Reportagen

Mit Meister Eckhart im Großstadtstress

Wir kommen in die Innenstadt der alten Handelsstadt Erfurt. Es ist Freitagnachmittag, eine Woche vor Ostern. Vom Parkplatz hinter dem Rathaus wird gerade das Auto eines Sünders »auf-gehoben«. Die Straßenbahnen sind voll besetzt. Einkäufer schlendern an den Geschäften vorbei. Gruppen von Bildungstouristen werden entweder von Stadtführerinnen unterrichtet oder sie eilen, oft mit einer Stadtkarte in der Hand, durch die historischen Gassen, vorbei an den mit Kalksteinen errichteten historischen Gebäuden zu irgendeinem Ziel.

Im Rathaus Erfurt sollte am Abend des 15. April ein Festvortrag über Meister Eckhart stattfinden. Vom 15.–17. April 2011 veranstaltet die Meister-Eckhart-Gesellschaft und das Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt eine Tagung unter dem Titel: »Meister Eckharts Reden für die Stadt. Die Erfurter Reden in Ihrem Kontext.« Mit der Tagung gedachte man Eckharts von Hochheim, der in Tambach um 1260 geboren wurde, um 1274 in Erfurt in den Dominikaner-Orden eintrat und nach Studienaufenthalten in Köln und Paris in der Ordensprovinz Thüringen/Sachsen verantwortungsvolle Positionen einnahm. Der Tagungsleiter Prof. Dietmar Mieth begrüßte die im Festsaal erschienenen Gäste und stellte den Referenten Professor Freimut Löser vor. Zwei junge Leute ließen eine Robert-Schumann-Melodie erklingen. Dann begann der Festvortrag.

Freimut Löser hatte seine Wortmeldung unter das Thema »Meister Eckhart, die Reden und die Predigt in Erfurt« gestellt. Zunächst stellte er die rhetorische Frage, was die Reden und der Erfurter Kontext seien. An dieser Stelle verwies er auf den Historiker Grundmann, der in den 1930er Jahren Meister Eckhart in Erfurt Predigten und Reden vorwiegend in Frauenklöstern und vor Beginen zuschrieb. Hier formulierte er wieder rhetorisch, dass an dieser Einschätzung so gut wie nichts stimme.
Eckharts überlieferten Reden der Unterweisung wird vorangestellt: »Das sind die Reden, die der Vikar von Thüringen, der Prior von Erfurt, Bruder Eckhart, Predigerordens, mit solchen (geistlichen) Kinder geführt hat, die ihn zu diesen Reden nach vielem fragten, als sie zu abendlichen Lehrgesprächen beieinander saßen.«

