Reportagen

WIR LEBEN WEITER! BUCHPREMIERE IN CHEMNITZ

Die öffentliche Premiere der Lebenserinnerungen des gebürtigen Chemnitzers Franz Cohn, die zur diesjährigen Leipziger Buchmesse unter dem Titel »Wir leben weiter. Geschichte einer Familie.« erschienen, fand am 15. Mai in der Stadtbibliothek Chemnitz statt.

Elke Beer, die Leiterin der Stadtbibliothek, begrüßte die Gäste und den Filmemacher und Herausgeber des Buches Professor Eberhard Görner.

Eberhard Görner, der mit bewunderungswürdiger Ausdauer von Veranstaltung zu Veranstaltung »wandert«, las in Vertretung des 91jährigen Autors, der heute in Stockholm lebt, Auszüge aus den Lebenserinnerungen Franz Cohns. Dazu spielte die Technik die Erzählerstimme Franz Cohns von der Hörbuchfassung der Lebenserinnerungen ein. Die Kindheit des Autors auf dem Chemnitzer Kaßberg, das jüdisch-bürgerliche Elternhaus, die Liebe seiner Eltern zur Musik von Schubert, Mozart und Bach, zur Literatur von Goethe, Schiller und Heine wurde den Zuhörern als inneres Bild vorstellbar.

Franz Cohn erzählt in weiten Teilen seiner Erinnerungen aus der Weltsicht eines zwölfjährigen Knaben. Die kindliche Naivität kommt ohne ideologische Wertungen an der Oberfläche aus. Um so eindrucksvoller gelingt ihm aber mit diesem Erzählstil die Darstellung der Absurdität der Veränderungen, die sich nach 1933 auch in Chemnitz vollzogen. Seinem Vater, dem promovierten Juristen Fritz Cohn, der im Ersten Weltkrieg als Offizier seinem Vaterland diente, dem hohe militärische Auszeichnungen, darunter das Eiserne Kreuz, verliehen wurden, entzog man Stück für Stück die Bürgerrechte. Die neuen Machthaber verhafteten ihn schließlich in der Pogromnacht von 1938, misshandelten ihn im Konzentrationslager Buchenwald, um die Familie Cohn aus dem Land zu treiben. Man versuchte einem anerkannten und geachteten Träger deutscher Kultur das Deutschtum streitig zu machen. Sehr spät entschloss sich Dr. iur. Fritz Cohn mit der Familie Deutschland zu verlassen. Die Kinder wurden zuerst außer Landes gebracht. Sohn Franz Cohn erhielt einen Platz im Kindertransport nach Stockholm im Januar 1939. Obwohl den Eltern noch die Ausreise nach Norwegen gelang, überlebten sie die folgende Auslieferung nach Deutschland nicht.

Das Haus Askrikegatan 15, in dem die Familie Bermann-Fischer 1939 in Stockholm lebte

Franz Cohn wurde in Stockholm vom Bruder seiner Mutter, dem Verleger des Fischer Verlages, Gottfried Bermann-Fischer, in die Familie aufgenommen. Der Onkel nahm den zwölfjährigen Chemnitzer Junge ernst, wie einen Erwachsenen. So erfuhr Franz interessante Details des Verlagsexils. Der begnadete Erzähler Eberhard Görner macht diese Fügung des Schicksals über ein eingespieltes Filminterview mit Gottfried Bermann Fischer, das er in dessen Alterssitz in der Toskana führte, sinnlich fassbar. Görner verzichte auf die Einblendung seiner Fragen. Wir hören nur die Antworten und haben das Gefühl als seien wir selbst im Gespräch. Gottfried Bermann Fischer vermag mit wenigen Sätzen die Geschichte in unseren Köpfen zu assoziieren. Noch heute sind wir beeindruckt, wie klug der studierte Chirurg und Verlags-Quereinsteiger den wichtigsten deutschen Kulturverlag auch nach 1933, unter den Bedingungen des SS-Staates (Eugen Kogon), zu führen vermochte: Teilung des Verlages, 1936 Rückzug nach Wien, 1938 Flucht aus Wien in die Schweiz. Weil ihm dort keine Verlagsgründung erlaubt wurde, musste die Familie weiter nach Schweden flüchten. Das Schicksal meinte es dort jedoch gut, denn in Stockholm wurde die Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens mit dem schwedischen Bonnier Verlag möglich. Innerhalb kurzer Zeit erfolgte die Herstellung neuer Bücher. Nach Stockholm wurde auch die erste Gesamtausgabe der Werke Thomas Manns benannt. Interessant ist, dass Gottfried Bermann Fischer in seinem Interview die Exil-Zeit in Stockholm nicht thematisierte. Vielleicht weil es nur ein Punkt in einer mehrjährigen Flucht-Existenz war? Vielleicht auch, weil die Arbeit unter den Exilbedingungen für ihn normal war?

Die Lebenserinnerungen von Franz Cohn vermögen diese Lücke etwas zu schließen. Es beginnt beim Haus in der Askrikegatan 15, in dem man gemeinsam wohnte. Franz Cohn schildert mit großer Liebe und Verehrung die Familie Bermann-Fischer, die nicht nur ihn, sondern noch drei weitere jüdische Kinder aus Wien aufnahm und die von Schweden aus mehrere ehemalige Verlagsmitarbeiter aus Konzentrationslagern zu befreien vermochte.

