Reportagen

Unterwegs zu Henry van de Velde

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Am 13. Mai brach eine kleine Schar von Chemnitzer Vandevelde-Bewunderern zu einer Reise in die Hauptstadt des Königreiches Belgien auf, um sich wichtige Lebensstationen eines Grandseigneurs der europäischem Kunst und Architektur zu vergegenwärtigen. Die selbst genutzten Wohnhäuser bieten vielleicht die aufschlussreichsten Einblicke in die Seele eines Architekten. Diese Häuser waren vor allem das Ziel der Reisenden.

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Im heute noch vergleichsweise beschaulichen Brüsseler Vorort Uccle fing alles an. Die kunstbegeisterte rheinländische Schwiegermutter steuerte ein Grundstück bei: 1895 baute van de Velde als sein erstes Projekt das Familienwohnhaus »Bloemenwerf« im so genannten englischen Landhausstil. Schon wenige Jahre später verlegte Henry van de Velde seinen Firmensitz nach Berlin und später nach Weimar. Er wurde von Harry Graf Kessler und seinem Kreis, zu dem auch Walther Rathenau gehörte, gefördert. Graf Kessler wollte an die beiden Epochen anknüpfen, in denen Weimar als eine europäische Kulturbrücke wirkte und über keine militärische Macht verfügte. Dieses Bild von »Weimar III« sollte für Deutschlands Rolle in Europa stehen. Als Protegé der Großherzogin Karoline und Elisabeth Förster-Nietzsches wurde van de Velde am 24. Dezember 1901 vom Großherzog zum künstlerischen Berater für Industrie und Kunsthandwerk ernannt. Daraus folgte van de Veldes Berufung zum Direktor der Kunsthandwerksschule und 1903 seine Ernennung zum Professor. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs errichtete van de Velde neben seiner Lehrtätigkeit in Deutschland, den Niederlanden, der Schweiz und Russland zahlreiche wichtige Bauwerke, darunter die Villa Esche, das Tennis-Clubhaus und die Villa Koerner in Chemnitz. Doch seine Weimarer Zeit endete nicht glücklich. Die politische Dummheit des Großherzogs, des Kaisers Wilhelm II. und der Erste Weltkrieg machten eine weitere Arbeit in Deutschland unmöglich. Van de Velde wurde als »feindlicher Ausländer« wahrgenommen. Der in europäischen Dimensionen denkende van de Velde, der seine künstlerische Naivität bewahrte, vermochte lange nicht die Instrumentalisierung des Patriotismus durch die herrschenden Kreise Europas ernst zu nehmen. Dadurch geriet er in fatale Situationen.

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Nach der Vertreibung aus Weimar, und Zwischenstationen in der Schweiz und in den Niederlanden, traf van de Velde 1926 wieder in Belgien ein. 1926/27 errichtet er für seine Familie das Haus »La Nouvelle Maison« in Tervueren, einem Vorort von Brüssel.

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Durch einen Vergleich mit seinem Erstlingswerk wird die Entwicklung deutlich, die van de Velde nahm. Das neue Haus kommt ohne verspielte Details und Schnörkel aus.

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Es ist auf die wesentlichen Funktionen reduziert. Die abgerundeten Ecken verbinden das Haus mit der Natur der Umgebung.

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1927 wurde er vom belgischen König zum Gründungsdirektor des »L‘Institut Superior des Arts Decoratifs« im ehemaligen Kloster La Cambre in Brüssel ernannt. Zugleich wurde er als Professor für die Geschichte der Architektur und des Designs an die Universität Gent berufen.

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1933 baute er die Villa für Professor Gregorgi (Villa Grégoire) in einem sehr schmalen Grundstück im Brüsseler Ortsteil Uccle. Hier können wir noch einmal eine Minimalisierung des Bauwerkes bei Maximalisierung der Funktionsmöglichkeiten wahrnehmen.

Die heutigen Besitzer erlaubten uns freundlicherweise eine Besichtigung, obwohl wir nicht angemeldet waren. (Besichtigung ist sonnabends auf Anmeldung möglich.)

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1943 starb Maria van de Velde, geborene Sethe. Sie war nicht nur treue Ehefrau und Mutter seiner Kinder, sondern auch die erste Mitarbeiterin des Meisters. Ihr großer Anteil am Werk ist leider nicht unmittelbar sichtbar. Nervenzusammenbrüche u.ä., wie sie ihr Mann praktizierte, konnte sie sich nicht leisten. Wie ein guter Trainer vermochte sie ihren Mann immer wieder zur Selbstmotivierung anzuregen. Selbst die Buchführung wurde von ihr erledigt, weil die überschäumende Phantasie ihres Mannes mit den »wichtigen Kleinigkeiten« des Lebens nicht klar kam. Der Verlust seiner Frau war für van de Velde vielleicht der wesentlichste Einschnitt seines Lebens und seines Werkes. 1957 wurde auch Henry van de Velde auf dem Friedhof in Tervueren neben seiner Frau beigesetzt.

Henry van de Velde war 1926 von belgischen Kultusminister Camille Huysmanns wieder nach Belgien eingeladen worden. Der belgische Staat zeigte großes Interesse am Schaffen van de Veldes. Zugleich wurde er aber auch mit unsachlicher Kritik empfangen.

