Rezension

Wieder gelesen: Der Circle

Der Circle ist das einflussreichste Unternehmen der Welt, eine Mischung aus Facebook und Google. Ein Campus in Kalifornien. Junge Spezialisten aus aller Welt. Eine friedlich-spielerische Atmosphäre. Kreative Arbeitsmethoden. In einer unbestimmten, mutmaßlich nicht fernen Zukunft. Diese Welt betritt der Leser gemeinsam mit der Protagonistin Mae an ihrem ersten Arbeitstag. Mae war zunächst trotz einer guten Ausbildung an einem Elitecollege gezwungen, bei einem Unternehmen des öffentlichen Sektors unter technisch und strukturell widrigen Bedingungen zu arbeiten. Nun erscheint ihr die Stelle bei dem »beliebtesten Unternehmen der Welt« mit einer Krankenversicherung, eigener medizinischer Versorgung und ausgestattet mit allen technischen Neuheiten wie das Paradies.

Gerade noch bewundert Mae das außerirdisch schöne und gepflegte Firmengelände mit all seinen Gemeinschaftsflächen und spielplatzartigen Möglichkeiten, als ihr – unmerklich fast – Imperative vorgehalten werden. Es wird befohlen zu träumen, sich einzubringen, Gemeinschaft zu suchen, innovativ und fantasievoll zu sein. Selbst »atmet« wird als »beschwörende Inspirationsbotschaft« verbreitet. All das, auf meandernden Wegen zwischen Zitronen- und Orangenbäumen auf sanften grünen Hügeln, wird als durchweg positiv, innovativ angenommen. Nur den Leser beschleicht von Beginn an ein beklemmtes Gefühl. Wie weit ist diese vermeintliche Fiktion von der uns umgebenden Wirklichkeit entfernt? Herrscht nicht bereits jetzt eine allgemeine Überwältigung aufgrund des sachlichen Designs und der intuitiven Funktionalität der sog. neuen Technologien und Medien vor, die weitgehend fundamentlos ist? Kaum einer kann die tatsächlichen Funktionen und Zusammenhänge erklären. Dennoch wird jeder kleinste Gedanke an die negativen Potentiale der um sich greifenden Vernetzung, der beherrschenden Technologien und faktisch zunehmend alternativlosen Kommunikationsformen durch einen fast kindlich-naiven Glauben an die ausschließlich guten Absichten, ein Vertrauen-Wollen, überspielt.

Im Fall von Mae gibt es auch gar keine andere Möglichkeit. Sie ist verschuldet aufgrund ihrer Ausbildung. Die Eltern sind »unglaublich stolz« aufgrund der neuen Anstellung ihrer einzigen Tochter. Bald schon genießen sie ebenfalls die gute Gesundheitsversorgung des Unternehmens, die zwar die lückenlose Erfassung der Gesundheitsdaten und ihres Alltags erfordert, aber qualitativ die öffentliche Versorgung um ein Weites übertrifft. »Ihre Heimatstadt und der Rest von Kalifornien, der Rest von Amerika kamen ihr vor wie das heillose Chaos in einem Entwicklungsland. Außerhalb der Circle-Mauern gab es bloß Lärm und Kampf, Versagen und Dreck.«

Immer enger wird Mae von den Strukturen des Systems eingeschlossen. Zu Beginn hat Mae als Ausgleich den natürlichen Reflex, sich zurückzuziehen. Sie ist ein Einzelgänger. Sie gönnt sich Auszeiten in der Natur, erlebt kleine persönliche Abenteuer. Es ist kein Zufall, dass ihr ein solches persönliches Abenteuer zum Verhängnis wird. Eine Bagatelle wird zum Verrat an der Gemeinschaft stilisiert. Der Circle hat die Deutungshoheit. Der zentrale Vorwurf lautet bezeichnender Weise: mangelndes Teilen ihrer Interessen und Tätigkeiten. Denn jeder Kommentar ist eine Hilfe für die Arbeit der Circle-Community. Wenn Mae sich an die Vorgaben hält, ist sie ständig mit der Beobachtung fremder Bewertungen und dem Posten eigener Beiträge beschäftigt, um wiederum möglichst viel Resonanz zu erzeugen. Raum für eigene Ideen bleibt nicht mehr.