Franz Cohn schildert die besonderen Umstände, unter denen Gottfried Bermann Fischer kurzfristig die Gründung des Verlagsbüros im Haus Stureplan 19  (Bildmitte) gelang. Er benennt auch die Personen, die Bermann-Fischer zur Seite standen.

Gottfried Bermann-Fischer im eingespielten Filminterview

Das Filminterview mit Gottfried Bermann Fischer und die Lebenserinnerungen von Franz Cohn machen für uns den Exilort Stockholm verstehbar. Wir begreifen, welche Herausforderung es für den Verleger war, wenn sein Star Autor Thomas Mann zweifelt, ob der Fischer Verlag diese Schwierigkeiten zu überstehen vermag und in einem Brief einen Verlagswechsel andeutet. Die Schwere dieser Herausforderung können wir erahnen, wenn wir Bermann-Fischer am Ende des Filminterviews einen Brief Thomas Manns vom 27. Dezember 1939 zitieren hören: »Lieber Dr. Bermann, ehe ich Ihnen schrieb, wollte ich gern ‹L. i. W.› (= Lotte in Weimar – cs) in Händen haben, um Ihnen ein Wort darüber sagen zu können … Es ist ein ungewöhnlich schöner, mit sichtlicher Sorgfalt und Liebe hergestellter Band, darüber gibt es nur eine Stimme, und mein Schwiegersohn Borgese, Medis Gatte, philosophierte bei seinem Anblick gleich über die Widerstandskräfte der Civilisation, die sich darin ausdrückten, dass heutzutage ein deutsches Buch in dieser gepflegten Form herauskommen könne. Er hat wohl recht, aber ich sagte ihm, diese Zähigkeit der Civilisation habe ihren ganz persönlichen Sitz, nämlich in Ihrem Busen. Sie seien nicht umzubringen, und wenn nach Berlin und Wien auch Stockholm auffliege, so würden sie es in London oder New York oder Neuseeland ebenso distinguiert weitertreiben und auch meinen nächsten Roman wieder aufs feinste herausbringen.« Gottfried Bermann-Fischer legt den Briefband zur Seite. Über das Gesicht des alten Verlegers huscht ein jungenhaftes Lächeln.

Dieser seltenen Symbiose von Autor und Verleger verdanken wir die Veröffentlichung der strategischen Antwort Thomas Manns auf das absurde Hochstapler-Deutschtum jenes Reichskanzlers Hitler. Thomas Mann verzichtete in dieser Auseinandersetzung nicht auf deutsche Kultur, im Gegenteil: er verteidigte sie und entwickelte das Konzept eines deutschen Kulturstaates in Europa.

Die Zuschauer können die Fülle der Gedanken, die sich mit dieser Verbindung von Lesung, Hörbuchstimme und Filminterview ergeben, dem individuellen Schicksal des Franz Cohn und der Weltgeschichte, die sein Onkel mit dem Fischer Verlag schrieb, kaum fassen. Schlagartig wird deutlich, welche unwiederbringlichen Verluste der SS-Staat der Welt und auch Deutschland selbst zufügte. Nach einigen Sekunden der Stille kommt Beifall auf, der dem Filmemacher und Herausgeber Prof. Eberhard Görner, aber ebenso dem gebürtigen Chemnitzer Franz Cohn gilt.

Noch lange diskutierten Gäste im Veranstaltungssaal. Eberhard Görner signierte im Anschluss das Buch von Franz Cohn. Als sich der Veranstaltungssaal langsam leerte, konnte Prof. Görner endlich auch ein Buch für die Leiterin der Stadtbibliothek Chemnitz, Frau Beer, signieren.

Franz Cohn, Prof. Eberhard Görner, der Mannschaft der Stadtbibliothek Chemnitz und dem Publikum, dass trotz der vielen Baustellen den Weg zur Stadtbibliothek fand, ist zu danken. Es waren alle aus Chemnitz und der Umgebung gekommen, die einen wirklichen Sinn für den Zusammenhang, die Verbindung von Region und Welt haben. Ohne Zweifel war diese Veranstaltung ein Ereignis.

Am folgenden Tag machte Eberhard Görner, zu dem sich der in ganz Ostdeutschland beliebte Ausnahme-Schauspieler Gojko Mitić (2. v. li.) gesellt hatte, auf den Weg zur nächsten gemeinsamen Lesung nach Zwickau, in Limbach-Oberfrohna einen Halt. Als Reminiszenz an den großen deutschen Dichter Gert Hofmann (1931–1993) besuchten beide die historische Gaststätte Stadt Wien, den letzten authentischen Erinnerungsort der Anwesenheit Gert Hofmanns, der hier am 24. Juli 1990 zu seinem ersten und letzten Besuch in seiner Geburtsstadt weilte. Gojko Mitić wirkte an der Verfilmung des Hofmannschen Romans »Der Kinoerzähler« mit. Er spielte dort einen »Zirkusreiter«, eine Anspielung auf den unbekannten Vater Gert Hofmanns.

Clara Schwarzenwald

 

Informationen

Franz T. Cohn: Wir leben weiter. Die Geschichte einer Familie. Hörbuch. 2 CD.

Argon Verlag Berlin 2017; ISBN 978-3-8398-1552-6

www.argon-verlag.de

Franz Cohn: Wir leben weiter. Die Geschichte einer Familie. 14,0 × 20,5 cm, 120 Seiten, zahlreiche s/w-Abbildungen und Fotografien.

Mironde Verlag 2018; ISBN 978-3-96063-005-0

www.mironde.com

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