Reportagen

Literaturpreisverleihung in Weimar

Der 31. Mai begann sonnig und warm. Vom Parkplatz des Weimarer Schlosses Belvedere (1726/32 nach einem Entwurf von Johann Adolf Richter und Gottfried Heinrich Krohne erbaut) führt uns der Weg direkt zu einem neuzeitlichen Bauwerk (1996 nach einem Entwurf der Kölner Architekten Thomas van den Valentyn und Seyed Mohamad Oreyzi errichtet). In diesem Neubau befindet sich unser Ziel: der Konzertsaal des Musikgymnasiums Weimar. Hier sollte die Verleihung des Literaturpreises der Konrad-Adenauer Stiftung 2015 stattfinden. Beim Betreten des Saales wird unser Blick sofort vom einzigen, allerdings überdimensionierten, Fenster an der Stirnseite gebannt. Von diesem Fenster wird der ganze Saal, der auf uns den Eindruck einer Turnhalle macht, dominiert.

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Langsam füllten sich die Reihen. Dr. Hans-Gert Pöttering, der Vorsitzend der Konrad Adenauer-Stiftung und Präsident des Europäischen Parlamentes a.D., begrüßte die Gäste, darunter eine erstaunlich große Zahl an politischer Prominenz: Bundestagspräsident Dr. Norbert Lammert, Ex-Ministerpräsident Bernhard Vogel, zahlreiche aktive Minister und Abgeordnete sowie solche im Ruhestand.

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Zwei junge Musiker des Musikgymnasiums und Hochbegabtenzentrums der Hochschule für Musik Franz Liszt eröffneten die Veranstaltung mit einer Probe ihres Könnens.

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Lea Cyriaci (Klavier) und Raphael Zinner (Violoncello) begeisterten die Zuhörer mit drei Sätzen aus Beethovens Sonate für Klavier und Violoncello in C-Dur op. 102.

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Prof. Dr. Rüdiger Görner von der Queen Mary University of London war die Laudatio auf die Trägerin des Literaturpreises der Konrad Adenauer Stiftung 2015 vorbehalten. »Mein Name sei Nadeshda oder: Mit der Stimme küssen. Die poetische Welt der Marica Bodrožić« lautete der Titel.

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Rüdiger Görner umriss das weite Arbeitsspektrum der Preisträgerin: Erzählungen, Essays, Prosa und Gedichte. Zugleich hob er den besonderen Umgang mit der deutschen Sprache hervor. Die Autorin schreibe mit fünf Sinnen und verdichte diese zu einem sechsten Sinn – der Stimme. Der Stil von Marica Bodrožić sei in der deutschen Gegenwartsliteratur singulär. Grammatik werde bei ihr zur Spracharchitektur. Ihre Sätze seien wie ein musizierendes Orchester aufgebaut. Bodrožić frage, wo die Schönheit in einer Welt der Ent-Wertung sein könne. In Anlehnung an Elias Canetti begreife sie den Dichter als Hüter der Verwandlungen, die seit Ovid im Namen der Literatur vollzogen würden. Dichtung werde zur Sprachlandschaft. Böhmen liege dann am Meer. Oder beim Abstieg vom Brocken könne man Dover erblicken. Gedanken würden zum Raum. Für Bodrožić sei diese Verwandlungsfähigkeit mit Cervantes in den Verwandlungen des Lebens begründet. Ein Autor vermag sich zu verwandeln, weil so viele Leben durch ihn hindurchgingen. Deshalb kann er den Raum zwischen den Buchstaben erkennen oder auch Worte fühlen. »Ich weiß, dass dem Menschen seine Gedanken Vorstellungen sind« schrieb Goethe lange vor Schopenhauer. Die Autorin sage, dass die deutsche Sprache in ihr einen Lobgesang, einen Webteppich bewirke. Die Buchstaben seien für sie ein »Vorzimmer Gottes«. Hier so Görner, hörten wir Johann Georg Hamann raunen, Friedrich Hölderlin ohnedies. Dessen griechisches Deutsch habe für die Autorin von der dalmatinischen Küste eine besondere Bedeutung. Diese Autorin könne sich eine Biographie der Buchstaben vorstellen.

Die Texte der Autorin seien »ins Hörbare übersetzte Sinnlichkeit«. So schildere sie die Freude, die sie bei der Entdeckung des Wortes »Herbstzeitlose« verspürte: den Gegensatz der an eine Jahreszeit gebundenen Pflanze und der Zeitlosigkeit.

Die Autorin könne auf ein Werk verweisen, dass einem Herbstreigen an Worten gleiche, mit Sprachformen, die wie Lichtwellen vibrierten.

