Reportagen

Buchpremiere in Naumburg

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Der 25. August zeigte sich in Naumburg als trüber Spätsommertag. Das Nietzsche-Haus an der Jacobsmauer lag im Dunkeln. Nur wenige Menschen wissen wahrscheinlich heute noch, dass der 25. August der Todestag des Literaten und Philosophen Friedrich Nietzsche ist.

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Die Fenster des Nietzsche Dokumentationszentrums, gleich neben dem Nietzsche-Haus, waren hell erleuchtet. Hier gedachte eine kleine, illustre Gemeinde des Namensgebers mit der Erstvorstellung eines Buches von Rüdiger Görner »Die Leiden des N. Eine Naumburger Trilogie«.
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Minister a.D. Curt Becker begrüßte die Gäste im Namen des Rates der Nietzsche-Stiftung, und stellte den in London lehrenden Literaturprofessor, der auch korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ist, vor. Manchem Gast war Rüdiger Görner aber auch bereits durch seine Teilnahmen an den Tagungen der Nietzsche-Stiftung bekannt.
Curt Becker hob hervor, dass Rüdiger Görner seit Thomas Mann der erste Schriftsteller ist, der der Stadt Naumburg ein literarisches Denkmal setze. Im Buch werde in Versform episodenhaft über das Leben von Friedrich Nietzsche, dem Ägyptologen Richard Lepsius und dem Orgelbauer Zacharias Hildebrandt berichtet. Die Verse ließen sich auf den ersten Blick sehr gut lesen, wiesen aber eine Tiefe auf, die selbst für gebildet Leser anspruchsvoll zu nennen sei. In den drei Kapiteln mache der Autor mehr oder weniger direkte Verbindungen zwischen den drei Personen und Naumburg deutlich.
Nietzsche und Lepsius hätten ihr Lebenswerk außerhalb von Naumburg vollendet. Der Nicht-Naumburger Hildebrandt dagegen habe mit dem Orgelbau in Naumburg sein Lebenswerk hier vollendet. Man könne stolz sein, drei solch große Naumburger zu haben.
Zu dem hervorragenden Text habe der Chemnitzer Maler und Grafiker Osmar Osten eindrucksreiche Bilder gefunden, mit hervorragenden Stilelementen.
Er könne dem Buch nur noch eine große Verbreitung wünschen.
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Oberlandesgerichtspräsident Winfried Schubert würdigte das Erscheinen des Buches im Namen der Lepsius- und der Hildebrandtgesellschaft.
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Mike Rottmann hieß die Gäste im Namen des erkrankten Hausherren Dr. Ralf Eichberg, willkommen.

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Rüdiger Görner war sichtlich bewegt, ob der herzlichen Atmosphäre. Es sei, so sagte er, wie bei allem Schreiben, eine Anmaßung, wenn er nach einigen Naumburg-Besuchen eine Naumburger Trilogie vorlege. Das Understatement gehört zu den angenehmen Eigenschaften des Professors. Um Missverständnisse zu vermeiden fügen wir deshalb an, dass er über außergewöhnliche Kenntnisse der europäischen und deutschen Literatur-, Musik- und Philosophiegeschichte verfügt. Er ist der Autor zahlreicher Monographien und Herausgeber einiger Briefeditionen u.ä. Die Naumburg-Besuche gehören zu diesem Forscherleben, weil er sich auch eine sinnliche Anschauung verschaffen will. So verwundert es nicht, wenn er die Anziehungskraft des historischen Naumburger Marktplatzes hervorhebt. Und, wenn er an einen Abwesenden erinnert: den in Naumburg geborenen Bodo Strauß. Dieser sei nicht unwesentlich für die dargestellten Szenen, auch, weil er ein intensives Verhältnis zu Nietzsche und dessen Arbeit mit der Sprache, wie auch zu Lepsius habe. Und: Nietzsche, Lepsius und Hildebrandt seien auf ihre Weise und auf ihren Gebieten Entdecker gewesen.

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Rüdiger Görner las dann einige Strophen aus seinem Buch. Mit seiner präzisen Erzählerstimme ließ er die Gäste in das Leben von Richard Lepsius und Friedrich Nietzsche eintreten.

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Görners Sprache ließ die Zuschauer zugleich in einen Traum eintreten. Man fühlte sich in der Audienz beim preußischen König, sah ein Kamel durch die Terrassentür schauen und Friedrich Nietzsche den Löwen vor der Naumburger Apotheke streicheln.

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Am Ende erwachten wir viel zu früh aus dem Traum. Herzlicher Beifall dankte dem Autor für das einmalige Ereignis. Noch lange wurde an diesem Abend über den Kontext des neuen Büchleins diskutiert, Querverbindungen hergestellt, neue Gedanken gefasst.

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Osmar Osten, der die grafische Ausgestaltung des Buches übernommen hat, wurde nicht nur von den Rednern, auch von vielen Besuchern für sein Werk gedankt.

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Am Ende fragten wir uns, warum Professor Görner keine wissenschaftliche Abhandlung über das Leben Nietzsches schrieb. Einerseits hat er das schon gemacht, denken wir an »Nietzsche und die Kunst«, im Insel-Verlag erschienen. Will er einen größeren Leserkreis erreichen? Aber die Zahl der Lyrik-Leser dürfte sich nur wenig von der Zahl der Leser wissenschaftlicher Untersuchungen unterscheiden. Warum dann? Vielleicht, weil die poetische Form für die Entdeckung neuer Gedanken besser geeignet ist als ein formal exakter wissenschaftlicher Text? Geht es in der Poesie nicht vordringlich um die Entdeckung des Nicht-Sagbaren und des Nicht-Sichtbaren? Und hier merken wir endlich, dass an diesem 25. August noch einem anderen großen Geist zu gedenken ist: Johann Gottfried Herder wurde vor 270 Jahren in Mohrungen in Ostpreußen geboren. Für Herder und seinen väterlichen Freund Johann Georg Hamann war die Poesie die Muttersprache des Menschengeschlechts.
Johannes Eichenthal

Information
Görner, Rüdiger: Die Leiden des N. Eine Naumburger Trilogie.
Mit zehn Collagen vom Osmar Osten. 48 Seiten, fester Einband, Fadenheftung, Lesebändchen. VP 19,00 €. ISBN 978-3-937654-55-3
Bezugsmöglichkeit: www.mironde.com

9783937654553

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