nicht besonders günstig für solche Kooperation. Beide Großmächte stationierten Atomraketen in Deutschland. Die alten US-Technologie-Embargos blieben in Kraft. Von Michail Gorbatschow war noch nichts zu sehen. Warum kam es trotzdem zu dieser weitreichenden deutsch-deutschen Vereinbarung?

Eberhard Kittler

Die meisten Fakten, die Kittler ansprach, waren dem sachkundigen Publikum bekannt. Oft hörte man das Stichwort bereits aus den Zuschauerraum. Der Referent vermochte allerdings Zusammenhänge und Querverbindungen herzustellen, mit denen er selbst die Insider überraschte. Am Ende des Vortrages gab Kittler bekannt, dass es 1989 in der DDR etwa 5,6 Mio. zugelassene PKW gegeben habe. Davon stammten 100.000 aus westlicher Produktion und davon die Hälfte von VW. Die Zuschauer dankten Eberhard Kittler mit herzlichem Beifall für sein Engagement. Der Referent hatte bereits währen des Vortrages Antworten auf zahlreiche Fragen und Einwürfe gegeben. Das setzte sich nach Vortragsende noch fort.

Ohne Zweifel war der Vortrag eine stringente Darstellung wesentlicher Züge der Fahrzeuggeschichte. Das Problem besteht darin, dass unsere Geschichtsvorstellung immer Konstrukte sind, bei denen die Alternativen vernachlässigt werden. Die historische Entwicklung hatte in der Bundesrepublik moderne Viertaktmotoren hervorgebracht und in der DDR behinderte der Zentralismus die Weiterentwicklung des inzwischen veralteten Zweitaktmotors. Diese Konstellation besagt jedoch nichts über die generelle Wertigkeit von Zwei- und Viertaktmotor. Der große Siegfried Rauch schrieb in „DKW – Geschichte einer Weltmarke“, dass es kein logischeres Prinzip als den Zweitaktmotor gäbe, bei dem ein Takt so viel Kraft habe, wie beim Viertakter zwei. Rauch warf der westdeutschen Auto-Union die unverzeihliche Aufgabe des Zweitakt-Prinzips vor. Der DDR-Wirtschaftsführung muss man die unverzeihliche Behinderung der Weiterentwicklung des Zweitaktmotors vorwerfen. Es gibt aber im Erzgebirge immer noch Tüfftler, die den Zweitaktmotor weiter vervollkommnen, und die sich nicht damit abfinden wollen, dass dieses geniale Prinzip den Japanern überlassen wurde. Frieder Bach und Heiner Jakob machten mit ihrer Veröffentlichung zum Gegenkolben-Motor (https://buchversand.mironde.com/p/der-letzte-kompressor-zweitakter-mit-dkw-genen) auf das Potenzial des moderne Zweitaktmotors aufmerksam.

Clara Schwarzenwald

Information

Eberhard Kittler: Traumauto Volkswagen. Wie Käfer, Golf und Bulli in die DDR kamen. Motorbuchverlag. 2024. 256 Seiten, 21 × 28 cm. VP: 49,90 €; ISBN 9783613046405

www.motorbuch-versand.de

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Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.

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