Reportagen

Deutsche Amerikaauswanderer von 1683 bis heute. Vortrag in Niederfrohna.

Niederfrohna ist eine kleine Gemeinde an der Autobahn 72 von Chemnitz nach Leipzig. Wir gelangten über die gleichnamige Abfahrt »Niederfrohna« in den Ort, der sich über etwa 7 km im Tal des Frohnbaches ausstreckt. 2500 Bürgerinnen und Bürger leben hier. Bauern, Handwerker, Gewerbetreibende und noch einige wenige Beschäftigte der einst dominierenden Textilindustrie. In diesem Jahr beging die Gemeinde den 775. Jahrestag ihrer urkundlichen Ersterwähnung. Bürgermeister Klaus Kertzscher berichtete, dass zum Fest auch Gäste aus Frohna im US-Bundesstaat Missouri anreisten.

Wie kam es zu dieser Gemeinde ähnlichen Namens? Im Jahre 1838 verließ ein große Gruppe junger Leute die Gemeinde Niederfrohna in Richtung Bremerhaven und segelte mit Gleichgesinnten in die USA. Dort gründeten Sie Ortschaften mit Namen aus der alten Heimat: Dresden, Wittenberg, Altenburg und auch Niederfrohna (später bürgerte sich die Kurzform Frohna ein). Pünktlich zum Beginn des Heimatfestes eröffneten Gabriele Liebert und die Mitglieder des Heimatvereins eine Ausstellung mit Sachzeugnissen der Auswanderung in der kleinen Rathausgalerie. Am 23. August sollte die informative Schau mit Fotos, Dokumenten, Kleidungsgegenständen, Büchern u.v.a. ihren Abschluss finden. Zur Finissage hatte man sich Herrn Generalkonsul a.D. Dr. Hans Jürgen Wendler eingeladen, um etwas über den Zusammenhang der deutschen Amerikaauswanderung zu erfahren.

Nun war der 23. August einer der wenigen Tage dieses Jahres, die den Namen »Sommertag« tatsächlich verdienten. Der Tag wollte seine Sache besonders gut machen … und brachte eine nahezu afrikanische Hitze mit. Die Mehrheit der Menschen lag wahrscheinlich erschlafft im Liegestuhl. Wie mir die Veranstalter der Finissage eingestanden, zweifelten sie einen Moment lang, ob bei dieser Hitze überhaupt jemand … Es kamen aber so viele Besucher, dass zunächst einmal ein größerer Raum im neu rekonstruieren Niederfrohnaer Vereinshaus bezogen werden musste. Dr. Andreas Eichler, der nicht nur ein Herder-Verehrer, sondern hier auch Heimatvereinsvorsitzender ist, begrüßte die Gäste, darunter Bürgermeister Klaus Kertzscher und die Schriftstellerin Dr. h.c. Ingerose Paust. Und schon übergab er das Wort an Dr. Hans Jürgen Wendler.

»Aufbruch nach Amerika. Die deutsche Amerikaauswanderung in die USA von 1683 bis heute« lautete der Titel des Vortrages. Der Referent, ein promovierter Historiker, entfaltete ein historisches Panorama von mehr als 300 Jahren. Den Beginn organisierter deutscher Auswanderung nach Amerika setzte er mit dem 6. Oktober 1663 an. 13 Krefelder Familien (33 Personen) reisten unter Führung des Rechtsgelehrten und Pietisten Franz Daniel Pastorius nach Philadelphia. Philadelphia wurde in den späteren Jahren zum Hauptziel deutscher Amerikauswanderung. In Germantown, dem Zentrum des Deutschtums in Britisch-Amerika, gab es Textil-, Leinen-, Ledermanufakturen, Kutschen- und Wagenbauer, Papierhersteller, Drucker, Gussformer und Kaufleute. Die Druckerei Christopher Saur stellte 1743 erste Bibel in deutscher Sprache her. Da das Druckrecht für die englische Bibel in London lag, blieb die von Saur für längere Zeit die einzige in Amerika gedruckte Bibel.

Bis 1790 seien ca. 100.000 Deutsche nach Nordamerika ausgewandert, bevorzugt nach Pensylvania, wo sie ein Drittel der Bevölkerung ausmachten.

