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DAS DKW EPOS

Wer in den letzten Tagen das Museum für Sächsische Fahrzeuge in Chemnitz besuchte, der konnte den Umbau von einer Ausstellung zur anderen miterleben. Manch ein Besucher wunderte sich vielleicht, wie kompetent der eine oder andere „Aufbauer“ auf Fragen antwortete. Hier baut zum Beispiel Frieder Bach, der Grandsigneur, selbst mit auf. Am 22. April wurde dann die Sonderausstellung zum 100. Jubiläum der Aufnahme der Motorrad-Serienproduktion durch die Firma DKW in Zschopau eröffnet. Der Besucher kann alle Serienmodelle, die in der Zeit zwischen 1922 und 1945 produziert wurden, im Original sehen. Zeitgleich stellte Frieder Bach sein neues Handbuch zum Thema vor, in dem alle Serienmodelle ausführlich beschrieben, und durch die Fotos von Detlev Müller sorgfältig dokumentiert werden. 

Man konnte Frieder Bach an diesem Abend die Erleichterung anmerken. Hinter ihm liegt eine gewaltige Arbeitsleistung. In einem knappen Jahr verfasste er sein 336-Seiten-Handbuch, ging mit Detlev Müller auf lange Fotoreisen, organisierte die Ausleihe vieler Exponate bei befreundeten Leihgebern und baute auch noch die Präsentation informativ und eindrucksvoll auf. Die Zuschauer, unter ihnen nur wenige Frauen, verfolgen seine Erzählung gebannt, obwohl oder gerade weil sie fast alle aus der Szene kommen. Frieder Bach dankt den Leihgebern, den Unterstützern und der Mannschaft des Fahrzeugmuseums.

Dann beginnt Frieder Bach seine große DKW-Erzählung. Kenntnisreich bis ins kleinste Detail, die Zusammenhänge durchdringend und voller Verantwortung für die Region Chemnitz-Erzgebirge. Ab und zu bricht die Begeisterung durch. Der Däne Jørgen Skafte Rasmussen war schon ein Ingenieur-Unternehmer von besonderem Rang. Der Österreicher Carl Hahn, den er eigentlich als Privatsekretär einstellte, wurde schnell der Vertriebschef des jungen Unternehmens. Hermann Weber, der Konstrukteur, fuhr am Wochenende selbst Rennen und verbesserte in der Woche die Konstruktion der Motoren und Fahrzeuge. Aus der Erzählung Frieder Bachs erwächst bei uns eine Ahnung davon, wie es möglich war, dass Enthusiasten aus Dänemark und Österreich gemeinsam mit den Handwerkern aus dem Erzgebirge 1922 die Serienproduktion aufnahmen und bereits 1928 das wichtigste Motorradwerk der Welt repräsentierten. Hier ging es nicht nur um Stückzahlen sondern um permanente Weiterentwicklung. Es sei auf das Buch von Frieder Bach und Heiner Jakob „Der letzte Kompressor-Zweitakter mit DKW-Genen“ verwiesen, in dem eine Perfektionierung des Zweitakt-Motors dokumentiert wird, die das Sonderkonstruktionsbüro 1 unter Leitung des DKW-Rennleiters August Prüßing Ende der 1940er Jahre im Auftrag der SMAD in Chemnitz erreicht hatte.

Mehr als eine Stunde „predigte“ Frieder Bach frei der DKW-Gemeinde das große Epos. Erst durch seine Erzählung wird selbst den Fachleuten dieses und jenes verständlich, von den Laien wie mir ganz zu schweigen. Dann kam Frieder Bach in einer Episode auf den Nachlass Hermann Webers zu sprechen. Neben vielen Unterlagen habe dieser auch die Skizze eines Renn-Motorrades enthalten, das er nicht kannte. Selbstironisch meinte Bach: ein DKW-Motorrad, das ich nicht kenne – kann es eigentlich nicht geben … Aber Frieder Bach wäre nicht Frieder Bach, wenn er sich hier zufriedengegeben hätte. Und wie nebenbei zog er ein weißes Tuch bei Seite, unter dem sich bis dahin sein Nachbau der ersten DKW-Rennmaschine verbarg. 

Auffällig ist der Holzrahmen, der nach Hermann Webers Idee eingesetzt wurde, um Gewicht zu sparen. Die Maschine wiegt nur 21 Kilogramm.

Nach den Worten Frieder Bachs wurde die Maschine nach dem Test dem Anschein nach auseinandergenommen und nicht wieder zusammengebaut. So sind nur Einzelteile überliefert. Außer dem Rahmen hatte er zufällig alles in seiner Sammlung. Wenn die alte Kurbelwelle erneuert wird, an ihr wird noch gearbeitet, ist die Rennmaschine wieder fahrbereit.

Die Gemeinde war zunächst nahezu sprachlos. Doch dann entluden sich die Emotionen in dem herzlichen Beifall für Frieder Bach.

Am Ende musste Frieder Bach unablässig seine Bücher signieren.

In der Ausstellung sind alle Serienmodelle zu sehen.

Mit der Präsentation des Nachbaus der ersten Rennmaschine gelang es Frieder Bach den DKW-Geist zu vergegenständlichen. An diesem Geist gilt es anzuknüpfen. Die DKW-Produktion, wie auch die nachfolgende MZ-Produktion, gibt es nicht mehr. Aber der Geist ist unsterblich. Keine der Ideen geht verloren. Wenn es an der Zeit ist, werden sie verwirklicht. Heute sind wieder die kleinen Fahrzeug-Unternehmen in der Region die Träger von Tradition und Innovation.

Frieder Bach und der Mannschaft des Fahrzeugmuseums gilt unser Dank.

Clara Schwarzenwald

Information

Frieder Bach stellt sein neue Buch am Mittwoch, dem 27. April 2022, um 19 Uhr in der Stadtbibliothek Zschopau, Schloss Wildeck 1, im Grünen Saal vor.

Frieder Bach: Zwei-Takte und Zwei-Räder. DKW-Serienmotorräder von 1922 bis 1945

Fester Einband, Fadenheftung, Lesebändchen, etwa 500 Fotos und Abbildungen

23,0 × 23,0 cm, 320 Seiten VP 39,90 €

ISBN 978-3-96063-039-5

Erhältlich im Buchhandel oder direkt beim Verlag: https://buchversand.mironde.com/epages/es919510.sf/de_DE/?ObjectPath=/Shops/es919510/Products/9783960630395

Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.

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One thought on “DAS DKW EPOS

  1. Vor Frieder Bachs Leistungen in Sachen Fahrzeughistorie, Recherche und seinem Fleiß, Bücher zu publizieren sowie Vorträge darüber zu halten, ziehe ich meinen Hut! Mit ihm existiert ein Mann, der Theorie und Praxis mit technisch-historischer Schriftstellerei zusammenbringt. Das Bewahren von Technik-Geschichte ist für mich als Fahrzeug-Ingenieur ein Anliegen, das er in besonderem Maße erfüllt. Weiter so!
    MfG!
    Dr. Bernward Bayer

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