Reportagen

Kulturpolitik und Wirklichkeit

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Der heutige Dresdner Ortsteil Hellerau ist in unserer Erinnerung mit dem Deutschen Werkbund und den Lebensreformbewegungen des beginnenden 20. Jahrhunderts verbunden. Die Werkstätten Hellerau sind in eine »Gartenstadt«-Umgebung eingebettet, und bildeten einst die ökonomische Grundlage des Reformprojektes. Die Festspielhalle von Heinrich Tessenow überragt die Häuser der Gemeinde wie eine »Kathedrale des Werkbundes«.Die Sächsische Kulturstiftung hatte am 11. April 2016 in diese Festspielhalle zu einer Tagung über die »Zukunft der Kultur im ländlichen Raum« eingeladen.

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Ulf Großmann, der Präsident der Stiftung, begrüßte die Gäste und nannte die Schwerpunktsetzung der Veranstaltung. Prognosen besagten bis zum Jahre 2030 einen Rückgang der Bevölkerung Sachsens auf 3,8 Mio. Einzig für die Städte Dresden und Leipzig würden Einwohnerzuwächse prognostiziert. Für den »ländlichen Raum« würde dagegen ein Rückgang der Einwohnerzahlen vorhergesagt. Mit der Bezeichnung »ländlicher Raum« seien die Lebensgrundlagen der absoluten Mehrheit der Bevölkerung gemeint, das Netz von »Mittelstädten« und deren ländliche Umgebung. Die Problematik sei nicht nur für Sachsen, sondern auch bundesweit und europaweit von Bedeutung. Die Kulturstiftung müsse neue Arbeitsweisen finden, um die identitätsstiftende Funktion von Kunst und Kultur zu befördern. Man brauche ein Förderprogramm für den ländlichen Raum.

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Dr. Eva-Maria Stange, Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, hob hervor, dass sie von der Tagung Anregungen erwarte, wie die Zukunft des ländlichen Raumes zu gestalten sei. Man müsse die jungen Menschen erreichen, die heute den ländlichen Raum verließen. Man fände keine Lösung, wenn man den ländlichen Raum nur unter dem Aspekt der schwindenden Bevölkerung betrachte. Wenn keine Infrastruktur mehr vorhanden wäre, dann laufe auch die Kulturförderung ins Leere. Zudem gelte es die Besonderheiten zu beachten. Sie habe kürzlich Limbach-Oberfrohna, eine Mittelstadt zwischen Chemnitz und Leipzig, unter dem Aspekt der Industriekultur besucht. Die Einwohnerzahl der Stadt wachse erstmals seit Jahren wieder leicht. Dieser ländliche Raum dürfe nicht abgekoppelt werden. Man müsse ein Gesamtkonzept der kulturellen Bildung erstellen, das mit der Schule beginne und auch mögliche Zuwanderung einbinde. Dieses Gesamtkonzept müsse ressortübergreifend erarbeitet werden. Es sei nicht sicher, ob ein neues Förderprogramm für den ländlichen Raum notwendig sei. Vielleicht gehe es eher um einzelne Förderinstrumente?

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Matthias Theodor Vogt, der Leiter des Instituts für kulturelle Infrastruktur Sachsen und Professor für Kulturpolitik an der Hochschule Zittau/Görlitz, formulierte eine rhetorische Gegenposition zum Tagungsprogramm. Nein, noch sei es nicht soweit wie es die Einladungskarte vormachen wolle. Noch leben 69 Prozent der sächsischen Bevölkerung außerhalb von Leipzig, Dresden und Chemnitz. (Die Einladung zeigte eine mit Photoshop verwischte x-beliebige grünliche Landschaft mit einer Mohnblüte, blauen Berge und blauem Himmel.) Man könne die Karte aber als Memento betrachten, daß es zu einer Landschaft ohne Menschen nicht kommen dürfe. Noch bestünde guter Anlaß zur Hoffnung (grün). Die Klatschmohnblüte (rot) auf der Einladungskarte sei das Symbol der Antikriegsbewegung im angelsächsischen Raum (Poppy Day am 11.11. zur Erinnerung an den Waffenstillstand 1918 um 11:11 Uhr). Während im Mittelalter Stadtluft frei gemacht habe, sei die Farbe Blau von den deutschen Romantikern mit dem Blick aufs freie Land verbunden worden, das jenseits der Stadtmauern beginne. In der Country-Musik stamme der Titel »Von den blauen Bergen kommen wir« letztlich von einem Negro-Spiritual, dessen Transzendenzhoffnung in der Hillbilly-Musik (der »Hinterwäldlermusik«) banalisiert worden sei. Von Goethe stamme das Wort »Akyanoblepsie« – die Unfähigkeit die Farbe Blau zu erkennen. Das lasse sich als Metapher lesen für die Unfähigkeit Poesie und Sinngehalte zu erfassen.