Dr. Wendler behandelte detailliert die Motivation und die Bedingungen dieser Auswanderer im 17./18. Jahrhundert.

Im 19. Jahrhundert seien 5,5 Mio. Deutsche allerdings aus politschen und wirtschaftlichen Gründen nach Nordamerika ausgewandert. Religiöse Gründe spielten weniger eine Rolle. Allein zwischen 1820 und 1920 wanderten fast 6 Mio. Deutsche aus, davon 5,5 Mio. in USA

Die Ausreise der Niederfrohnaer mit den insgesamt 800 Gleichgesinnten sei insofern ungewöhnlich gewesen. Allerdings begründeten diese Auswanderer die Missouri-Synode, die heute mit 2,4 Mio Gemeindemitgliedern und über 6000 Gemeinden die zweitgrößte Lutherkirche der USA ist. Die Ansiedlung in Missouri sei durch spezielle Offerten der US-Regierung befördert worden.

Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts seien die Deutschen eine der stärksten und bestorganisierten Einwanderergruppen mit sehr hohem Ansehen gewesen, doch änderte sich das mit dem Ersten Weltkrieg. Es entwickelte sich eine Feind-Hysterie mit Bücherverbrennung, dem Verbot der deutschen Sprache und dem Untergang der deutschsprachigen Presse. Die große Tradition der deutschen Amerikaauswanderung war damit zu Ende.

Im Zweiten Weltkrieg hätten sich die Deutsch-Amerikaner weitgehend loyal verhalten, dennoch erfolgten Internierungen von über 10.000 Deutschen in speziellen Lagern.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es noch einmal zur Auswanderung von ca. 15.000 Kriegsbräuten sowie im Krieg heimatlos gewordener Menschen.

In den 1950er Jahre erfolgte die letzte Welle deutscher Auswanderer in die USA. Von 1951–60 waren es etwa 580.000. Seit den 1960er Jahre gibt es praktisch keine nennenswerte deutschen Einwanderer mehr. Deutschland wurde selbst zum Einwandererland. Deutsche gehen heute vorwiegend als Studenten, Wissenschaftler und Forscher in die USA. Viele Rückwanderer suchen wieder ihre alte Heimat.

Die Zuschauer dankten Dr. Wendler mit Beifall für den Vortrag. Im Anschuss beantwortet er geduldig Fragen einzelner Gäste. Abschließend dankte der Heimatvereinsvorsitzende, der die Diskussion moderierte, Dr. Wendler für sein Engagement. Am nächsten Tag, so der Moderator, werde Dr. Wendler nach Halle weiterfahren, um an den Franckeschen Stiftungen, im Rahmen einer Tagung über Pfarrer Heinrich Melchior Mühlenberg, den »amerikanischen Luther«, einen Abendvortrag zu halten.

Dr. Wendler freute sich Frau Dr. hc. Ingerose Paust zu treffen. Der Autorin des viel gelesenen Buches »Der Auszug der 800«, in dem die Auswanderung der Niederfrohnaer Jugend im Mittelpunkt steht, wurde die Ehrendoktorwürde der Universität von St. Louis verliehen. (Rechts Bürgermeister Klaus Kertzscher und links Heimatvereinsvorsitzender Dr. Eichler.) Im Anschluss bat Bürgermeister Kertzscher Dr. Wendler um eine Eintragung ins Ehrenbuch der Gemeinde. Dem kam der Historiker gerne nach.

Selbst nach dem offiziellen Ende der Veranstaltung wurde an diesem Tag noch weiter über das warum und wie diskutiert. In der kleinen Gemeinde ging eine große Veranstaltung zu Ende. Vor dem Vereinshaus empfing uns ein warmer Sommerabend und am Himmel leuchteten die Sterne aus der Ewigkeit.

Johannes Eichenthal

Wir danken Herrn Heinz Hammer für die Genehmigung zur Veröffentlichung seiner Fotos von der Veranstaltung.

 

Information

Das Buch »Der Auszug der 800« von Ingerose Paust erschien erstmals 1972 und ist leider nur noch antiquarisch erhältlich.

 

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