Reportagen

Wiener Wege der Moderne

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Seit dem 17. Dezember ist im Wiener Museum für Angewandte Kunst (MAK), in seinem anlässlich seines 150. Gründungsjubiläums,  eine Ausstellung mit dem Titel »Wege der Moderne. Josef Hoffmann, Adolph Loos und die Folgen.« zu sehen. Dem Anschein nach liegt die Betonung in dieser Überschrift auf allen Worten. Die umfangreiche Ausstellung ist in fünf Bereiche gegliedert:

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1. Neue Konsumwelt. Hier wird die mit dem Übergang von der manufakturellen zur industriellen Massenproduktion verbundene Auflösung der äußerlichen Standesunterschiede als Möglichkeit einer neuen Form der Individualität, die mit dem Aufkommen von stetig mehr Auswahlmöglichkeiten nach dem Geschmackskriterien einhergeht, in den Mittelpunkt gestellt.

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2. »Die Großstadt. Otto Wagner.« Hier wird der »Vater der Wiener Moderne« und sein ausgewogenes Verhältnis der Gegensätze Bewahren und Erneuern vorgestellt.

150326Wien1510Adolf Loos: Entwurf zum Chicago Tribune Tower, 1922

»Jeder neue Stil ist allmählich aus dem früheren dadurch entstanden, daß neue Konstruktionen, neues Material, neue menschliche Aufgaben und Anschauungen eine Änderung oder Neubildung der bestehenden Formen erforderten.« (zitiert nach Katalog, S. 22.) Den Architektenberuf schätzte Otto Wagner (1841–1918), wegen seiner glücklichen Vereinigung von Idealismus und Realismus«. (Katalog S. 24) Wagner stand in der Tradition der griechischen Auffassung von Kunst als »techne«. Folgerichtig erteilte er der Auffassung von »zweckfreier Kunst« eine Absage: »Das praktische Element, mit welchem die Menschheit heute durchtränkt ist, lässt sich eben nicht aus der Welt schaffen und jeder Künstler wird sich endlich zu dem Satze bequemen müssen: Etwas Unpraktisches kann nie schön sein.« (Ebenda, S. 24)

150326WienNeu1499Foto: Ein Original-Gemälde von Gustav Klimt gehört auch zur Ausstellung. Klimt war mit Josef Hoffmann befreundet.

3. Moderne Lebensweise. Josef Hoffmann und Adolf Loos.
Am Beispiel der beiden Wagner-Schüler Josef Hoffmann (1870–1956) und Adolf Loos (1870–1933) wird das Aufbrechen der Gegensätze von Bewahren und Erneuern zwischen 1897 (der Secession) und 1910 (dem Zeitpunkt der Veröffentlichung des Vortrages von Loos mit dem Titel »Ornament und Verbrechen«) dargestellt.

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In der Ausstellung und im Katalog wird das Verhältnis dieser beiden Ausnahmearchitekten differenziert und ausgewogen thematisiert. Im Katalog heißt es dazu: »Während die Secessionisten nach einem neuen Stil suchen, fordert Loos einen neuen Menschen.« (Katalog S. 24) Es gehört zu den Stärken der Ausstellung, dass sie sowohl die künstlerischen Experimente der Secession wie Loos᾽ strategische Arbeit an einer bürgerlichen Emanzipation mit gleicher Sorgfalt dokumentieren. Es gibt eben immer mehrere besondere Wege, auch zu »der« Moderne.

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In den beiden letzten Schwerpunkten »Neue Wiener Wege. 1910–1938« und »Ressourcen. 1960 bis heute« wird die Brücke zu unserer Gegenwart geschlagen. Die ersten drei Schwerpunkte haben unseren Blick geschärft. Von den künstlerischen Experimenten ist heute nur noch der so genannte »Kunstmarkt« verblieben. Kunst müssen wir woanders suchen.

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Stadt des gefesselten Erdballs, Office for Metropolitan Architecture (OMA), 1976

Die Emanzipation des Bürgers vom bloßen Konsumenten ist dagegen auch heute noch eine Aufgabe für das Individuum geblieben. Zurück zu Otto Wagner möchte man rufen! Aber zu einem Wagner unserer Zeit, zu einem weitergeführten, zu einem weiterführenden Otto Wagner.

Insofern erinnert uns die Ausstellung an die einstige Rolle Wiens zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Walter Benjamin hatte Paris als die geistige Hauptstadt Europas des 19. Jahrhunderts benannt. Doch schon Ende des 19. Jahrhunderts hatte Wien diese Rolle wieder übernommen. 1914 und 1933 gab es schmerzhafte Verluste. Mit der österreichischen Neutralität und spätestens mit dem Ende des Kalten Krieges begann Wien seine Rolle als geographischer Mittelpunkt Europas wieder auszufüllen. Die Ausstellung im MAK bietet eine Möglichkeit, die historischen Voraussetzungen der Wiener Debatte auch sinnlich aufzunehmen. Bis zum 19. April ist noch Gelegenheit.

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Information

MAK, Stubenring 5, A-1010 Wien Austria
www.MAK.at

Ausstellungskatalog
Christoph Thun-Hohenstein, Matthias Boeckl, Christian Witt-Dörring (Hrsg.): Wege der Moderne. Josef Hoffmann – Adolf Loos und die Folgen.
Birkhäuser Verlag Basel 2014 ISBN 978-3-0356-0377-4

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One thought on “Wiener Wege der Moderne”

  1. Ausstellungen solcherart öffnen Räume und vermitteln Denkanstöße in Fülle ! Wenngleich über die LitteratA – aber
    dem Berichterstatter in Wort und Bild sei
    herzlich gedankt, vermittelt der Beitrag doch einen höchst interessanten Ein- und Überblick. Siegfried Arlt

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