Reportagen

G. H. Schubert in München. Eine Neuentdeckung.

Die Münchner Buchhandlung Lentner hatte für den 8. Juli 2011 zu einer Buchvorstellung eingeladen. Wir fahren mit der S-Bahn, die sich dann allerdings zu einer U-Bahn wandelt, direkt ins Stadtzentrum. Es ist Freitagabend, die Menschen sind entspannt. Vor der Oper steht eine große Übertragungs-Leinwand: »Oper für alle« klingt uns entgegen. Wir aber wollen weiter, weiter. Da erblicken wir auch schon das Münchner Rathaus. Massen strömen zur Volksoper. Endlich sehen wir die  Buchhandlung Lentner. »1698« steht als Gründungsjahr über den Schaufenstern. Damit dürfte dieses Geschäft älter als viele Staaten auf dieser Welt sein.

Es ist kurz vor 20.00 Uhr. Auf den Stühlen liegen bereits die Reservierungszettel. Die Zuschauer kommen, einer nach dem andern. Man muss noch einige Stühle herbeischaffen. Schließlich ist die Buchhandlung bis auf den letzten Platz besetzt. Dr. Franz Klug von der Buchhandlung Lentner (auf dem Foto links) begrüßt Dr. Andreas Eichler, den Referenten des Abends, der sein Buch »G.H. Schubert – ein anderer Humboldt« vorstellt. Eichler betont zunächst, dass er sich freut, in München auftreten zu dürfen, in der Stadt, in der Gotthilf Heinrich Schubert die letzten 33 Jahre seines Lebens verbrachte. Freilich sei er ein Jahr zu spät gekommen, denn Schubert verstarb am 1. Juli 1860 in der Nähe von München, der 150. Todestag war somit bereits vor einem Jahr. Entschuldigend fügte er an, dass es großer Anstrengung bedurfte das Buch zum 1. Juli 2010 fertig zu stellen. Die Premiere fand im Geburtsort Schuberts, in Hohenstein, in der Klisschen Buchhandlung statt. Der Titel des Buches, so Eichler, zeige eine Büste Schuberts, die vom Münchner Akademie-Bildhauer Professor Max von Widnmann angefertigt wurde. Ein zweiter Abguss stehe in der Universitätsbibliothek Erlangen. Der Referent erklärte zunächst, dass Schubert ein vergessener Stichwortgeber der Romantik gewesen sei. Dann nannte er drei Gründen für die Entstehung des Buches.

1. Weil Schubert eine besondere Nähe zu Johann Gottfried Herder und anderen Größen Weimars hatte, könne man an seinem Lebenslauf Modellhaft den Generationswechsel erklären.

2. Aus dem Lebenslauf Schuberts könne man eine individuelle Antwort auf die Frage finden, was Romantik sei.

3. Wissenschaftlich sei Schubert nicht mit Entdeckungen der äußeren Natur und der Naturwissenschaften hervorgetreten, wie sein Idol Alexander von Humboldt, vielmehr sei Schubert in unsere innere Natur vorgedrungen, habe mit Untersuchungen psychischer Prozesse, von Traumphänomenen und der menschlichen Seele einen Platz in der Wissenschaftsgeschichte errungen.

Eichler gab dann zunächst wieder einen Überblick des Lebenslaufes Schuberts, vor allem seiner Jahre von 1797–1799 als Gymnasiast in Weimar, von 1799–1801 als Student in Leipzig, von 1801–1803 als Student in Jena, von 1803–1805 als praktischer Arzt in Altenburg, von 1805–1806 als Student in Freiberg und von 1806 bis Ende 1808 als Publizist in Dresden. Es schloss sich ein Hinweis auf die Münchner Zeit Schuberts an. Mit Erstaunen hörten die Zuschauer von diesem, ihnen bis dahin unbekannten Schubert.

Da fasste Eichler tatsächlich schon zusammen. Ein Wunder, denn sonst neigt er eher zum Weitschweifigen. Er ging noch einmal auf die drei Schwerpunkte ein, die er anfangs als Gründe für das Buch genannt hatte.

