Reportagen

HERDERS KANT-KRITIK IN GERSDORF

Der 26. April ließ bereits das Ende des Winters und die Rückkehr des Frühlings erahnen. Unsere Fahrt führte nach Gersdorf. Die Hauptstraße scheint nie enden zu wollen, doch dann sind wir an der Nummer 193, der Hessenmühle angekommen. Hier hat das Heinz-Tetzner-Museum seinen Sitz. Aus Anlass des Welttages des Buches und des Welttages des Bieres, die beide am 23. April begangen wurden, lud der 2006 gegründete Förderverein Tetzner-Museum e.V. zu einer Vorstellung der Buchreihe „Literarischen Wanderung durch Mitteldeutschland“ ein. 

Die Buchhändlerin i. R. und Buchliebhaberin Gaby Hertel begrüßte mit Freude die zahlreichen Gäste und den Referenten Andreas Eichler.

Eichler machte inmitten der Gemälde Heinz Tetzners darauf aufmerksam, dass unsere moderne Gesellschaft in der Regel mit den Worten Aufklärung und Emanzipation beschrieben werde. Als Begründung höre man dann zwei Sätze Immanuel Kants (1724–1804), dessen 300. Geburtstag am 22. April in verschiedensten deutschsprachigen Medien relativ große Aufmerksamkeit gewidmet wurde:

1. Wir leben in der Epoche der Aufklärung.

2. Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. 

Eichler verwies darauf, dass bereits Johann Gottfried Herder (1744–1803) gegen den Ausgangspunkt Kants geltend gemacht hatte:

1. Aufklärung ist keine Epoche, auch nicht auf Europa beschränkt, sondern der allgemeine Emanzipationsprozess des Menschen, die Aneignung des kulturellen und religiösen Erbes der ganzen Menschheit.

2. Unmündigkeit ist keine Schuld. Die Vormünder sind das Problem. Von deren Herrschaft solcher Vormünder, wie Professor Kant müssen wir uns befreien. 

Herder habe in seiner grundsätzlichen Kritik an Kants Begründung des „Bewusstseins“ auf der Grundlage einer „reinen Vernunft“ formuliert:

1. Der Mensch konstituiert sich nicht in Bewusstsein sondern in bezeichnender Sprache.

2. Vernunft kann nie „rein“ existieren, sondern ist immer an Sprache gebunden, wie es im jahrtausendalten Begriff des „Logos“, der „SprachVernunft“ überliefert ist. 

Zusammenfassend formulierte Eichler: Der Mensch konstituiere sich in der bezeichnenden Sprache:

1. Mit der bezeichnenden Sprache wird der innere Zusammenhang der Sinneswahrnehmungen erfasst,

2. existiert ein Kommunikationsmittel und

3. wird unsere innere Handlungssteuerung realisiert.

Nach der Formulierung dieser Ausgangsbedingungen war es folgerichtig, dass Eichler den Nachvollzug der Sprach- und Literaturentwicklung als Voraussetzung für unsere Emanzipation hervorhob. Er lud die Gäste zu einer Wanderung durch die Sprach- und Literaturlandschaft Mitteldeutschlands, der Region zwischen Braunschweig und Görlitz, ein, um die Vielfalt und Tiefe unserer Überlieferung kennenzulernen und nachvollziehen zu können.

Im nahen Hartenstein wurde der Dichter Paul Fleming geboren

Die Gäste folgten dem Referenten auf der Wandertour, obwohl diese durch anspruchsvolles Gelände, über Berge und durch Täler führte und länger als eine Stunde dauerte. Am Ende stimmten sie ihm in der Zusammenfassung zu: Wir leben in Mitteldeutschland in einer der interessantesten Regionen Europas. Die Erneuerungsfähigkeit ist der Kern mitteldeutscher Mentalität. Aber die Erneuerungsfähigkeit konnte über die Jahrhunderte nur durch die Verbindung zur Überlieferung des Erbes bewahrt werden. Es kann weder die „reine Innovation“ noch die „reine Konservation“ geben. Beide bedingen sich und schließen sich aus. Es gibt nur deren gegensätzliche Einheit, die Innokonservation. Wenn die Verbindung zur Überlieferung abreißt, dann wird es auch keine Innovation mehr geben.

