Reportagen

Ein Mann der Zukunft. Neuer Dokumentarfilm über Walther Rathenau.

Der 20. August erinnerte uns daran, wie der Sommer früher einmal war. Der Tag klang dann im warmen Abendlicht aus. In Bad Freienwalde zog es um diese Zeit viele Menschen zum Schloss. Das Bauwerk erinnert eher an eine antike Villa als an ein altes, deutsches Schloss. Der im Stil des Klassizismus errichtete Bau passt sich mit seiner strengen Funktionalität spanningsvoll-harmonisch in die ihn umgebenden Natur ein. Man ahnt, dass dieses Haus für seine Besitzer ein Refugium gewesen sein muss. Im Jahre 1909 erwarb der am 29. September 1867 in Berlin geborene Walther Rathenau, Sohn eines jüdischen Großunternehmers und Erfinders, das Grundstück aus dem Besitz des Kaiserhauses. Bis zu seiner Ermordung am 24. Juni 1922 blieb dieser Ort für den preußischen Europäer ein Fluchtpunkt und Rückzugsraum. Diese Konstellation ist das Thema des neuesten Dokumentarfilmes von Eberhard Görner. Die Premiere des Filmes mit dem Titel »Von kommenden Dingen – Walter Rathenau in Bad Freienwalde« war für diesen Abend im Teehaus des Schlossparks angekündigt.

Im Park herrschte ein buntes Treiben. Vom Brandenburgischen Staatsorchester in voller Besetzung bis hin zum Akordeon-Solisten Tobias Morgenstern gab es an den unterschiedlichsten Orten des Parks Musikaufführungen. Im Schloss konnte man eine Dauerausstellung zu Leben und Werk Walther Rathenaus besichtigen. Aber schon war es 21.30 Uhr. Dichtes Gedränge vor dem Teehaus. Mit Mühe konnten wir nur noch einen Notsitz ergattern und schon hieß es »Film ab!«

Der Film beginnt, wie man es von Eberhard Görner gewohnt ist, mit Naturaufnahmen, diesmal vom brechenden Eis der Oder im Frühjahr. Interviews wechseln sich immer wieder mit Impressionen vom Schloss und seinem Park ab, kehren immer wieder an diesen für Rathenau wichtigen Ort zurück. Die besondere Begabung Görners, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, zeigt sich besonders beim Interview mit dem jüdischen Psychoanalytiker Hans Keilson, der aus Bad Freienwalde stammt. In den Worten des Hundertjährigen wird das vergangenen Jahrhundert lebendig. Keilsons Erinnerungen sind für das Verständnis der Zeit wichtig, auch wenn er am Ende sagt, dass er Rathenau in Bad Freienwalde nie gesehen habe, auch nicht in der Synagoge.

Aber Görner stellte auch die Verbindung zur Gegenwart her. Als am 15. April diesen Jahres der Außenministerin der USA, Hillary Clinton, in Berlin der Walther-Rathenau-Preis verliehen wurde, und sie eine Dankesrede hielt, war Eberhard Görner mit seiner Kamera dabei.

Interviewpartner verwiesen auf die Tätigkeit Rathenaus im Vorstand der AEG und in Firmen im Umfeld dieses Konzerns. Als Politiker und Diplomat war Rathenau nicht weniger erfolgreich. Er vermochte schwierige Verhandlungen im beiderseitigen Einvernehmen zu beenden. In Buchform liegt das umfangreiche Werk Rathenaus zu ökonomischen, politischen und philosophischen Fragen vor. Der Filmtitel zielt auf Rathenaus 1917 im S. Fischer Verlag erschienene Buch »Von kommenden Dingen«.

Einzelne verlesene Briefe Rathenaus werden von Schloss- und Parkbildern begleitet. Rathenau fand in seinen Briefen beeindruckende lyrische Bilder. Die Briefe lassen mit ihren Naturallegorien und gleichzeitigem lapidaren Tonfall ein großes dichterisches Talent erahnen. Die Kamera zeigt impressionistische Pastelle Rathenaus, die den besten Malern seiner Zeit nicht nachstehen. Abends soll er mitunter Beethoven-Klaviersonaten am Spinett gespielt haben.