Schubert habe wichtige Ansätze Herders nicht weiterführen können, obwohl er eine Art von Lieblingsschüler Herders war, das Wohlwollen der Familie Herder genoss usw. (Im Buch sei auch ein kleiner Briefwechsel zwischen Schubert und der Familie Herder abgedruckt) Herder habe ihn dazu ermuntert, seinen eigenen Weg zu gehen. Wissenschaftliches Nachahmen, Schulbildung u.ä. habe Herder als Behinderung des wissenschaftlichen Diskurses angesehen. Anders als Goethe, der seine Umgebung, selbst seinen Sohn zu bestimmten Ansichten nötigte, ermunterte Herder Schubert zu eigenen Erfahrungen. Das schließe ein, dass man auch seine eigenen Irrtümer und Fehler selbst mache.

Was ist Romantik? Eichler begründete noch einmal seine Auffassung, dass biographische Forschungen die Besonderheit der Träger einer Strömung, und damit auch die Besonderheit der Strömung erklären können. Eine Wissenschaft, die das Besondere nicht erklären könne, die sei keine, habe Herder gesagt.

Am Lebensweg Schuberts werde deutlich, dass der »Irrationalismus-Verdacht« auf die Romantik, wie ihn unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg Georg Lukács in seiner »Zerstörung der Vernunft« und bis zu seinem Tode vor einigen Jahren der britische Ideenhistoriker Isaiah Berlin vertrat, unbegründet sei. Georg Lukács habe später eingesehen, dass das Begriffspaar Rationalismus-Irrationalismus für die Analyse nicht tragfähig ist.

Aber auch die heute immer noch gängige Stilepochen »Aufklärung, Klassik, Romantik« könnten mit ihren starren Definitionen keine befriedigende Erklärung der Entwicklung bieten. Selbst Gerhard Schulz, der die Nominaldefinitionen von »Klassik« und »Romantik« versuchte völlig aufzulösen, bleibe mit dieser Negation in der Darstellung der Literaturgeschichte letztlich doch von den starren Nominaldefinitionen geprägt.

Es bleibe, so Eichler, immer noch das Werk von Ricarda Huch, der es in ihrem großen Romantik-Buch von 1899/1902 mit einem Bündel von Biographien gelang, nicht nur die Besonderheit der Träger der Denkströmung, sondern auch die Besonderheit der Romantik als einer Jugendrevolte darzustellen.

Die Generation sei der zentrale Begriff, so Eichler, um die Entwicklung des Denkens in der Zeit um 1800 zu begreifen. Die Generation der zwischen 1765–1785 Geborenen habe in jenen Jahren versucht das Erbe der Weimarer Geistesgrößen anzutreten.

In welchem Punkt vermochte Schubert die Wissenschaft weiterzubringen? Eichler verwies zunächst darauf, dass der große Herder-Forscher Gerhard Sauder 1968 hervorgehoben habe, dass Schubert der einzige führende Romantiker gewesen sei, der nicht auf die Transzendentalphilosophie zurückgriff. Sauder führe Schuberts Besonderheit eigenartigerweise aber nicht auf Herder, sondern auf den Einfluss des französischen Mystizisten Louis Claude de Saint Martin zurück. So machte Sauder in der ersten Auflage Schuberts eine Passage aus, in der Schubert betonte, dass wir nur im Traum wir selbst seien.

Er halte, so Eichler, diese Passage nicht gerade für die stärkste Äußerung Schuberts. Dagegen sei der Hinweis Schuberts, dass wir im Traum oft das Gegenteil von dem erleben, was wir am Tage wollen, von Sigmund Freud in seiner Geschichte der psychoanalytischen Bewegung zustimmend zitiert. Grundsätzlich müsse man aber hier anfügen, dass es bei Herder umfangreiche Äußerungen zum Phänomen des Traumes gebe. Besonders das Verhältnis von Traum und Märchen interessierte Herder noch in seinen letzten Lebensjahren, also in der Zeit, als Schubert mit ihm in Kontakt stand.

Hier verwies Eichler wieder auf Herders Hodegetische Abendvorträge, in denen Herder sagte, dass wir mit unserer Sprache Sinneseindrücke bestimmen, festhalten und wieder aufrufen können. Wenn wir aber, so Eichler, etwas bestimmen, dann negieren wir gleichzeitig anderes. Jede Bestimmung ist eine Negation. Das, was wir am Tage mit unserer Bestimmung negierten, dass komme mitunter in der Nacht zurück.

