Reportagen

KARL QUARCH VERLAG – NICHT ELITÄR, ABER ANSPRUCHSVOLL

Gaststätte und Galerie zum Prellbock hatten am 15. November zur Buchvorstellung Ekkehard Schulreich: »Ins Schwarze. Originale Druckgrafik ist das Markenzeichen des Leipziger Verlegers Karl Quarch. Eine Spurensuche nach der Verlagsgründung 1919.« nach Lunzenau eingeladen.

Matthias Lehmann, der Kurator der Galerie, läutete die Veranstaltung ein, begrüßte am Abend des 15. November voller Freude die Gäste, agierte als Kellner, und stellte gleichzeitig den Autor Ekkehard Schulreich (Jg. 1968) vor. Lehmann machte vorab darauf aufmerksam, dass dem Autor für das Manuskript seines Buches im Jahre 2018 der Mitteldeutsche Historikerpreis Urkrostizer Jahresring in der Kategorie Dokumentation zuerkannt wurde.

Schulreich umriss in seinem Vortrag, unterstützt durch Beamer-Bilder, mit wenigen Sätzen die Gründung des Leipziger Karl Quarch Verlags im Jahre 1919. »Luxuspapierwaren« stellten die Grundlage des Geschäfts dar. Das Sortiment umfasste Glückwunsch- und Dankkarten, Schmuck für Poesiealben, Siegellack u.a. Der Mitteldeutsche Papierverein wurde in Leipzig gegründet und hier wurden solche »Luxuspapierwaren« auch gehandelt. Karl Quarch jun. (Jg. 1923) musste seinem früh verstorbenen Vater bereits 1941 in der Leitung des Geschäfts nachfolgen. Von 1945 bis Mitte der 1960er Jahre bediente Karl Quarch Lücken, die die große Industrie nicht ausfüllte. Ab Mitte der 1960er Jahre wurden schrittweise Offset-Drucke von anspruchsvollen Zeichnungen und Malereien, Mappen mit Radierungen, Holzstichen und Holzschnitten zum Markenzeichen des Quarch-Verlages. Schulreich charakterisierte das Verlagsprogramm mit den Worten »nicht elitär, aber anspruchsvoll«. Quarchs Lebensmotto lautete »Pflicht ist Glück, Arbeit ist Trost, Schönes vermitteln Lebensfreude.« Quarch stellte in Leipzig, in der Buchhandels- und Buchmessestadt, in der in den 1970er/80er Jahren die weltbesten Bach- und Beethoven-Interpretation erklangen, in der eine Hochschule für Graphik- und Buchkunst handwerklich exzellente Absolventen ausbildete, in der eine lebendige Literatur-, Kunst- und Wissenschaftsszene existierte und in der die Phantasie der jungen Generation bereits an der selbst hergestellten oder selbst zusammengestellten Bekleidung der Studenten erahnbar war, anspruchsvolle Druckerzeugnisse in relativ großer Stückzahl her. Der Verlag wurde ein Statthalter von Gebrauchgraphik im besten Sinne des Wortes. Über die bisherigen Grenzen des Genres hinaus verbreitetet Quarch handwerklich ausgezeichnete und künstlerisch anspruchsvolle Graphik für das Alltagsleben.

Schulreich schilderte dann, dass diese einzigartige Entwicklung 1990 abbrach. Unter den Bedingungen des neu eingeführten Wirtschaftssystems der alten Bundesrepublik konnte Karl Quarch sein Unternehmen nicht aufrecht erhalten. Der Kundengeschmack hatte sich plötzlich verändert. Er verlor die Geschäftsräume in der Innenstadt, das elterliche Haus und musste mit seinem Verlagsarchiv zu Freunden nach Hessen ziehen. Erst im Jahre 2007 kehrte er zu seiner Beisetzung auf den Leipziger Südfriedhof zurück.

