Rezension

Die Kommissare verschwanden …

Vor einige Jahren fand ich auf einem Trödelmarkt die 1935 in Moskau erschienene russische Ausgabe der »Geschichte der Bürgerkriegs in der UdSSR«. Diese Ausgabe enthielt, im Gegensatz zur der wenig später gedruckten deutschen, noch die Seiten mit den Portraits der 1917 auf dem VI. Parteitag der SDAPR gewählten Mitglieder des Zentralkomitees dieser Partei. Nun waren diese Seiten zwar noch vorhanden, zu meiner Enttäuschung aber die Bilder von Trotzki, Sinowjew, Kamenew, Bucharin, Sokolnikow und Rykow ausgeschnitten und ihre Namen mit Kopierstift unkenntlich gemacht. Beim Weiterblättern musste ich feststellen, dass auch andere ehemals führende Bolschewiki, die die Jahre 1937 bis 1938 nicht überlebt hatten, der Selbstzensur des früheren Besitzers des Buches zum Opfer gefallen waren. Was ich in den Händen hielt, war somit ein einzigartiges Dokument, ein Beweis dessen, was Wolfgang Leonhard am Beispiel der Abonnenten der »Großen Sowjetenzyklopädie« erzählte: Jedes Mal, wenn jemand zur »Unperson« wurde, forderte man die Abonnenten auf, dessen Bild mit einer Rasierklinge zu entfernen und durch ein ihnen zugesandtes Bild oder einen Artikel zu ersetzen.

David King, wohl einer der ambitioniertesten Kenner und Sammler der Kunst der sowjetischen Avantgarde und der Stalin-Epoche, der dieses erschreckende Phänomen an Hand vieler Beispiele illustriert, machte 1984 im früheren Atelier des 1956 verstorbenen berühmten Avantgarde-Malers und -Fotografen Alexander Rodtschenko, in dem die Zeit seit dem Tod des Meisters stehengeblieben zu sein schien, eine Entdeckung, die ihm vorkam wie das Aufstoßen einer Tür zu einem furchtbaren Verbrechen: Er stieß auf eine von Rodtschenko bebilderte Broschüre mit den Titel »Zehn Jahre Usbekistan«, die 1934 erschienen war. Da aber Stalin 1937 einen Teil der Parteifunktionäre Usbekistans umbringen ließ, machte Rodtschenko ihre von ihm gefertigten Portraits unkenntlich. Und nicht nur das, denn durch das Übermalen nahmen einige nunmehr monströse Züge an. Dieses Auslöschen des eigenen Werkes aus schierer Angst, und das ist beileibe nicht das einzige Beispiel, das King bringt, wirft ein grelles Licht auf eine Gesellschaft, in der in einer seltsamen Täter-Gemeinschaft zwischen den Generalstaatsanwalt Wyschinski und willfährigen Karikaturisten die angeklagten ehemals führenden Bolschewiki als »tollwütige Hunde, Schlangen und Hyänen« bezeichnet wurden. Aber die ikonographische Eliminierung der Bilder angeblicher Partei- und Volksfeinde erfüllte noch einen anderen Zweck. In der Umschmiedung der biblischen Erzählung vom Heiland und seinen Aposteln wurden in der stalinistischen Realität die Apostel (dieses Mal Lenins) umgebracht und nur einer, mehr und mehr dem Volke entrückt und über ihm thronend, überlebte und erklärte sich selbst zum Heiland. Das exemplifiziert King an dem Cover der Illustrierten »Okonjok« Nr. 52/ 1949, das dem mit freudig gestimmten Menschen gefüllten abendlichen Roten Platz in Moskau zeigt und über ihnen schwebend, angestrahlt von Scheinwerfern aus dem Kreml, gottähnlich Stalin. Da ist nichts mehr vom oft bemühten freundlichen Stalin unter Werktätigen und mit Kindern, oder wie er, auch das oft dargestellt, dem nachdenklichen Lenin eine Vision, ein Problem erklärt, nein, die einzige Verbindung zum Volk sind nunmehr die Strahlen der Scheinwerfer, diese sollten vielleicht auch das Medium seiner göttlichen Ratschlüsse symbolisieren, die er ab und zu dem Volke zudachte. Aber zuvor musste er sich eben der Apostel Lenins entledigen, er, der Vater der Völker und Freund der Werktätigen (welche unmarxistische Sprache übrigens!) brauchte sie nicht mehr, sie standen seiner Herrschaft im Wege und eigentlich hatten diese Menschen nie existiert. Aber auch zeitweilige Mitkämpfer, Apologeten und Günstlinge verschwinden, Gruppen, in denen er abgebildet war, schrumpfen, bis nur einer übrig bleibt, überlebensgroß: Stalin. Dass die Kommunisten in aller Welt diese Götzendienerei und die Liquidierung einer ganzen Generation führender Bolschewiki und der Erinnerung sie mitgemacht oder toleriert haben, wird immer ein Schandfleck der historischen Arbeiterbewegung bleiben. Hannah Arendt, jene hellsichtige Anatomin des Totalitären, noch dazu verheiratet mit einem ehemaligen Kommunisten, kannte zwar diese moderne Form der Bilderstürmerei nicht in allen Details, hätte sich aber durch das Buch von Davis King in ihrer Feststellung bestätigt gesehen, dass nach der juristischen Person die moralische ermordet wird und der Tod die Besiegelung dessen ist, dass es diese Person niemals gegeben hat.

Es war eine gute Entscheidung des Dietz-Verlegers, das Buch »The Commissar Vanishes. The Falsification of Photographs an Art in Stalin᾿s Russia« ins Programm aufzunehmen und übersetzen zu lassen. Mit den 336 Abbildungen stellte King ein faszinierendes Bilderbuch des Makabren zusammen, das mehr aussagt als viele Bücher, die über den Stalinismus geschrieben wurden.

Werner Abel

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Information

David King: Die Kommissare verschwinden. Die Fälschungen von Fotografien und Kunstwerken in Stalins Sowjetunion. Karl Dietz Verlag GmbH, Berlin 2015, 232 Seiten, 29,90 Euro

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