Reportagen

Der lange Weg zur schwedischen Eisenbahn

Für den 22. April hatte die international bekannte Eisenbahner-Gaststätte »Zum Prellbock« zu einem Vortrag eingeladen. Der »Prellbock« ist wahrscheinlich einer der letzten Ort in diesem Land, an dem die Sache der Eisenbahn noch verteidigt wird. LKW-Lobbyisten haben hier keine Chance. Bereits die Parkplätze sind nur für PKW ausgelegt! Angekündigt war ein Vortrag über Baltzar Bogislaus von Platen, einem der Stammväter des schwedischen Eisenbahnbaues, wie wir vermuteten.

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Vor der Gaststätte, die mit allen Insignien eines Eisenbahn-Museums ausgestattet ist, trafen wir Prof. Dr. Gunnar Müller-Waldeck (li.), den Referenten des Abends, bei einer letzten Absprache mit Prellbock-Chef und Eisenbahn-Experten Matthias Lehmann.

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Der Professor begann seinen Vortrag mit den biographischen Details. Baltzar von Platen wurde am 29. Mai 1766 auf dem Gut Dornhof in Schaprode auf Rügen als Sohn des schwedischen Generalgouverneuers für Pommern geboren. Aus der Familie gingen einige Dichter hervor, wie zum Beispiel August von Platen (1796–1835), aber noch mehr Militärs, die ihren Dienst in vielen Staaten Europas versahen. Baltzar ging mit 12 Jahren auf die schwedische Marine-Kadettenschule in Karlskrona und lernte das Seemannshandwerk von der Pieke auf. Er erlernte und beherrschte alle Matrosenarbeiten, die auf einem Seegelschiff notwendig waren. Dazu kamen Erfahrungen als Schiffsoffizier, Steuermann und Kapitän. Am Ende wurde von Platen Admiral und Zeugmeister der schwedischen Marine.

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Aber Baltzar von Platen hatte sich ein kleines Landgut Frugården, am südlichen Seeufer des Vänern gekauft. Ja, er war ein sehr guter Landwirt, entwickelte das Gut mustergültig. Er wurde auch Mitglied der Unterhaltungsgenossenschaft der Trollhättan-Kanalgesellschaft. Der Kanal zwischen dem Götaälv und dem großen Vänern war nach fast dreißigjähriger Arbeit um 1800 vollendet worden. Dem Anschein nach war es dieser kleine Kanal, der Baltzar von Plathen auf die Idee brachte, alte Planungsansätze von Vorgängern zu studieren, um die großen Seen in Mittelschweden mit Kanälen zu einem Wasserweg von der Ostseeküste bis zur Nordseeküste zu verbinden. Platen hatte die strategische Bedeutung des Verkehrsweges erkannt. Die Meerenge zwischen Nord- und Ostsee wurde damals von dänischer Seite beherrscht. Die Dänen forderten zudem Zollzahlungen und konnten den Zugang nach Belieben sperren. Die positive Wirkung des Götakanal-Verkehresweges für die landwirtschaftliche geprägte Infrastruktur Schwedens war wohl eher ein Nebeneffekt im Denken des Strategen.

Eigenartigerweise war bis dahin von der schwedischen Eisenbahn noch keine Rede  Rede gewesen?!

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Jedenfalls, so der Referent, waren die normalen Fachleute, wie eigentlich immer im Fall von Neuerfindungen, übermäßig skeptisch gegenüber dem Vorschlag Platens, ja mehr noch, die Fachleute wurden die größten Gegener der neuen Ideen von Platens. Doch dieser reiste durch Europa und informierte sich besonders bei englischen Kanalbauern. Der größte Förderer des Projektes wurde der etwa gleichaltrige schwedische König Bernadotte. So begann 1810 an sechs Baustellen mit 58.000 Soldaten zugleich der Bau des Kanals mit 15 Meter Breite und 90 Kilometer Länge. 58 Schleusen waren notwendig. Zunächst begann man mit einfachsten Werkzeugen, wie Holzspaten mit Stahlspitze. Schritt für Schritt wurden Maschinen angeschafft, bis hin zum »Dampfbagger«. Es entstanden Fabriken für den Maschinenbau, wie etwa in Mutala.

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Platen machte das Projekt zu seinem Lebensinhalt. Selbst als ihn die Nachfolger Bernadottes durch Ernennung zum Reichsstatthalter in Norwegen vom Projekt abziehen wollten, leitete er von dort die Arbeiten. Doch die Eröffnung des Kanals erlebte er nicht mehr. Er verstarb am 6. Dezember 1829. Der Kanal wurde 1832 eröffnet. Entgegen seinen Verfügungen wurde ihm 1830 ein Staatsbegräbnis in Mutala zu Teil. Noch heute erweisen vorbeifahrende Schiffe, so der Referent, ihm die Ehre durch zweimalige Signalgebung.

Hier kam der Professor endlich zum Thema. Zwei Jahre nach der Kanaleröffnung kam es zum Bau der Eisenbahnlinie zwischen Göteborg und Stockholm. Die Lokomotiven wurden in den Fabriken gebaut, die Baltzar von Platen begründet hatte.

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Der Referent flocht um diese Geschichte einen Strauß von weiteren Geschichten. Er las Ausschnitte aus einem Reisebericht der Gräfin Ida von Hahn-Hahn, zählte berühmte Leute auf, die den Götakanal befuhren, zitierte Gedichte und reihte Episode an Episode. Zudem präsentierte er Utensilien, wie eine Glocke aus dem Platenschen Haus in Schaprode. Die Zuschauer lauschten gespannt den Erzählungen und fragten nach vielen Einzelheiten. Man saß an diesem Abend noch lange im Prellbock zusammen.

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Am Ende das klassische Prellbock-Foto: Referent und Prellbock-Chef mit ihren »Eisenbahner-Dienstmützen«. Prof. Müller-Waldeck selbstverständlich mit einer schwedischen Eisenbahner-Mütze. Es war die vielleicht originellste Geschichte eines Eisenbahnbaues, die wir je gehört hatten.

Johannes Eichenthal

Information

Müller-Waldeck, Gunnar: Literarische Erkundungen des Nordens. Notizen zu Skandinavien und deutschland. Hrsg. Kurt Genrup. Umeå 2011

ISBN 978-91-7459-242-9

Weitere Veranstaltungen Im Prellbock

14. Mai 2016, um 19 Uhr Ausstellungseröffnung mit Cartoons von Peter Thulke (Berlin): Thulkes Welt

(Die Ausstellung ist bis 18.7.2016 zu sehen.)

www.prellbock-bahnart.de

Eisenbahnmuseum und Kneipe »Zum Prellbock«, Burgstädter Straße 1,

09328 Lunzenau

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