Vorherrschend sei heute der Blick aus der Stadt auf das Land, vom Zentrum auf die Peripherie. Damit werde man der Wirklichkeit aber nicht gerecht. Als Gegenmodell zitierte Vogt den Raumbegriff aus einer mittelalterlichen Gottesdefinition. Was würde wohl aus Sachsen, wenn Sachsens Politik das gesamte Land und alle seine Einwohner als »unendliche Sphäre, deren Mittelpunkt überall und deren Peripherie nirgends ist« betrachten würde?

In der Oberlausitz leben 15 Prozent der Sachsen, von ihnen stammen 14 Prozent der sächsischen Steuern. Aber nur 2 Prozent der staatlichen Aufwendungen für Wissenschaft und Kunst gingen an die Oberlausitz zurück. Mit sechs Siebtel ihres Steueraufkommens unterstütze die Oberlausitz die Wissenschafts- und Kunsteinrichtungen von Dresden und dürfe aus der Ferne zusehen, wie dieses aufblühe. Als Ursache dieser Praxis benannte Vogt das Raumkonzept der bisherigen Landesplanung im »Landesentwicklungsplan«. In der Praxis habe dies zur Folge, dass die Zuständigkeit für den »ländlichen Raum« beim Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft liege. Diesem aber gehe es nur um Dorfentwicklung unter Landwirtschaftsaspekt sowie Kulturlandschaftspflege. Tatsächlich aber leben nur zwei Prozent der sächsischen Bevölkerung von Fisch-, Forst- und Landwirtschaft. Als Fazit formulierte Vogt: Sachsens Politik ist einerseits auf Großstädte (»Wachstumskerne«) und andererseits auf die Landwirtschaft im Dorf ausgerichtet. Wer aber weder in einer Großstadt lebe noch Landwirt sei (also die absolute Mehrheit der Bevölkerung) für den gäbe es keinen Zuständigen in der sächsischen Ressortaufteilung.

Der Ausdruck »ländlicher Raum« sei insbesondere bei jungen Menschen zunehmend negativ belegt. Man brauche einen anderen Ausdruck. Der Begriff »Landkreisraum« sei neutral und würde auch die vielen Mittelstädte und Kleinstädte und Landstädte miteinbegreifen. Streng genommen müsse man von einem »extra-metropolitanen Raum«, also allen Menschen und Gebieten jenseits der »zweieinhalb« sächsischen Metropolstädte reden. (Chemnitz hat zwar nur eine Viertel- und nicht eine halbe Million Einwohner, habe aber Metropolfunktionen für ganz Südwestsachsen).

Zur Ursache der Bevölkerungsentwicklung verwies Vogt darauf, dass nach 1990 große Teile der mobilen, gebildeten, weiblichen Jugend in die Altbundesländer abwanderten. In Sachsens Metropolen gäbe es heute einen extremen Jugendüberschuss gegenüber den Mittel- und Kleinstädten von 50–100 Prozent. Gleichzeitig habe Sachsen einen Spitzenplatz am Anteil der sehr Alten über 80 Jahren. Nach derzeitigen Befunden habe die Zuwanderung durch Asylbewerber keinen entscheidenden Einfluss. Die Voraussetzungen für eine Trendumkehr seien aber gar nicht so schlecht. So würden junge Ärzte, wenn sie den Arbeitsort frei wählen könnten, zwar am liebsten in Großstädten von 100.000–500.000 Einwohnern arbeiten. Auf Platz zwei kämen aber schon Mittelstädte mit 50.000–100.000 Einwohnern.

Vogt fragte rhetorisch, ob es allein von der Umgebung abhänge, was für ein Mensch man sei mit welcher wahrgenommenen Würde. Gibt es so etwas wie einen »innere Urbanität«, die man in sich trage und die unabhängig von der Einwohnerzahl des Wohnortes sei? Müßte das vom Präsidenten der Kulturstiftung in Aussicht genommene Programm nicht gerade darauf zielen, Menschen mit einer »inneren Urbanität« in den Mittel- und Kleinstädten zu unterstützen bzw. dorthin zu bringen? Vor 25 Jahren seien zwei entscheidende Fehler begangen worden: man habe sich auf »Wachstumskerne« konzentriert und an der tradierten Raumplanung festgehalten. Nach Aristoteles sei aber der Anfang schon die Hälfte des Ganzen. Die Frage sei, ob man diese Anfangsfehler durch die Resilienzstärkung der Mittelstädte korrigieren könne. Es sei eine Aufgabe, die der Anstrengung wert ist, denn die Würde des Menschen dürfe nicht von der Größe seines Wohnortes abhängen.