Auf eine Frage Matthias Lehmanns antwortete Schulreich, dass er in seiner Tätigkeit als Lokaljournalist mit Pfarrer Böhme in Bad Lausick zu tun hatte. Dieser war vorher in Döhlitz als Pfarrer tätig gewesen. Pfarrer Böhme brachte ihm eines Tages Unterlagen des Quarch Verlags und machte ihn mit Frau Karich, der Mitarbeiterin und Lebensgefährtin Karl Quarchs bekannt. Danach besuchte er Frau Karich in Hessen. Diese habe zunächst am Sinn des Ganzen gezweifelt, ihn aber dann, obwohl sie eigentlich keine Treppen mehr steigen konnte, in den Keller des Hauses geführt, der das Verlagsarchiv beherbergte. Hier habe er das Gefühl gehabt, dass sich bestimmte Kreise in seinem Leben schlossen. Bereits 1983 sei er in die Pirckheimer Gesellschaft eingetreten. Er war vielleicht damals das jüngstes Pirckheimer Mitglied. Sein Eltern hatten Mappen und Karten des Quarch Verlags gekauft. An all das erinnerte er sich angesichts des Verlagsarchivs mit den Namen bekannter Künstler auf den Kartons. In diesem Moment habe er sich vorgenommen, die Geschichte des Quarch Verlags heutigen Lesern nahe zu bringen. Er sprach mit Künstlern, die mit Quarch zusammengearbeitet hatten und fügte die Zeitzeugenbericht zu einem Verlagsbild zusammen. Es sei ihm nicht um eine abstrakte wissenschaftliche Studie und auch nicht um eine museale Katalogisierung gegangen. Er habe die Geschichte des Leipziger Traditionsverlags in unserer Zeit vergegenwärtigen wollen. Im Zuge der Arbeiten am Buchprojekt sei er deshalb auch wieder Mitglied der Pirckheimer Gesellschaft geworden.

Auf eine Frage von Matthias Lehmann antwortete Schulreich, dass er bei der Recherche auch den Pirckheimer Matthias Haberzettl kennen gelernt habe. Der bedeutende Sammler von Werken Werner Klemkes habe auch die Sorge und Verantwortung für den Nachlass des Quarch Verlags übernommen. Auf die Frage eines Gastes nach aktiven Förderern des Quarch Verlages nannte Schulreich die Namen der Kunsthistoriker Legende Lothar Lang, des Direktors der Staatsbibliothek Berlin Prof. Kunze und des Bibliotheksdirektors und Pirckheimer Mitglied Prof. Kaiser. Diese Förderer gehörten der Kulturstaats-Fraktion an, deren Ziel die Humanisierung der Gesellschaft war.

Die Gäste äußerten sich sehr anerkennend über den Versuch des Verlages, die Darstellung des Autors mit einer Buchgestaltung zu unterstützen, die neue Sichtweisen und Blicke auf den »anspruchsvollen aber nicht elitären« Karl Quarch Verlag anregt. Im Zeitalter der »technischen Reproduzierbarkeit des Kunstwerkes« (Walter Benjamin) stellen sich in diesem Punkt viele Fragen neu. Deutlich wurde im Vortrag aber, dass der eher konservative Karl Quarch auch behutsam die mediale Verbreitung von Druckgrafik erneuerte. Eine unfruchtbare technologische Nostalgie lag ihm fern. Er nutzte die technischen Möglichkeiten, die ihm zur Verfügung standen. Die Frage ist, mit welcher Technik Karl Quarch heute arbeiten würde?

Die Buchgestaltung macht deutlich, dass der Verlag in erster Linie anspruchsvolle Inhalte unter die Menschen bringen wollte, und dass ihm dies auch gelang.

Matthias Lehmann überreichte Ekkehard Schulreich nach dem Vortrag eine Karikatur Henry Büttners.

Ekkehard Schulreich trug als Dank ein Henry Büttner gewidmetes Gedicht vor.

Am Ende der Veranstaltung kam es zum traditionellen »Mützenfoto«. Jeder vortragende Gast darf sich dafür ein Exemplar aus der umfangreichen Eisenbahnermützen-Sammlung wählen.
Ekkehard Schulreich, dem Verlag sowie der Lunzenauer Galerie und Gaststätte Prellbock ist für diese wichtige und interessante Vergegenwärtigung zu danken.
Johannes Eichenthal

Information
Ekkehard Schulreich: Ins Schwarze! Originale Druckgrafik ist das Markenzeichen des Leipziger Verlegers Karl Quarch. Spurensuche – ein Jahrhundert nach der Verlagsgründung 1919.
23 × 23 cm, 176 Seiten, Fadenheftung, Lesebändchen, zahlreiche farbige Abbildungen,
VP (D) 24,90 €
ISBN 978-3-96063-021-0

Erhältlich in allen Buchhandlungen oder direkt beim Verlag: www.mironde.com

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