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Nach der Laudatio übergab Dr. Hans-Gert-Pöttering der Autorin Marica Bodrožić den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung 2015.

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Marica Bodrožić trat nach der Entgegennahme des Preises zu einer Dankesrede, die mit »Horizont und Ganzheit« überschrieben war, ans Mikrophon.

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Die neue Preisträgerin beschwor die Macht der Sprache in einer Welt des Wandels. Leben ist Veränderung in der Zeit. Ein Buchstabe kann das Leben verändern (Joseph Brodsky). Was in der Zeit bestand hat, überlebt oft nicht in unserem Geist.

Sie zitierte Karl Kerényi und James Joyce. Unsere Technikzivilisation und die pragmatische Gegenwart reduziere das Leben auf das Sichtbare. Das Geheimnis der Schöpfung brauche jedoch Offenheit und Fragen, damit wir in luziden Momenten erkennen können, dass nicht wir das Buch lesen oder schreiben sondern dass es mitunter umgekehrt ist. Schönheit ist weit mehr als eine Eigenschaft des Menschen sondern sein Urbild. Schönheit ist nicht von Dauer sondern die Dauer selbst. In einer Zeit der Zivilisationsbrüche müssen wir Schönheit neu in unser Wesen verwandeln. Freiheit ist das eigene Leben in eigene Worte fassen zu können. Schönheit ist ein Bewusstsein. Sie gehört keiner Religion, keiner Partei, keinem Opfer, sie ist einfach da und spricht …

Das Publikum dankte Marica Bodrožić mit herzlichem Beifall. Im Anschluss wurde ein Schüler des Musikgymnasiums ausgezeichnet. Abschließend erklang eine Sonate für Klavier und Violoncello von Claude Debussy. So ging diese Preisverleihung zu Ende, wie sie begonnen hatte. Doch die Rede der Preisträgerin bot noch lange Gesprächsstoff, so dass sich die Festgesellschaft nur zögerlich auflöste. In kleinen Gruppen gingen die Gespräche und Begegnungen weiter.

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Rüdiger Görner widmete ein Exemplar seiner Dichtung »Die Leiden des N. Eine Naumburger Trilogie« …

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… für Bundestagspräsident Dr. Norbert Lammert.

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Kommentar

Die Autorin Marica Bodrožić war ohne Zweifel für uns Laien eine Entdeckung. Rüdiger Görner hatte die Jury ausdrücklich zu Ihrer Entscheidung beglückwünscht. Insidern ist sie jedoch schon länger bekannt. Marica Bodrožić (1973 in Dalmatien geboren, 1983 nach Hessen übersiedelt) kann auf zahlreiche renommierte Preise verweisen (Förderpreis Literatur der Akademie der Künste Berlin, Kulturpreis deutsche Sprache, Literaturpreis der Europäischen Union, Kranichensteiner Literaturpreis, Preis der LiteraTOur Nord).

In ihrem philosophischen Reisebuch »Mein weißer Frieden« findet sich eine Liste mit Literaturempfehlungen von Theodor W. Adorno, Swetlana Alexijewitsch, Hannah Arendt, Bogdan Bogdanović, Martin Buber, Erich Fromm, Karl Jaspers, Anna Maria Jokl, Imre Kertéz, Danielo Kiš, Julia Kristeva, Ruth Klüger, Maurice Maeterlinck, Hans Keilson, Erich Neumann, Jean-Jacques Rousseau, Peter Selg, Albert Schweitzer, Claude Lévi Strauss, Christa Wolf und Stefan Zweig.

Die Autorin ermuntert uns zur Verteidigung der Individualität und verweist zugleich auf den Horizont unserer Existenz, der Einsicht, dass wir diese nicht uns selbst verdanken.

Literatur erlangt mit Bodrožić eine philosophische Relevanz, die den unseligen Dualismus von philosophischem Fachchinesisch und normativem Ratgeberreduktionismus einfach übersteigt. Ein Glücksfall für die Leser anspruchsvoller deutschsprachiger Literatur.

Johannes Eichenthal

Information

Marica Bodrožić: Mein weißer Frieden. Luchterhand 2014. 336 S.

ISBN 978-3-630-87394-7

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One thought on “Literaturpreisverleihung in Weimar

  1. Ja,
    ein Buchstabe. Am ehesten wohl das J. Jedenfalls für die erste Hälfte des 20. Jh. Der Beitrag, lieber von Eichenthal, ist durchaus fulminant. Also keine falsche Bescheidenheit. Der Eure: Scardanelli

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