Es folgten Einzelvorträge in drei Themenblöcken: »Kein schöner Land? Tourismus im demographischen Wandel«, »Die Welt verstehen – kulturelle Bildung als Schlüsselbegriff«, »Analog = digital? Über Digitalisierung und den Wert »echter« und virtueller Vernetzung«.

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Nach mehr als fünf Stunden trat Prof. Matthias Theodor Vogt noch einmal vor das Auditorium und fasste die Veranstaltungsbeiträge zusammen. Danach hob er hervor, dass 80 Prozent der Arbeitsplätze der heutigen Kinder noch nicht erfunden seien. Für deren »Erfindung« müsse man Voraussetzungen schaffen und Hierarchien aufbrechen. Die einfache Weiterführung bisheriger Strukturen bringe keine Lösung. Man müsse den »Raum« extrametropolitan definieren, d.h. die Bevölkerung Sachsens auch außerhalb von Dresden, Leipzig und Chemnitz stärken und ermutigen. »Ermutigung!« sei vielleicht ein passender Programmtitel. Kunst könne Räume im Kopf des Einzelnen und halböffentliche Räume für die Gesellschaft schaffen. Es gehe um einen »innere Urbanität«, ein Weltbürgertum vom Kopf her. Es sei eine Planung von unten erforderlich.

Zusammenfassend erklärte Vogt, dass man nach den Diskussionen des Tages die Frage in der Einladung anders stellen müsse. Es gehe nicht um die »Zukunft der Kultur im ländlichen Raum«. Es gehe um die »Zukunft des Landkreis-Raums mit und durch Kultur«. Konkret: Zweck eines künftigen Programms sei es, die Zukunft jener 69 Prozent der Sachsen, die außerhalb von Dresden, Leipzig und Chemnitz leben, mit und durch Kultur zu sichern. Ziel sei es, ihre innere Urbanität und die Resilenzfähigkeit zu stärken. Welche Mittel bzw. welche Programmlinien eingesetzt werden könnten, dazu seien nun die Sachsen selbst eingeladen, Vorschläge zu machen.

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Ralf Lindner, der Stiftungsdirektor der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen hob in seinem Schlusswort hervor, dass er den Akteuren des Tages für die vorgebrachte Gedankenvielfalt danke. Man müsse innehalten und die wichtigen Aspekte versprachlichen. Zugleich hob er hervor, dass die Tagung gemeinsam mit der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz veranstaltet wurde. Sie werde mit einer Tagung am 14. Juni 2016 in Braunschweig fortgesetzt und im September in Berlin abgeschlossen.

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Kommentar

Man muss den Organisatoren von der Kulturstiftung des Freistaates unbedingt für ihre Mühe danken. Zugleich stellte das Referat von Prof. Matthias Theodor Vogt allein durch seine Themenstellung eine Besonderheit dar. Er beeindruckte auch mit seiner Fähigkeit, den Zuhörern komplizierte Zusammenhänge nahe zu bringen. Der Vortrag wirkte anregend auf die Zuhörer. Auch wir wurden zum Weiterdenken bewegt.

Grundsätzlich muss man zunächst feststellen, dass zusätzliche Förderprogramme vielleicht nicht das dringendste Erfordernis der heutigen Zeit sind. Die Probleme beginnen in der »Normalität«. Wenn zum Beispiel von 15 angemeldeten Schulanfängern in einer 2.500-Einwohner-Gemeinde kurzfristig zwei zurückgestellt werden, dann wurde bislang keine neue Erste Klasse zugelassen und die Weiterexistenz der Schule in Frage gestellt. Der Verlust der Grundschule ist für eine Gemeinde ein nicht wieder gut zu machender kultureller Verlust. Die bisherige »Kulturförderung« versagt angesichts solcher Existenzprobleme.

Man hätte sich vielleicht von den Veranstaltern ein Thesenpapier gewünscht.