Die entscheidenden Voraussetzungen in Schuberts Denken seien 1814 also immer noch von Herder gelegt gewesen. Gewiss zitierte Schubert nicht Herder. Aber in diesem Punkt war er nicht der einzige.

Typisch romantisch sei dagegen Schuberts Versuch gewesen, in unseren Träumen Ur-Bilder auszumachen, die alle Zeiten und Völker überdauerten.

Aber selbst in seinem zweiten Hauptwerk, der zweibändigen »Geschichte der Seele«, die er 1830 in München beendete, stützte sich Schubert immer noch auf den Seelenbegriff, den Herder gegen das »Ich« von Kant und Fichte verteidigte. Damit war Schubert jedoch in seiner Zeit schon ein Außenseiter des Wissenschaftsbetriebes geworden. Heute sieht man dagegen zunehmend ein, dass eine »Philosophie des reinen Geistes« nicht tragfähig ist. Aber auch das Gegenstück dazu, eine »Philosophie des Leibes« vermag allein nicht zu tragen.

Schuberts wissenschaftliche Leistung liegt also wohl im Bereich der Seele und des Traumes. Allerdings fehlten bei Schubert weiterführende Schlussfolgerungen. Doch selbst Sigmund Freud, der Schubert in dem Punkt der »gegensätzlichen Traumbilder« zitierte, kam hier nicht weiter. In einem Artikel mit dem Titel »Vom Gegensinn der Urworte« greift er 1910 die Problematik in einer Rezension eines 1884 erschienen Buches noch einmal auf, vermag aber das Problem nur zu konstatieren. Am Ende bedauert er, dass er so wenig von Sprache verstehe.

Carl Gustav Jung bezog sich mit seiner Theorie der Archetypen auf Schubert, ohne den Namen Schuberts ein Mal zu erwähnen oder sein Werk zu zitieren.

Jacques Lacan brachte die psychoanalytische Bewegung mit dem Hinweis darauf weiter, dass die Struktur des Unbewussten der Struktur unserer Sprache entspreche.

Lew Semjonowitsch Wygodski und seine Schüler hatten in der UdSSR seit den 1920er Jahren das Verhältnis von Sprache und Denken nicht nur unter strukturellem, sondern auch unter dem Tätigkeitsaspekt untersucht.

Eichler fasste zusammen, dass die Leistung Schuberts darin zu sehen sei, dass er erste Momente einer neuen Ansicht auf unser Seelenleben hervorbrachte. In der Wissenschaft, so ein von Johann Gottfried Herder gebrauchtes Bild, werden, im Unterschied zum Hausbau, mitunter zuerst die oberen Stockwerke fertiggestellt und das Fundament zum Schluss. So sei es wohl auch im Falle Schuberts.

Hier endete der Vortrag, wirklich nach 45 Minuten, man konnte es kaum glauben. Die Münchner Zuhörer fragten erstaunt nach Lebensdetails des Mannes, der einst in ihrer Stadt lebte und arbeitete. Man trank noch einen Schluck sehr guten Weißweines. Bücher wurden signiert. Die Lesung klang angenehm aus.

Schließlich ging ich mit meinen Freunden in den »Franziskaner«. Leberkäse und Schwarzbier. Es war ein Genuss. Auf dem Weg dahin mussten wir an den Freunden der Volksoper vorbei, die standen unter Regenschirmen, Nässe tropfte überall herab. Später musste der Müll aufgekehrt werden, den die »Oper für alle« hinterlassen hatte.

Johannes Eichenthal

 

Information

www.buchlentner.de

Andreas Eichler: G. H. Schubert – ein anderer Humboldt. 22,5 × 22,5 cm, geb.. Lesebändchen, 96 Seiten, zahlreiche Abbildungen, z.T. farbig, Namensverzeichnis ISBN 978-3-937654-35-5

www.mironde.com

 

Im oberen Stockwerk der Buchhandlung Lentner gibt es tatsächlich auch eine Philosophie-Ecke. Tisch und Stuhl laden zum Lesen ein …

 

Rez. zu : Andreas Eichler: G. H. Schubert. Ein anderer Humboldt,  Mironde-Verlag 2010

Der Autor dieser kleinen Schrift geht zurecht davon aus, dass im gegenwärtigen philosophischen und kulturwissenschaftlichen Diskurs Herder und seine Schule nicht nur nicht präsent sind, sondern allzuoft als tote Hunde behandelt werden. Vor diesem Hintergrund versucht uns Eichler einen vergessenen Denker der Herder-Schule, soweit es die überhaupt je gegeben hat, vorzustellen, nämlich Gottlieb Heinrich Schubert.