Freimut Löser nahm nun diesen Prolog auseinander. Er ordnete die Reden der Zeit zwischen 1294 und 1298 zu. Als Eckhart in jungen Jahren nach Erfurt gekommen sei, habe man gerade die gotische Predigerkirche im romanisch geprägten Erfurt erbaut. Eine Voraussetzung dafür sei der Handelsplatz Erfurt und ein allgemeines Florieren der Bautätigkeit gewesen. Auch in Nachbarstädten seien Ende des 13. Jahrhunderts Dominikanerklöster entstanden.
Als Prior und Vikar sei Eckhart nicht nur ein spiritueller Leiter gewesen sondern er war auch organisatorisch tätig, schloss Immobiliengeschäfte ab und musste mit den Stadträten verhandeln können.
Erfurt sei nicht nur im finanziellen Sinne eine reiche Stadt gewesen, sondern auch reich an Kirchtürmen. Zur Zeit Eckharts gab es bereits mehr als 20 Kirchen. Zudem habe es am Ende des 13. Jahrhunderts auch fromme Frauen in Erfurt gegeben, die nicht in Klöster aufgenommen wurden oder nicht ins Kloster wollten, die aber nach klösterlichen Grundsätzen lebten: die so genannten Beginen. Diese Gemeinschaften hätten Frauen aus unterschiedlichen sozialen Schichten aufgenommen, sich mit handwerklicher Arbeit (Spinnen, Flechten, Töpfern) ernährt und eine mystische Religiosität gepflegt. Bereits 1238 sei erstmals in Erfurt eine solche Beginengemeinschaft erwähnt worden.
Doch die Handwerkerschaft habe die Beginen als Konkurrenz betrachtet. In der Bevölkerung seien die Beginen einerseits bewundert worden, andererseits fürchtet mancher brave Bürger die »Häresie«.
Das sei die Stadt gewesen, in der Eckhart lebte und in der auch er zum Teil geprägt wurde.
Der Chronist Nikolaus von Bibra schilderte, dass Franziskaner und Dominikaner einerseits gelobt wurden. Andererseits gäbe es auch Kritik an den Orden, weil diese zu wenig mahnend auf die Gläubigen einwirkten und in der Predigt zu wenig auf die Tagespolitik eingängen.
Um 1330, nach Eckharts Tod, wurden in Erfurt die Beginenhäuser geschlossen, 400 Beginen verjagt und zwei Beginen auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
Prof. Löser ging weiter Schritt für Schritt die Formulierungen des Prologes durch. Was sind Reden, was Lehrgespräche, was ist volkssprachliche Besonderheit, wo saßen sie zusammen?
Schließlich formulierte er mit Kurt Ruh, dass es hier um Gespräche ging, dass der Gesprächscharakter, Fragen und Antworten, deutlich sei. Es sei kein Novizenunterricht gewesen sondern christliche Lebenslehre schlechthin.
Kurt Ruh habe versucht einige der überlieferten Predigten Eckharts in die Zeit zwischen 1294–98 einzuordnen und nach Erfurt zu lokalisieren. Bislang sei ein Nachweis für diese These aber nicht möglich gewesen.
Es sei ein neuer Ansatz notwendig. Eckhart habe die Gewohnheit gehabt sich auf früher Gesagtes zu beziehen. Die Frage sei, ob es in den »Reden der Unterweisung« solche Bezüge gebe. In der Folge behandelte Freimut Löser einige Beispiele. Beim ersten Beispiel führte der Verweis nur zurück in die Reden, nicht darüber hinaus. Im zweiten, dritten und vierten Beispiel fehlte der mögliche Bezugspunkt. D.h. die Textstellen, auf die sich Eckhart bezieht, sind noch nicht gefunden.
Beim nächsten Beispiel aus dem Kapitel 6 der Reden der Unterweisung vermochte Löser einen Bezug herzustellen: »Ich wurde gefragt: manche Leute zögen sich streng von den Menschen zurück und wären immerzu gern allein, und daran läge ihr Friede und daran, dass sie in der Kirche wären – ob dies das beste wäre. Da sagte ich ‹Nein!› Und gib acht, warum.
Mit wem es recht steht, wahrlich, dem ist’s an allen Stätten und unter allen Leuten recht. Mit wem es aber unrecht steht, für den ist’s an allen Stätten und unter allen Leuten unrecht. Wer aber recht daran ist, der hat Gott in Wahrheit bei sich; wer aber Gott recht in Wahrheit hat, der hat ihn an allen Stätten und auf der Straße und bei allen Leuten ebenso gut wie in der Kirche oder in der Einöde oder in der Zelle; wenn anders er ihn recht und nur ihn hat, so kann einen solchen Menschen niemand behindern.«
In einem handschriftlich überlieferten Text, der aber noch nicht kritisch ediert sei (Salzburger Handschrift), so Löser, werde der Sachverhalt ebenso dargestellt. Eckhart habe sich also dem Anschein nach auf eine gehaltene Predigt bezogen und man könne diese benennen.
Freimut Löser interpretierte an dieser Stelle weitere Aspekte des Textes, um den Inhalt zu verdeutlichen.
Sein Fazit lautete: hier sind wir beim Thema Eckharts angekommen: dem Leben in der Stadt, dem Leben in der Hektik der Großstadt. Die Menschen eilten hier von Geschäft zu Geschäft und anschließend eilen sie noch schnell in die Kirche …
Eckhart habe nicht die Bedeutung der Kirche oder des Ordens bezweifelt. Aber Eckhart habe bezweifelt, dass man Gott in der Kirche eher finde als auf der Straße. »Wer aber Gott recht in Wahrheit hat, der hat ihn an allen Stätten und auf der Straße und bei allen Leuten ebenso gut wie in der Kirche oder in der Einöde oder in der Zelle.«
Hier formulierte Löser eine Besonderheit Eckharts: es gehe darum sich selbst wahrzunehmen, zu finden, um sich gleich wieder loszulassen. Alois Haas habe diese Sicht als »radikalstes Zeugnis christlicher Mystik« bezeichnet.
Man habe also, so Löser abschließend, einen Text Eckharts aus seiner Erfurter Zeit von 1294–98 gefunden, der nicht zu den Reden der Unterweisung gehörte. Eckhart habe die verteidigt, die ihren Lebensunterhalt selbst verdienen, er suche Gott in der wahren Reue, und warnt gleichzeitig vor den Gefahren des mystischen Elitarismus und der tränenreichen Buße.
Warum tat er das?, fragte Löser an dieser Stelle. Er zitierte in der Folge wieder den Chronisten Nikolaus von Bibra in seiner Beschreibung des Lebens der Beginen. Diese seien mehr zu rühmen als die, die hinter einem Schloss lebten. Jeden Tag spinnen und flechten sie und geben den Armen willkommene Almosen, sie treiben keinen Müßiggang.
An dieser Stelle fasste Löser in der plötzlich hereinbrechenden Abendsonne noch einmal zusammen. Der eingangs zitierte Kollege Grundmann habe in seinen Äußerungen doch ein Körnchen Wahrheit gehabt: Eckhart bezog sich in seinen Reden und Predigten in Erfurt auf die Situation in der Stadt, auch auf das Leben der Beginnen.

