Reportagen

Identitäten im Wandel

 

Der Sächsische Literaturrat e. V. hatte für den Abend des 20. September zur Eröffnung der Deutsch-Polnischen Literaturtage in das Literaturcafe des Leipziger Haus des Buches eingeladen. Frau Surwillo-Hahn, die stellvertretende Direktorin des polnischen Institutes in Leipzig und die Geschäftsführerin des Sächsischen Literaturrates, Dr. Sibille Tröml, eröffneten die Veranstaltung vor etwa 35 Zuhörern. Frau Surwillo-Hahn bemühte die Geschichte, um die Tradition der Polnisch-Sächsischen Beziehungen zu begründen. Unter August dem Starken, der auch König von Polen war, seien die Kontakte besonders gut gewesen. Frau Dr. Tröml verwies darauf, dass es eine vergleichbare Veranstaltungsreihe Anfang der 1990er Jahre schon einmal gegeben habe. Diese sei in Dresden eröffnet worden. Sie freue sich, dass nun 2011 gemeinsam mit dem Polnischen Institut ein kleines, aber feines Programm möglich geworden sei. Man habe Autoren gewinnen können, die in der Literatur beider Länder von Bedeutung seien. Das Thema der Eröffnungsveranstaltung laute »Identitäten im Wandel«.

Nach der Eröffnung werden Veranstaltungen in Leipzig, Dresden, Chemnitz und Görlitz folgen. Die Veranstaltung steht unter der Schirmherrschaft der sächsischen Ministerin für Wissenschaft und Kunst, Frau Prof. Dr. Sabine von Schorlemer, und des Botschafters der Republik Polen in Deutschland, Herrn Dr. Marek Prawda.

Im Podium des Abend stellte der Moderator Prof. Dr. Eckart D. Stratenschulte (2. v. li.), der Leiter der Europäischen Akademie in Berlin, die Diskussionsteilnehmer vor: rechts von ihm der Schriftsteller Werner Heiduczek (geb. 1926 in Hindenburg/Zabrze), ganz rechts Basil Kerski, der Herausgeber des deutsch-polnischen Magazins Dialog, und links neben ihm der Lyriker und Übersetzter Dr. Andre Rudolph (geb. 1975 in Warschau, aufgewachsen in Leipzig). Später trat noch Steffen Mohr in die Runde, der die Wortbeiträge mit selbstgemachten Liedern begleitete. Heiduczek trug einen Text aus seiner Autobiographie über seine Geburtsstadt vor. Kerski einen Text über Berlin und Rudolph präsentierte eine Reflexion über die Schwierigkeiten der lyrischer Texte.

Werner Heiduczek trug mit einer leichten oberschlesischen Melodie seine Text über die Sehnsucht nach den Orten der Kindheit vor, den vermeintlich goldenen Jahren. Seine Geburtsstadt sei bei einem Besuch von Charles de Gaulle im Jahre 1968 in die Schlagzeilen gekommen, als der Gast sie als »polnischste aller polnischen Städte« bezeichnete. Er habe zunächst nicht verstanden, warum de Gaulle dies sagte. Im Nachhinein glaube er, dass der französische Präsident, ehe er wegen der Studentenaufstände nach Paris zurückkehren musste, einen Tribut an die Grenzen nach 1945 entrichten wollte. Wäre er nach Bytow gekommen, hätte er diese Stadt als »polnischste, aller …«

In Heiduczeks poetischer Sprache konnte man eine vergangene Epoche erahnen. Es folgten Sätze, wie »Die Gräber einer untergehenden Zeit liegen weit verstreut« … »Felder werden Gräber, Gräber werden Felder. Auch das ist Kontinuität.«

Der Moderator befragte im Anschluss jeden Teilnehmer nach seiner »Identität«. An Heiduczek gewandt fragte er, wie wichtig der Ort Zabrze für seine Identität sei.

Heiduczek antwortete, er sei ein heimatloser Geselle, wäre nie in Zabrze geblieben. Aber diese Stadt verfolge ihn. In der ganzen Welt treffe er Oberschlesier.  Aber er habe immer weg gewollt, er könnte auch in New York oder sonstwo wohnen. Sein Freund Erich Loest sei wenigstens »Leipziger«. Er sei gar nichts. Doch irgendetwas ziehe einen dann immer wieder zum Geburtsort, zu »Mama und Papa«.

Andre Rudolph meinte auf die Moderatorenfrage, dass sich für ihn Identität eher über Sprache konstituiere als über einen Ort. Man hätte erwarten können, dass er diesen wichtigen Gedanken noch etwas ausführte, denn er wurde mit einer Arbeit zu Johann Georg Hamann promoviert. Er beließ es aber bei dieser Andeutung.