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Anstoß erregte sein langer Aufenthalt in Deutschland. Eine sachliche Kritik stand eher im Hintergrund. Prof. Victor Horta (1861–1943) bekämpfte und verunglimpfte van de Velde und sein Werk erbittert, obwohl oder gerade weil (?) beide zur gleichen Generation gehörten und um 1900 als Reformer angetreten waren. Brüssel ist von den Bauwerken Hortas geprägt und sein Bekanntheitsgrad übersteigt den van de Veldes in Brüssel heute beträchtlich. Das ehemalige Wohnhaus von Horta ist heute als Museum eingerichtet. Samstags ist es vormittags für Gruppen und nachmittags für Einzelbesucher geöffnet. Das Wohnhaus Hortas offenbart uns einen Blick in dessen Seele. Es wird von einem völlig überladenen Repräsentations-Jugendstil, eine Art von »barockem Altersstil«, geprägt. Im direkten Vergleich zu Horta wird die Größe van de Veldes um so deutlicher sichtbar. Man sollte deshalb auch dieses Museum besuchen.

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Auf unserer Heimfahrt hatten wir wieder einmal Zeit zum Nachdenken. Wer war dieser Henry van de Velde? Für seine Zeitgenossen wie für heutige Kunsthistoriker war und ist diese Frage offensichtlich schwer zu beantworten.

Die belgischen Zeitgenossen verübelten ihm seinen Weggang aus Belgien in einer Zeit der Instrumentalisierung des Patriotismus. Dabei ist Belgien ein Land, das vom Zusammenleben der Wallonen, Flamen und Deutschen geprägt ist. Ein Europa im Kleinen.

Die Kunsthistoriker vermissen die klare Einordnungsmöglichkeit in eine ihrer Schubladen. Ein reiner Jugendstilkünstler war van de Velde wohl eher nicht. Aber ein Bauhäusler auch nicht? In der »vergleichenden Methode« der Kunsthistoriker schwingt mitunter die Vorstellung mit, dass der »Stil-Begriff« etwas Unveränderliches definiere, ähnlich der »Klasse gemeinsamer Merkmale« bei Definitionen der mathematischen Logiker. Dahinter steckt die Sehnsucht nach einem festen Grund, einer Insel im »Ozean der Kunstgeschichte«. Aber der wissenschaftliche Stil-Begriff erfasst gerade die Veränderung der Form, nicht der bloßen Hülle, sondern als Formierung im Hegelschen Sinne.

Wenn man die neueste Van-de-Velde-Biographie aus Weimar liest, die unglückliche Ausstellung »Wege nach Weimar« von 1999 haben wir schon vergessen, dann könnte man glauben, in Weimar wüsste man bis heute nicht so genau, wie das Wirken van de Veldes zu bewerten ist. Sicher, van de Velde und sein Mäzen Graf Kessler machten in ihrem Streben nach »Weimar III« auch Fehler. Doch wer ist frei von Fehlern? Unter anderem wird die umfängliche Reisetätigkeit der beiden noch heute als Kritikpunkt angeführt. Aber beide wollten Weimar in europäische Netzwerke einbinden. Ohne Reisen würde das selbst heute nicht funktionieren.

Vielleicht ist das Scheitern des »Weimar-III-Projektes« auch ein Symbol für das Scheitern Deutschlands zu Beginn des 20. Jahrhunderts? Neben den USA war Deutschland vor 1914 das dynamischste Land jener Zeit. Aber der Hof-Staat in Berlin und in Weimar vermochte nicht mehr dem Wohl des modernen Industrielandes und seines Geistes gerecht zu werden. Im Gegenteil. Die jahrzehntelange Hochrüstung kulminierte. Der europäische Herrschaftsadel flüchtete in einen Krieg, den man sich gemäß den Erinnerungen aus dem 19. Jahrhundert vorstellte, der aber den industriellen Krieg des 20. Jahrhunderts, die »moderne Büchse der Pandora« öffnete.

Harry Graf Kessler und sein Kreis hatten rechtzeitig versucht eine Alternative zu dieser verhängnisvollen Entwicklung zu verwirklichen. Das ist der entscheidende Punkt. Diesem Versuch sollte man heute gedenken, nicht seinem Scheitern.

Zuletzt, doch nicht vergessen: bei Henry van de Velde können wir einen lebenslangen Lernprozess verfolgen. Er war immer unterwegs. Er suchte ständig nach neuen Lösungen, dachte und zeichnete unaufhörlich weiter. In diesem Punkt finden wir seine Größe, wie seine Schwächen.

Aber gerade das »Unterwegs-Sein« machte ihn auch noch im Alter, nach seiner Emeritierung, für seine Studenten interessant und beliebt. Sie wollten gern mit Henry van de Velde unterwegs sein. Der Grandsigneuer überschritt Denk-, Form- und Ländergrenzen. Gehen wir mit!

Johannes Eichenthal

Information

In der Chemnitzer Villa Koerner wird es 2016 einen detaillierten Reisebericht zu hören und zu sehen geben.

www.villa-koerner.com

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Die Villa Koerner in Chemnitz, erbaut 1914.

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