Nach einem musikalischen Ausklang trat Oberbürgermeister Andreas Bausewein an das Pult und erteilte an Hand der großen Gemälde im Festsaal eine Art kurzweiligen Unterrichts zur Stadtgeschichte.

Kommentar
Auf dem Weg zum Parkplatz ging mir die Veranstaltung durch den Kopf. Erfurt erlebte in früheren Jahren schon Tagungen der Meister-Eckhart-Gesellschaft. Im vergangenen Jahr beging man in Paris den 750. Geburtstag Eckarts und gedachte gleichzeitig der Begine Marguerite Porete, die vor 700. Jahren wegen Häresie verurteilt und verbrannt wurde. In Erfurt war Eckhart 2010 vom Luther-Jubiläum etwas verdrängt worden. Dabei gibt es eine Rezeptionslinie. Luther war von der anonymen Schrift »Theologie deutsch. Anleitung zum rechten Leben« begeistert und gab sie mehrfach neu heraus. Er vermutete als Verfasser Johannes Tauler. Doch Tauler hatte Gedanken seines Lehrers Meister Eckharts per Flaschenpost befördert. Anders war es nach der Verurteilung Eckharts durch den Papst nicht möglich gewesen. Der Weimarer Generalsuperintendent Johann Gottfried Herder nahm die »Theologie deutsch« wieder über Luther auf. Erst die nächste Generation, die Romantiker, entdeckten Texte und Person Meister Eckharts neu.
Alle diese geistigen Bewegungen hatten ihren Schwerpunkt in Mitteldeutschland. Wir verfügen über ein reiches Erbe. Aber wir müssen uns dieses Erbe immer wieder neu aneignen. Eine Aneignung ist aber nicht konservierend-museal möglich, sondern nur als Weiterführung. Gerade weil Eckhart über den Tag hinaus dachte, vermögen wir heute in seinen Predigten und Reden existenzielle Hilfe zu finden: »Wer aber Gott recht in Wahrheit hat, der hat ihn an allen Stätten und auf der Straße und bei allen Leuten ebenso gut wie in der Kirche oder in der Einöde oder in der Zelle«. Die Erfurter Tagung machte uns wieder einmal auf diesen großen Denker und Literaten aufmerksam. Den Veranstaltern und der Stadt gebührt der Dank.
Johannes Eichenthal

Information

www.meister-eckhart-gesellschaft.de

Meister Eckhart: Deutsche Predigten. Eine Auswahl. Mittelhochdeutsch-Neuhochdeutsch. Herausgegeben und übersetzt von Uta Störmer-Caysa.
Reclam Verlag. Stuttgart 2001.
ISBN 978-3-15-0181117-1

Marguerite Porete: Der Spiegel der einfachen Seelen. Marix-Verlag.
ISBN 978-3-86539-253-4

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