Am Ende macht uns der Film aber deutlich, dass dieser Mann in großer Einsamkeit lebte.

Die kongeniale Musik Günter Fischers vermag diese Einsamkeit in melancholische Töne zu setzen.

Es spricht für Görner, dass er die Ermordung Rathenaus durch monarchistische Terroristen der »Organisation Consul« nur sachlich benannte.

Der Applaus belohnte den Regisseur und Dramaturgen Eberhard Görner für seine Mühe. Er ließ es sich nicht nehmen, seine Mitstreiter nach vorn zu holen. (von re. Dr. Reinhard Schmook – Walther-Rathenau-Stift gGmbH, Dr. Hinrich Enderlein – erster Nachwende Kulturminister Brandenburgs, Markus Stoffel – Kamera, Max Volkert Martens – Sprecher)

Doch schon drängten die nächsten Besucher herein. Selbst die 24.00 Uhr Vorstellung war noch so gut besucht, wie die erste.

Die treuesten seiner Fans begrüßen nach der Vorstellung Prof. Eberhard Görner und seine Gattin am Ausgang des Teehauses.

 

Wer war eigentlich dieser Rathenau? Über diese Frage unterhalte ich mich mit einem Vertreter alten sächsischen Adels, mit dem ich durch die Bad Freienwalder Nacht zum Hotel laufe. Ein Preuße. Selbstverständlich ein Preuße, preußischer als die Hohenzollern. Rathenau ließ das Freienwalder Schloss im Stil seiner Erbauung renovieren und pflegte diesen Stil. Also ein anderer Preuße als dieser Friedrich, dieser Barbar, der Zerstörer Dresdens und Sachsens.

Aber man findet den Namen Rathenau weder in Philosophen-, noch in Künstler- oder Schriftstellerlexika. Wie soll man einen solch vielseitigen Menschen überhaupt begreifen?

In Biographischen Enzyklopädien finden wir einige Fakten, gleichzeitig wird aber auch die »Zerrissenheit« oder »Widersprüchlichkeit« Rathenaus hervorgehoben. Warum wohl?

Rathenau war ein erfolgreicher Unternehmer, der aber auch soziale Verantwortung praktizierte. Rathenau war der Kopf der deutschen Kriegswirtschaft im Ersten Weltkrieg, wies aber darauf hin, dass das Ziel des Kriegs nur im einvernehmlichen Frieden bestehen könne. Rathenau kritisierte in seinem Buch »Von kommenden Dingen« die dogmatischen Vorstellungen der Sozialdemokratie von der Zukunft, schloss aber 1922 mit dem Außenminister der  Russischen Förderation Georgi Wassiljewitsch Tschitscherin (24.11.1872-7.7.1936), einem Geistesverwandten, in Rapallo einen Vertrag, der die Sieger-Mächte-Blockade gegen Deutschland und Sowjetrussland durchbrach. Rathenaus Verhandlungsgeschick, seine Vorstellung von der geostrategischen Interessenlage Deutschlands und seine Vision eines neuen Europa flossen hier zusammen.

Also war Rathenau kein bloßer Politiker, sondern ein Staatsmann? Genau. Er war von universeller Bildung. Er schloss zudem seine Augen nicht vor den Gegensätzen seiner Zeit, wie es die so genannten »konservativen Eliten« taten. Diese waren weder konservativ noch wirkliche Elite. Die Hohenzollern vermochten Zukunft nur als simple Fortsetzung der Vergangenheit zu denken. Hilflos standen sie den Gegensätzen und den Unsicherheiten, die mit dem neuen Jahrhundert aufbrachen, gegenüber. Es fiel ihnen nichts Dümmeres ein, als in den Krieg zu flüchten. Stig Förster hatte vor einigen Jahren die Tagebücher des deutschen Generalstabschefs von Moltke gefunden. Dort stand zu lesen, dass, wenn Deutschland einen Krieg beginne, dieser ein Zwei-Fronten-Krieg würde, wenn es aber ein Zwei-Fronten-Krieg würde, dann verliere man diesen. Förster meinte, dass eine solche Denkweise mit dem Handwerkszeug des Historikers nicht zu erklären sei. Man könne sagen »Selbstmord aus Angst vor dem Tode!«

Die deutsche Sozialdemokratie wurde am Ende des 19. Jahrhunderts von Friedrich Engels vergeblich gemahnt, die »demokratische Republik« als Ziel in das Parteiprogramm aufzunehmen. Man flüchtete lieber in einen abstrakten Internationalismus, der sich am 1. August 1914 in Luft auflöste.

