Reportagen

WINTERREISE. BILDER EINER AUSSTELLUNG

Der 21. Juli war ein heißer Sommertag. Der Wetterbericht sagte bereits einen weiteren Anstieg der Hitze voraus. Wir aber fuhren gemächlich ins Tal der Elbe zum Schloss Struppen.

Der Schlossverein Struppen hatte zum Abschluss einer Ausstellung des Meißener Künstlerpaares Else Gold und Wolfgang E. Herbst Silesius mit dem Titel »Holzschnitte und Objekte« zu einer Aufführung von Franz Schuberts »Die Winterreise«, nach dem Text des Dichters Wilhelm Müller, eingeladen.

Im Schlosssaal hatte der Kurator den gesamten Holzschnitt-Zyklus »Die Winterreise« von Wolfgang E. Herbst-Silesius gehängt. Die Zuschauer saßen praktisch inmitten der Bilder einer Ausstellung.

 

Wolfgang Herbst führte die Gäste mit wenigen Worten in die Geschichte ein, die uns Müller und Schubert erzählen. Wir geben hier den Text wieder:

»Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde der Poesie, der Musik, der Bildenden Kunst,

Es ist sicher eine große Anstrengung der Phantasie notwendig, um sich bei diesen Temperaturen in eine Winterreise hineinversetzen zu können. Ich habe an der Musikhochschule in München Gesang bei Professor Gruberbauer studiert. Hauptabsicht war die Musik Franz Schuberts. ‹Fremd bin ich eingezogen …›, so beginnt die Geschichte. In meiner Jugend galt der Text von Müller als drittklassige Lyrik. Aber je mehr ich mich mit dem Text beschäftigte, um so mehr hat mich dieser Text erfasst. Franz Schubert hat, so wie ich es erlebe, mit seiner Musik auch nicht die Lyrik von Müller illustriert, sondern sie auf eine neue Ebene gehoben. Mein Anliegen war es, die Geschichte auf eine Bilderebene zu heben, auch ohne zu illustrieren. Deshalb habe ich mich an Symbole gehalten. Dieser Wanderer in unserer Geschichte, der will anders als der im Lied von der schönen Müllerin, nicht rein in die Mühle, sondern raus aus der Mühle. Er will weg. Im Müllerschen Text gibt es dem Anschein nach viel Enttäuschung und Bitterkeit, aber auch den Wunsch, sich von woanders zu betrachten. Die Bilder sind einheitlich und in Schriftrichtung aufgebaut. Links oben ist die Verkündigungsecke und rechts unten die vollendete Vergangenheit. Rechts oben das Versprechen der Befreiung. Im ersten Bild geht es um das Thema: ‹Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus!›

Das letzte Bild stellt einen Leierkastenmann in den Mittelpunkt: ‹Drüben hinterm Dorfe/ Steht ein Leiermann/ Und mit starren Fingern/ Dreht er was er kann./Barfuß auf dem Eise/ Wankt er hin und her/ Und sein kleiner Teller/ Bleibt ihm immer leer./ Keiner mag ihn hören,/ keiner sieht ihn an,/ Und die Hunde knurren/ Um den alten Mann./ Und er lässt es gehen,/ Alles wie es will,/ Dreht, und seine Leier/ Steht ihm nimmer still./ Wunderlicher Alter!/ Soll ich mit Dir geh’n?/ Willst zu meinen Liedern/ Deine Leier dreh’n?›

Sehr geehrte Damen und Herren, Ich bin glücklich, dass diese Aufführung heute hier zustande gekommen ist. Ich begrüße mit Ihnen den Sänger Jussi Juola aus Finnland und die Pianistin Eun-Hye Kang aus Südkorea. Ich danke Ihnen.«

 

Jussi Juola und Eun-Hye Kang beeindruckten das Publikum mit ihrer Interpretation des Schubertschen Werkes. Beide Musiker sind Absolventen der Dresdner Musikhochschule Carl Maria von Weber und Preisträger des Internationalen Wettbewerbes »Franz Schubert und die Musik der Moderne, Graz 2018«. Das Publikum dankte den beiden Musikern und Wolfgang E. Herbst Silesius am Ende mit begeistertem Applaus.

 

Wolfgang E. Herbst überreichte als Zeichen des Dankes an die beiden Musiker je ein handgebundenes Buch mit dem Holzschnitt-Zyklus der Winterreise.

 

Mit dem Konzert ging die Ausstellung des Meißener Künstlerpaares Else Gold und Wolfgang E. Herbst in der außergewöhnlichen, interessanten Schlossgalerie zu Ende.

 

Foto: Schloss Struppen

 

Kommentar

Die Anteilnahme des Publikums an Ausstellung und Konzert war beeindruckend. Mitten in der Urlaubszeit, bei sommerlicher Hitze, am Ende einer arbeitsreichen Woche, kam ein interessiertes, kenntnisreiches Publikum auf Schloss Struppen zusammen. Und dieses Publikum wurde nicht enttäuscht. Das Zusammenwirken der Schubertschen Musik, des Müllerschen Textes und der Herbstschen Holzschnitt-Serie war beeindruckend. Dieser »Dreiklang« ermöglichte in uns innere Bilder von kaum zu überbietender Intensität. Das Publikum ließ sich darauf ein, und die Aufmerksamkeit des Publikums spornte die Künstler an. So vermochten wir auch in der letzten Strophe vom »Leierkastenmann« eine Verbindung zur großen deutschen Lied-Tradition herzustellen. Einst war es üblich, dass sich der Künstler selbst erniedrigte. Der große Minnesänger und Erzähler Wolfram von Eschenbach versucht dem Leser zum Beispiel einzureden, dass er eigentlich Analphabet sei und gar nicht schreiben könne. An diese Verfahren erinnert die Schlussstrophe von Wilhelm Müllers Winterreise. Der große Liederdichter erniedrigt sich: »Keiner mag ihn hören,/ Keiner sieht ihn an,/ Und die Hunde knurren /Um den alten Mann.« Doch Müllers Haltung zeugt, wie die Eschenbachs, von Demut. Um das Weiterleben ihres Werkes brauchten sie sich eigentlich keine Sorgen zu machen. Denn wenn in der Geschichte etwas bleibt, dann das, was die Dichter (und die Künstler und die Musiker) stiften (Friedrich Hölderlin). Das Streben nach Geldreichtum, Macht und Berühmtheit ist dagegen wie das Haschen nach Wind. Der Schlossverein, die Künstler und das Publikum demonstrierten, dass künstlerische Qualität aus handwerklichem Können und Begeisterung entspringt. Eine solche Koinzidenz finden wir dem Anschein nach nur noch in derartigen »Geheimtipp-Veranstaltungen«. Den Organisatoren, den Künstlern und dem Publikum ist zu danken. Es war ein Ereignis.

Clara Schwarzenwald

 

Information

www.schloss-struppen.de

www.elsegold.de

www.weherbst.de

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