Was ist zum Beispiel »Kultur«? Johann Gottfried Herder warf 1784 hier ein, dass wir, wenn wir von »Kultur« reden, meist nur »verfeinte Schwachheit« (d.h. höfischen Manierismus) meinen. Er arbeitete statt dessen mit dem Begriff der »Humanität«. (Herder fragte: »Welches Volk der Erde ist’s, das nicht einige Kultur habe? Und wie sehr käme der Plan der Vorsehung zu kurz, wenn zu dem, was wir Kultur nennen und oft nur verfeinte Schwachheit nennen sollten, jedes Individuum des Menschengeschlechts geschaffen wäre? Nichts ist unbestimmter als dieses Wort, und nichts ist trüglicher als die Anwendung desselben auf ganze Völker und Zeiten. Wie wenige sind in einem kultivierten Volk kultiviert?«)

In der Wissenschaft gibt es zur Zeit keinen allgemein anerkannten Kulturbegriff. Einerseits wird Kultur auf Kunst reduziert und andererseits subsumiert die Kulturindustrie nahezu alles unter Kultur, was Geld bringt. Als Arbeitsbegriff könnte man bestimmen, dass Kultur der Prozess der Vermenschlichung der Natur und der Naturalisierung des Menschen ist. Bislang dominiert das industrielle Verhältnis der Menschen zur Natur noch unser Leben und unser Denken. Die Interessen der großen Industrie sind es auch, die in der bisherigen Landesplanung dominierten. Die Förderung von »Größe« galt als Ziel und Kriterium für »Erfolg«. Deshalb ging es bisher um Unternehmensgrößen, um Industriestandorte und die dafür notwendige Verkehrsinfrastruktur – um »Leuchttürme«.

Die Industrialisierung in Sachsen begann Anfang des 19. Jahrhunderts mit Zuwanderung. Aus ganz Deutschland und aus dem weiteren Europa kamen Menschen nach Sachsen, um hier zu arbeiten. Zwischen 1830 und 1930 wuchs die Bevölkerung von Chemnitz etwa auf das Zehnfache, in den umliegenden Kleinstädten und Dörfern gleichermaßen. Es wurde eine Besiedlungsdichte erreicht, in der Städte und Dörfer ineinander übergingen. 1929/32 begann ein neuer Wirtschaftszyklus, der mit Rationalisierung verbunden war. Der extensive Arbeitskräftebedarf war erschöpft. Seither sank zum Beispiel die Einwohnerzahl von Chemnitz, der »Werkstatt« Sachsens, des sächsischen Manchester. Seit 1974/75 befinden wir uns in einem weltweiten Übergang. Einerseits ist das bisherige industrielle Ausbeutungsverhältnis zur Natur aufgrund des Ressourcenverbrauchs nicht mehr durchzuhalten. Andererseits ist die große Industrie auf dem Wege der Automatisierung und benötigt kaum noch Menschen.

Dennoch ging die Landesplanung 1990 von den alten Planungsgesetzen aus, die sich auf die Erfahrung der Zeit von 1871 bis 1929/32 stützten. Die Instrumente der Zentralisierung versagten aber in der Wirklichkeit. Die Industrie-Kleinstädte waren seit 1990 von einem Abbau bestehender Industrie im städtischen Raum geprägt, den es so bisher nicht gegeben hat. Vielfach vermochten die Nachfahren des in der DDR enteigneten Mittelstandes nicht, das Unternehmen ihrer Vorfahren weiterzuführen. Die Neugründungen von Unternehmen und die Filial-Niederlassung von westdeutschen Unternehmen konnten diese Verluste des Mittelstandes nicht wett machen. Zudem erfolgten die Neuerrichtungen von Industriebetrieben in der Regel außerhalb der Stadt.

Man zitierte zwar in den 1990er Jahren gern den Satz von Jean Fourastié, daß die Zukunft der Industriegesellschaft alles andere als Industrie sein werde, da das Bruttosozialprodukt nicht in einem Jahrhundert um den Faktor tausend gesteigert werden könne. Man verstand ihn aber als Rechtfertigung einer eng gefassten »Dienstleistungssphäre«. Doch im Grunde ist die gesamte Wirtschaft »Dienstleistung«. Man erklärt mit dieser Erklärung alles und nichts. Es geht aber um die Dekonstruktion der zentralistischen Industriestrukturen.

In der heutigen Wirklichkeit vollzieht sich in der Industrie selbst vielfach eine Dezentralisierung. Mit dem neuen Prozessteuerungs-System »Industrie 4.0« können mittelständische Industriebetriebe wieder emissionsarm im städtischen Raum effektiv produzieren. Voraussetzung sind aber hochleistungsfähige Internet-Verbindungen.