Rathenau dagegen vermochte die Interessengegensätze der Nationen zu analysieren und gleichzeitig die wechselseitige Abhängigkeit aller Nationen von allen zu begreifen. Rathenau sah, dass man diese Widersprüche nicht lösen kann, wenn man versucht Nachbarländer mit primitiver militärischer, wirtschaftlicher oder politischer Gewalt von der Vertretung eigener Interessen abzubringen. Lösung war für ihn die Suche nach neuen Formen, in denen sich die nationalen Interessengegensätze weiter bewegen können, nach neuen Formen der Inter-Nationalen Beziehungen.

Gab es in der deutschen Politik jener Zeit einen vergleichbaren Politiker? Eher nicht. Unter diesem Aspekt wird deutlich, welches Verhängnis für Deutschland die Ermordung Rathenaus war, eines Mannes, der mit dem Vertrag von Rapallo nicht nur den unseligen Vertrag von Brest revidierte, der in seiner restriktiven Wirkung auf das junge Sowjetrussland schlimmer war, als die Wirkung des Vertrages von Versailles auf Deutschland, sondern der eine Folge von Verträgen zwischen Deutschland und Sowjetrussland erst ermöglichte.

Universelle Bildung. Aber was ist Universalismus? Kein Zustand, keine Rechtsauffassung, keine Kultur. Eher ein Methodensystem unseres Denkens, unserer Vernunft. Die Fähigkeit die Gegensätze unserer Wirklichkeit auszuhalten und aus unseren Fehlern zu lernen. Dem Anschein nach ist es so, dass der Universalismus eher von ausgegrenzten Menschen weitergeführt wird als vom Establishment. Dort, wo Universalismus laut proklamiert wird, ist er sicher nicht zu finden. Rathenau gehörte trotz seiner äußerlichen Erfolge wegen seiner jüdischen Herkunft zu den Außenseitern im deutschen Kaiserreich, obwohl er sich selbst nicht als Jude identifizierte. Rathenau vermochte universell zu denken, doch diese Fähigkeit zog Anfeindungen der Dogmatiker aller Seiten auf ihn. Er saß praktisch zwischen allen Stühlen. Gleichwohl war er einer der interessantesten Menschen jener Zeit.

Eberhard Görner griff mit seinem Walther-Rathenau-Film wieder einmal ein Jahrhundertthema auf. Da waren wir beide uns an diesem Abend auf unserer Wanderung zwischen Teehaus und Hotel einig. Wir wissen viel zu wenig. Da sind die Bücher, leider vielfach nur noch antiquarisch erhältlich, und die Briefe. Im Film wird uns ein Blick auf Zeichnungen und Malerei Rathenaus gewährt. Im Bad Freienwalder Schloss sind einige Originale zu sehen.

Ein Mann mit universeller Bildung. Vielwisserei allein, sagte Heraklit, macht noch keinen Weisen, wobei ein Weiser jedoch viel wissen muss. Ohne Zweifel war Rathenau ein Philosoph, der in Platonischer Tradition nach der Weisheit suchte, die über Vernunft und Glauben hinausgeht. Görner beschönigt aber auch hier nicht. Er macht uns die Vereinsamung Rathenaus am Lebensende deutlich. Wo viel Weisheit ist, da ist viel Grämen, meinte Salomo. Fügt aber an, dass er lieber zu denen gehe, die trauern, als zu denen, die feiern. Mit dieser Traditionslinie ist Walther Rathenau bis heute Maß und Wert für alle, die in der Politik tätig sein wollen. Rathenau ist ein Mann der Zukunft. Wohl deshalb wird auch der Walther-Rathenau-Preis bis heute vergeben.

Johannes Eichenthal

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