Der Moderator wollte von Kerski wissen, was er an seinem Berlin-Artikel heute anders geschrieben hätte. Doch Kerski antwortete auf die Frage, die Werner Heiduczek gestellt worden war. Er fühle sich innerlich jung. Aber schon im Verhältnis zum Denken der Generation seiner Kinder fühle er sich alt. Er sei mit den Erfahrungen des geteilten Europa mit Verlust-Erfahrungen aufgewachsen, obwohl seine Generation zum Glück keinen Krieg erlebte. Er sei mit gemischten Gefühlen hierher gefahren, weil die Frage der Identität immer auf die ethnische Herkunft hinauslaufe. »Können wir nicht endlich aufhören, einander nach der ethnischen Herkunft zu fragen?«

Der Moderator hatte ihn aber garnicht nach seiner »Identität« … Naja. Ein Freudscher Ver-Antworter.

Jetzt wurden Publikumsfragen zugelassen. Ein Gast aus Saarbrücken wollte wissen, wie es denn mit der sächsischen Mentalität sei? Stille im Publikum. Darauf der Moderator aus Berlin ermunternd zum Publikum: »Sie sind die Sachsen!«

Rudolph meinte darauf, dass es keine sächsisch-polnische Freundschaft gäbe, nur slawische Flurnamen. (Diese sind jedoch in der Mehrheit böhmisch-tschechischen Ursprungs – j.e.).

Kerski meinte, dass es ein melancholisches Verhältnis zwischen Sachsen und Polen gäbe. In Leipzig gebe es aber die große Tradition des polnischen Kulturinstitutes.

Ein Gast aus dem Publikum ergänzte, dass er im heutigen Polen geboren wurde und 1945 das Land verlassen musste. In den letzten Jahren sei er mit seinem Enkel erstmals wieder in seinem Geburtsort gewesen. Man habe ihn dort sehr freundlich aufgenommen.

Hier ging nach fast zwei Stunden, so wie es Prof. Stratenschulte prophezeit hatte, die Diskussion zu Ende. Frau Dr. Tröml dankte und überreichte den Aktiven kleine Buch-Geschenke, ebenso die Kollegen des Polnischen Institutes.

Kommentar

Während Altmeister Werner Heiduczek nach dem offiziellen Abschluss für einzelne Gäste seine Bücher signierte, riefen wir uns noch einmal die Gesprächsrunde in Erinnerung. Irgendwie waren die Beteiligten mit dem Thema nicht so recht glücklich. Aber irgendjemand muss ja auf die Thematik gekommen sein. Sicher in guter Absicht. Vielleicht ist das Wort von der »Identität« auch etwas für Politiker, wie de Gaulle? Ein Gast berichtete von guten persönlichen Kontakten in seine ehemalige Heimat. Der Gast aus Saarbrücken fragte nach »Mentalität«. Andre Rudolph führte Sprache ins Feld. Allein die Lesung von Werner Heiduczek ersetzte ganze Debatten. Literatur und Kunst vermögen uns ein Bild des besonderen zu bieten. Dagegen hinken abstrakte Vergleiche in der Geschichte immer. Obwohl sich Eberhard Görner in seinem Roman »Der Narr und sein König« bemüht, die kulturelle Orientierung der Politik Kurfürst Augusts als König von Polen aufzuzeigen, den Einsatz von Architekten und Künstlern beim Ausbau Warschaus, klingt bei ihm auch an, dass August von der polnischen Elite abgelehnt wurde. Gräfin Cosel und Johann Gottfried Herder, wenn Herr Eichler nicht dabei ist, kann man den Namen ja ruhig einmal nennen, gingen in der Einschätzung noch weiter. Herder meinte, es sei der größte aller Fehler Augusts gewesen, sich um die polnische Krone zu bewerben. Dabei hat er noch nicht einmal die Kosten im Blick. Herder meint, dass man im Dresden jener Zeit der Verantwortung für das Deutsche Reich nicht gerecht wurde. Dieses Kapitel taugt also sicher weniger für die Begründung einer guten Nachbarschaft. Da vermögen Künstler und Literaten schon mehr. Aus den Erzählungen meines Chefs weiß ich, dass er während seiner Studentenzeit im Polnischen Informationszentrum in Leipzig Platten mit Musik von Czeslaw Niemen, Zbigniew Namyslowski, Michal Urbaniak und vielen anderen erwarb. In Leipzig, so sagt er, habe er auch die polnische Kulturzeitschrift »Projekt« erhalten, für die es in der DDR kein Äquivalent gab.

Johannes Eichenthal

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