Mit großer Akribie wird dessen Lebensweg rekonstruiert und es werden seine wichtigsten v.a. naturphilosophischen Ansichten knapp dargestellt. Wobei man sich in Bezug auf letztere, gerade auf die Schubert berühmt machenden »Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaft« (1807) ein längeres Referat gewünscht hätte, sind sie doch kaum noch den Experten auf dem Gebiet der Herder-Forschung präsent.

Besonders hervorzuheben ist der hier abgedruckte Briefwechsel Schuberts v.a. mit den Herders, in denen auch einige bisher ungedruckte Briefe zu lesen sind und in denen Schuberts Position und seine Stellung zu Herder klar hervorgehen. Die Briefe selbst sind sehr gut kommentiert.

Nach Eichler hatte Schubert den Willen und die Sehnsucht die ganze Natur, die ganze Erde und alle fernen fremden Völker kennenzulernen. Hier sieht Eichler Schubert in der Tradition von Alexander von Humboldt, obwohl er einräumt, dass sowohl die Lebenswege wie auch die wissenschaftliche Leistung beider schwer vergleichbar sind. (Vgl. S.5) Schuberts Lebensziel ist nach Eichler die philosophische Darstellung der Einheitlichkeit und Ganzheitlichkeit der Natur auf der Grundlage der empirischen Wissenschaften. Dies korrespondiert, wie der Autor immer wieder überzeugend zeigt, mit dem Herderschen Anliegen, vom Einzelnen auf das Ganze und vom Ganzen auf das Einzelne zu schließen, überall das Ganze zu suchen und das Ganze zu bilden, womit er sich nicht nur gegen die Trennung der Naturwissenschaften, sondern auch gegen die Trennung von Natur- und Kulturwissenschaften stellt. Eichler zeigt hier überzeugend, dass Schubert bis in seine Dresdner Zeit hinein ein treuer Schüler Herders ist, obwohl er dessen Philosophie nicht weiter entwickelt. Man könnte daher der Schrift auch die Überschrift geben: »Schubert – ein vergessener Schüler Herders«. (Vgl. S.76)

Völlig zurecht stellt Eichler Schubert in die romantische Bewegung, der allerdings nach 1810 ein klares Bewusstsein davon hat, dass die frühromantische Bewegung an ihr Ende gelangt war und seine Konsequenzen daraus zog, indem er sich in das bayrische Beamtenleben einpasste. Von daher ist es klar, dass den Autor im Grunde nur der junge Schubert interessiert, der bis 1808 in Dresden lebte und dort seinen theoretischen Höhepunkt erlebte.

Für eine Neuauflage des ästhetisch sehr aufwendig und schön gestalteten Buches sollte überlegt werden, ob neben Herder-Texten auch längere Schubert-Texte abgedruckt werden sollten, die ja schwer zugänglich sind. Auch sollte man überlegen, ob man die Charakterisierung der Romantik als modisch weiter beibehalten sollte und hier nicht dem Urteil von Maria Carolina von Herder folgen sollte. Auch die Charakterisierung der Herderschen Vernunft-Begriffs als die Fähigkeit aus Fehlern zu lernen scheint mir zu kurz zu greifen, gibt doch Herder in seinen »Hodegetischen Abendvorträgen« eine viel umfassendere Bestimmung von Vernunft, die die verständigen Ursache-Wirkungs-Beziehungen übersteigt und teleologisch verfasst ist.

Aber dies sind nur ergänzende Bemerkungen zu einer bemerkenswerten und gelungenen Erinnerung an einen vergessenen Schüler Herders. Zugleich ist dieses Buch auch eine Einführung in die Denkwelt Herders, die uns heute so fern erscheint.

Volker Caysa

 

(Prof. Dr. Volker Caysa ist Professor für Klassische deutsche Philosophie in Lodz und Privatdozent für Sportphilosophie in Leipzig)

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