Wolfgang Streubel, der Vorsitzende des Fördervereins Tetzner-Museum e.V. dankte dem Referenten und übergab ihm einen Sechserpack Bier aus der traditionsreichen Gersdorfer Brauerei. Jetzt begriff dem Anschein nach auch der Referent den Zusammenhang beider Gedenktage.

Clara Schwarzenwald

Information

Das Kabeljournal Chemnitzer-Land veröffentlichte eine informative, sehenswerte und liebevolle Reportage:

Heinz-Tezner-Museum: https://www.tetznermuseum.de

Die Bände 1 und 2 der Literarischen Wanderung durch Mitteldeutschland sind im Buchhandel oder direkt beim Verlag erhältlich: 

Band 1. Von den Minnesängern bis Herder: https://buchversand.mironde.com/p/literarische-wanderung-durch-mitteldeutschland-von-den-minnesaengern-bis-herder-sprache-eigensinn1

Band 2. Von Goethe bis Rathenau: https://buchversand.mironde.com/p/literarische-wanderung-durch-mitteldeutschland-von-goethe-bis-rathenau-sprache-eigensinn-2-1

Der Band 3. Von Landauer bis Gundermann ist für März 2025 ist angekündigt

https://buchversand.mironde.com/p/literarische-wanderung-durch-mitteldeutschland-sprache-und-eigensinn-3-von-landauer-bis-gunderman

Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.

3 thoughts on “HERDERS KANT-KRITIK IN GERSDORF

  1. Das ist doch wirklich alles zum Mäusemelken! Vor 250 Jahren wurde das Kantporträt von Joseph Mattersberger wegen eines „zu gewöhnlichen Aussehens“ in die kunstkritische Mülltonne gestopft, heute nach 250 Jahre wird das Foto dieses Eisenporträts wegen des „zu patriotischen Aussehens“ nicht gewollt. Na mal sehen, was die nächsten 250 Jahre für die „Radieselperspektive“ bringen.
    Herzlichst! Anna Franziska Schwarzbach

  2. Lieber Herr Professor E i c h e n t h a l,
    bester Freund,

    herzlichen Dank für die stringenten Ausführungen!

    Um es einmal – für mich – sehr zu verkürzen, das HUMANUM konstituiert sich demnach nicht durch schieres Sein, respektive ein diffuses Bewusstsein, sondern durch Werkzeuge. (Also: „Technik & Poesie“.)
    Das vornehmste Instrument ist dabei die Sprache, der Logos, die Sprach-Vernunft. Oder, um es mit dem von mir hochgeschätzten Philosophen Hans-Georg Gadamer ultimativ zu sagen: „Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache.“

    Seien Sie, mein lieber, unentwegter Herr Professor E i c h e n t h a l und die geschätzte
    Frau von S c h w a r z e n b a c h recht herzlich zum Feiertag aus dem Vogtland gegrüßt!

    In steter Verbundenheit,

    Ihr Autor o h n e Werk.

    Ein bescheidener Nachtrag: Leider fehlt auf Ihrer schönen Karte die Haupt- und Residenzstadt der Sekundogenitur Zeitz, das ehemals so stolze Plauen. (Ihrerseits doch ausführlich in den L i t e r a r i s c h e n W a n d e r u n g e n, Teil 2, M i r o n d e 2021, mit dem verdienstvollen Beitrag über den vogtländischen Sokrates Johann Gottlob H e y n i g gewürdigt.) Darf ich Sie, ebenso freundlich wie dringend, um eine solche Ergänzung nachsuchen? AOW

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