Professor Vogt wies auf die Bedeutung der notwendigen Zukunftsinnovationen für die Berufstätigkeit der heutigen Kinder hin. Die Innovationsfähigkeit war schon immer bei kleinen Unternehmen angesiedelt. So entwickelte zum Beispiel der Zweckverband Frohnbach, mit den Mitgliedsgemeinden Limbach-Oberfrohna und Niederfrohna, mit 17 Mitarbeitern den weltweit ersten Stirling Motor, mit nennenswerter Leistung, der anfallendes Klärgas verstromt. Momentan arbeitet man an einem Verfahren zur Sterilisierung von Klärschlamm mittels Pyrolyse. Der ZV Frohnbach entwickelt die bestehende Kläranlage schrittweise zu einem Stoffwechsel-Transformator. (Eine Ironie der Geschichte besteht darin, dass eine Dokumentation über den Stirling-Motor seit Jahren bei der Redaktion einer großen Wissenschaftszeitschrift liegt. Die Veröffentlichung scheitert daran, dass keine zwei Gutachter gefunden werden, die bescheinigen, dass die Stirling-Innovation mit dem Mainstream-Denken übereinstimmt.)

Bei der Renaissance der Familienbetriebe ist der Kulturbereich ein Vorreiter. Hier arbeitet mittlerweile die Mehrheit wieder als Klein- und Kleinstunternehmen. Was auf den ersten Blick wie ein »Rückschritt« hinter die große »Fortschritts-Utopie« aussieht, ist in Wirklichkeit keiner. Die Schicht der Familienbetriebe war in Europa über Jahrhunderte die Voraussetzung für die gesamte Wirtschaft. Aus ihr gingen alle Großunternehmen hervor. In diese gingen auch die größten Unternehmen am Ende wieder ein. Die Schicht der Familienunternehmen ist die allgemeine Voraussetzung der Erneuerungsfähigkeit von Wirtschaft und Gesellschaft. Automatische Fabriken können keine soziale Erneuerung bewirken.

Nach 200 Jahren Dominanz der Industrialisierung und der Verstaatlichung in Ostdeutschland ist die Stärkung von Selbständigkeit und der Selbständigkeits-Mentalität notwendig. Vernetzung ist für Familienunternehmen seit Jahrhunderten selbstverständlich. Arbeits- und Wohnort werden wieder mehr zusammenfallen. Die verschiedenen Generationen werden wieder enger zusammenarbeiten und leben. Selbständigkeit erfordert zudem die Übernahme von Verantwortung. Verantwortung kann aber nur der übernehmen, der auch entscheiden kann. Das von Professor Vogt ins Auge gefaßte Programm »Ermutigung!« dient genau dieser Selbständigkeits- und Verantwortungs-Ertüchtigung.

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Im Lichte der Dezentralisierung und der Selbständigkeit erscheint der Bevölkerungsrückgang weniger dramatisch. Es kommt nicht auf die Zahl der Menschen an, sondern darauf, was sie für sich und ihre Umgebung zu bewirken in der Lage sind. Die hohe Siedlungsverdichtung war einst eine Folge des Arbeitskräftebedarfs der großen Industrie. 200 Jahre industrielle Ausbeutung der Natur hinterließen ihre Spuren. Der Bevölkerungsrückgang ist also auch eine Chance im Übergang zu einem anderen Verhältnis zur Natur. Die Familienunternehmen sind dem Anschein nach in diesem Übergang die sozialen Kräfte der Zukunft. Die Familienunternehmen sind es auch, die den künftigen Raum in Mitteldeutschland strukturieren werden. Es war der große Leibniz, der darauf hinwies, dass das, was wir uns als Raum und Zeit vorstellen, im Wesen Beziehungen von Kräften und Monaden sind.

Die Beförderung dieses Dezentralisierungsprozesses, der Erschließung alternativer Energieumwandlung, der Einbeziehung von modernen Prozesssteuerungsmethoden u.a. wird ohne Zweifel eine neue Form der Beziehung Mensch–Natur, eine neue Kultur hervorbringen.

Philosophie, Kunst und Religion stehen in diesem Übergang vor der Aufgabe der Erneuerung unserer menschlichen Sinnstiftung, der Neuorientierung, der Ermutigung – der Bildung zur Humanität (Johann Gottfried Herder).

Die sächsische Kulturstiftung und das Institut für kulturelle Infrastruktur Sachsen haben dies dem Anschein nach erkannt. Die Besucherresonanz war erfreulich. Nochmals herzlichen Dank den Organisatoren für diese wichtige Tagung.

Johannes Eichenthal

 

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