Reportagen

Nietzsche im ACC

Der 10. März war ein nebliger Frühlingstag. Am Abend senkte sich leichter Nieselregen über Weimar, wie man es wohl von London her kennt. Museen und Geschäfte schlossen mit der aufziehenden Dunkelheit. Die Straßen leerten sich. Aber im ACC war noch Licht. Dorthin zog es erstaunlich viele Besucher, die sich von der feuchten Luft nicht in die bequem, dunkle Fernseh-Depression drücken lassen wollten.

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Um 20 Uhr trat Rüdiger Görner in den Ausstellungsräumen der ACC-Galerie, mit Arbeiten Norbert W. Hinterberges »Der Weisheit letzter Schluss. Eine Retrospektive«, vor das Publikum. Der Literaturprofessor leitet das Germanistische Institut der Queen-Mary-Universität von London und ist Korrespondierendes Mitglied der Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Der Verfasser vieler wissenschaftlicher Publikationen zur Literatur-, Kunst-, Musik- und Philosophiegeschichte des 18.–20. Jahrhunderts, trug an diesem Abend seine Dichtung »Die Leiden des N. Eine Naumburger Trilogie.« vor.

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Max Maxelon, ein synästhetischer Violoncellist aus Düsseldorf, hatte ein spezielles Programm mit Bezug zu Nietzsche und Mitteldeutschland ausgesucht, das den Vortrag Görners aufnahm und in die Sprache der Musik übersetzte.

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Die Collagen des Chemnitzer Malers und Grafikers Osmar Osten (hintere Reihe, zweiter von re.), Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste, die die Sprache Görners kongenial in Grafik übersetzen, wurden zusammen mit dem Text auf eine Leinwand projiziert.

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Rüdiger Görner las in einer akzentuierenden, deutsch-britischen Melodik, seine historische Dichtung á la Horaz. Das Lebenswerk des Absolventen der Fürstenschule Pforta zu Naumburg, Friedrich Nietzsche (1844–1900), brachte Görner in Zusammenhang mit dem des Entdeckungsreisenden Ägyptologen Richard Lepsius (1810–1849), und dem Leben des Orgelbauers Zacharias Hildebrandt (1688–1757), der eine Orgel mit neuartiger, gewaltiger Registerzahl in der Naumburger St. Wenzelskirche, unweit vom Haus der Familie Nietzsche, erbaut hatte.

Zuerst wird der Entdecker Lepsius behandelt, der etwa 30 Jahre Jahre vor Nietzsche die Fürstenschule in Pforta absolviert hatte. Das letzte Kapitel widmet er Hildebrandt, der etwa 100 Jahre vor der Geburt Nietzsches verstorben war. Die Anordnung entspricht also keiner Chronologie. Was dann?

Lepsius »träumt, was er liest und liest, was er träumt«. Hildebrandt wird vom Naumburger Rat mehrfach protestantische Kühnheit und Eigenheit, nahe des Größenwahns, bescheinigt.

Zwischen den träumenden Entdeckungsreisenden und den anmaßenden protestantischen Orgelbauer, in diesen Gegensatz stellt Görner das Leben Friedrich Nietzsches. Es beginnt mit Feldherren-Träumen: »N. war N., die Manuskripte aber ein Schlachtfeld, / die Sätze Brigaden, Kommata Treffer und jeder / Gedanken-/ Strich ein Streifschuss; die Worte /Soldaten, kommandiert von N. / die Befehle verzettelt. So träumte ihm im Lazarett.«

Und es endet mit den schmerzhaften Visionen: »Dann, plötzlich, schrie N., dass es vom Markte / durch die Gassen hallte, und gestikulierte als / drohe er Häusern und Himmel. / Sah er Gewürm über das Pflaster kriechen? / Er sah es und gestikulierte schon wilder, / zeigte aufs tote Geflügel, Gemüse, den Käse, als wollte er sagen: daher kommt es, das Gewürm.«

Nietzsches Leiden werden hier als Ergebnis des Aushaltens von Gegensätzen dargestellt, als Ahnung kommender Katastrophen.

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Max Maxelon begann vor der Lesung des ersten Kapitels mit »Arabischen Improvisationen«. Nach dem Lepsius-Kapitel ließ er die »Sicilienne« von Marie Therese von Paradies erklingen. Mitten im Nietzsche Kapitel spielte er »Die Tränen der Jacqueline« von Jacques Offenbach. Am Ende des Nietzsche Kapitels stand Georg Friedrich Händels »Sarabande« aus der »Wassermusik« für Violoncello und Orgel. In der Mitte des Hildebrandt-Kapitels erklangen ein Präludium aus Johann Sebastian Bachs G-Dur-Suite für Violoncello. Mit der »Air« aus der Wassermusik von Georg Friedrich Händel  für Violoncello und Orgel beschloss Max Maxelon den Reigen der Melodien.

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Das Zusammenspiel von Literatur, Musik und bildender Kunst, man könnte vielleicht von einer Symphonie im weiten Sinne sprechen, hinterließ einen starken Eindruck bei den Zuschauern. Sie dankten den drei Akteuren mit herzlichem Beifall. Niemals zuvor hatte Rüdiger Görner wohl das ganze Buch vorgetragen. Es war ein Ereignis. Der Dank gilt Rüdiger Görner, Max Maxelon, Osmar Osten und der rührigen ACC-Mannschaft um Frank Motz.

Lange noch saß man im ACC-Restaurant an diesem Abend zusammen.

Johannes Eichenthal

Information

www.acc-weimar.de

Rüdiger Görner: Die Leiden des N. eine Naumburger Trilogie

14,0 × 20,5 cm, 48 Seiten, fester Einband, Fadenbindung, Lesebändchen.

Titelgestaltung und 10 Collagen von Osmar Osten

VP 19,00 €      ISBN 978-3-937654-55-3      www.mironde.com

9783937654553

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