Nach und nach wird eine Reihe der neusten Erfindungen des Unternehmens vorgestellt. Immer besteht eine schlüssige Begründung, ist es ganz offensichtlich, dass es nur zum Besten des Einzelnen und zum Besten der Gesellschaft ist, sich und das eigene Leben noch transparenter zu machen. Ob bei TruYou, der eindeutigen Identität im Netz, aufgrund derer über Nacht alle Kommentarboards höflich wurden und Nutzer keine wahllose Werbung mehr erhalten. Bei SeeChange, der weltweiten Videoüberwachung und -übertragung, aufgrund derer Tyrannen sich nicht länger verstecken können. Oder der automatischen Erfassung von Gesundheitsdaten mit Wearables und Sensoren, denn den Menschen muss es abgenommen werden, bestimmte Krankheiten selbst zu melden, was umständlich und ggf. auch peinlich sein kann.

Der Gegenpol zu Maes wachsender Begeisterung für das System, das die einstige Außenseiterin sich endlich integriert und interessant fühlen lässt, ist ihr Ex-Freund Mercer. Aus der Sicht eines Praktikers, der mit Handwerk sein Geld verdient, fragt er Mae, ob sie nicht das Gefühl habe, eine Sekte erobere die Welt: »wie alles, was ihr pusht, klingt es perfekt, progressiv, aber es bringt auch mehr Kontrolle mit sich, mehr zentrale Überwachung von allem, was wir machen.« Mercer stellt Mae auch die Frage, ob sie glaube, dass es Zufall sei, dass jedes Mal, wenn eine Kongressabgeordnete oder ein Blogger von Monopol redet, sie oder er plötzlich in irgendeine Sex-Porno-Hexerei-Kontroverse verstrickt werde.

Am Ende wird es darum gehen, ob der Circle sich schließt. Die Vollendung. Der Leser wird parallel von der Realität eingeholt. Facebook kauft Twitter. Google strukturiert sich um zum Konzern Alphabet. Kameras und Drohnen werden spottbillig im Supermarkt angeboten. Gesundheits-Apps, die den ganzen Alltag erfassen und analysieren, locken mit fantastischen Motivationsschüben. Versicherungen bieten ebenfalls App-basierte Bonusprogramme an. Zum besten des Kunden.

Dem Autor Dave Eggers gelingt es, in episodenhaften Schilderungen ein bedrohliches System zu umreißen. So lässt er eine Managerin des Circle beiläufig sagen, das Unternehmen sei auf das immense Fachwissen exzentrischer Nerds angewiesen, »armer Spinner«. Das Unternehmen könne es sich aber leisten, diese genialen Spinner mit viel Aufwand zu integrieren. Es bleibt ein fader Beigeschmack zurück. Bestimmen dissoziale Exzentriker mit ihren Entwicklungen mittlerweile auch einen wesentlichen Teil unseres Alltags?

Der Circle von Dave Eggers erschien im Original bereits im Jahr 2013, in deutscher Übersetzung im Jahr 2014. Es ist ein sog. Bestseller in einer mittlerweile breiten Sparte der 1984-Nachfolger-Romane. »The Circle«, wie das Buch im Original heißt, wurde nicht nur gut verkauft. Es hat auch zu tatsächlichen Diskussionen angeregt. Ein Teil der Leserschaft ist zwar irritiert von dem zuweilen plumpen Schreibstil Eggers›. Zudem mag sie schockiert sein in Anbetracht der beklemmenden Zukunftsvisionen, die sich parallel zum Lesen in Realität verwandeln.

Das Buch bietet eine über 557 Seiten imposant aufgeschlüsselte Dramaturgie der gefühlt-friedlichen Übernahme der Herrschaft der Internetkonzerne über die Individuen. Die Herrschaft geht so weit, dass selbst diejenigen, die einst Individualisten waren, die Freiheit nicht mehr retten würden, selbst wenn sie die Chance dazu hätten.

Luise Lundt

 

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Information

Titel der Originalausgabe: The Circle von Dave Eggers

Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann

ISBN: 978-3-462-30820-4

Erschienen am: 14.08.2014 bei Kiepenheuer & Witsch

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