Essay

Die Erbschaft der Reformation

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Obwohl das 500. Jubiläum der Reformation erst im kommenden Jahr mit offiziellen Veranstaltungen gewürdigt werden soll, erscheinen bereits jetzt Artikel und Bücher in großer Zahl zu diesem Thema. Besondere Aufmerksamkeit genießt dabei Martin Luther (1483–1546). Die Schwierigkeit besteht darin, dass uns Luthers Werk über viele Schichten von Kommentaren und Diskursen überliefert wurde. Diese historischen Vermittlungen prägen unser »Bild« des Reformators. Man kann diese Diskursschichten nicht ignorieren – allerdings sollte man Unterschiede und Besonderheiten der Luther-Kommentare beachten.

Einer der wichtigsten, wenngleich heute vielleicht selbst von evangelischen Theologen am wenigsten beachteten, Luther-Kommentatoren war Johann Gottfried Herder (1744–1803). Darauf machte der Literaturwisssenschaftler und Herausgeber der Herder-Briefe-Ausgabe Günter Arnold in einem Vortrag aus dem Jahre 1983, anlässlich des 500. Geburtstages des Reformators, aufmerksam. (Arnold, Günter: Luther im Schaffen Herders. In: Impulse. Aufsätze, Quellen, Berichte zur deutschen Klassik und Romantik. Folge 9. Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1986, S. 225–274).

Arnold postuliert zunächst, dass man »das Gesamtwerk Herders, seine literaturtheoretischen, geschichtsphilosophischen und theologischen  Schriften, wie sein amtliches Wirken, als Einheit … begreifen (müsse)«. (S. 226)

Erst dieser Ausgangspunkt ermöglichte den Zugang zu Herders Luther-Rezeption. Glaube, Vernunft und Sprache sind die Säulen, auf denen das Gesamtwerk Luthers wie Herders ruht. Allerdings sieht Herder die Luthersche Erbschaft durch sektierische Orthodoxie verschüttet. Arnold geht darauf ein, dass Herder sich lebenslang gegen selbst ernannte »Orthodoxe« zur Wehr setzen musste, die in der Regel nur Buchstabengelehrte ohne handwerkliche hermeneutische Kenntnisse waren. Nicht umsonst bemerkte Herder mehrfach, dass es zwei Feinde der Philosophie gäbe, die Sekte der Mathematiker und die Sekte der Theologen.

Arnold belegt mit Brief-Zitaten, dass Herder auf eine Luther-Biographie verzichtete, weil er die Instrumentalisierung der Reformation durch die sächsischen Fürstenhäuser und das entstehende Landeskirchentum aus Zensurgründen nicht darzustellen vermochte.

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Die strategische Einordnung der Reformation und des sächsischen Fürstenhauses nahm Herder letztlich in Aufsätzen seiner Zeitschrift »Adrastrea« vor. Mit diesem Zeitschriftenprojekt setzte er die »Ideen zur Philosophie zur Geschichte der Menschheit« und der »Briefe zur Beförderung der Humanität« fort. Diese Zeitschrift erschien erstmals 1801 und wurde ein Jahr nach dem Tod Herders wieder eingestellt.

Es ging Herder um eine Retrospektive des 18. und eine Perspektive des kommenden 19. Jahrhunderts. Aus der Vielzahl der Aspekte soll einer besonders herausgehoben werden. Herder kritisiert die grundsätzliche Ausrichtung des sächsischen Fürstentums unter Kurfürst Friedrich August I. auf den polnischen Königsthron. Herder führt nicht nur die Geldverschwendungen zur Bestechnung des polnischen Adels an. Viel schwerwiegender war für ihn die mangelnde Verantwortung des sächsischen Herrscherhauses für das Römische Reich deutscher Nation: »Für Deutschland und das Kurfürstentum Sachsen war es  ein Verlust, daß ein Fürst von so seltnen Vorzügen, die Friedrich August körperlich und geistig besaß, durch die Polnischen Verwirrungen und Kriege gehindert ward, für Deutschland allein zu leben. Der großmütige, durch Reisen gebildete, Kunst- und Welterfahrne Kurfürst würde den Wissenschaften in Seinem Lande, das reich an Naturprodukten und Anlagen zur Wissenschaft ist, für vielen andern Ländern Deutschlands den neuen Glanz gegeben haben, auf den es seit der Reformation den ersten Anspruch hatte. Leibnitz schlug dem Kurfürsten eine Akademie der Naturmerkwürdigkeiten zu Sammlung und Erforschung derselben nach einem großen Plan vor, den Er Einesteils durch reiche Sammlungen dieser Art in Wirkung setzte, andern Teils unter den Polnischen Händeln aufgab.« (Herder, Johann Gottfried: Adrastea. In: Johann Gottfried Herder Werke in 10 Bänden (Frankfurter Ausgabe), Frankfurt 2000, Bd. 10 (Hrsg. Günter Arnold) S. 405

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Diese historische Chance wurde verspielt. Die heutige Situation ist mit dem 16. Jahrhundert nicht einfach vergleichbar. Dennoch möchten wir darauf hinweisen, dass das Kurfürstentum Sachsen in etwa mit der Region übereinstimmt, die wir heute mit dem geographischen Begriff »Mitteldeutschland« bezeichnen.

Heute stehen sich die Zukunftskonzepte eines europäischen Zentralstaates und eines Europas der Regionen gegenüber. Ricarda Huch schlug 1932 als Ausweg aus der Weltwirtschaftskrise die Wiederaufnahme der regionalen Strukturen des Römischen Reiches deutscher Nation vor. Nicht den alten Adelsfamilien, sondern den Kommunen komme in diesen regionalen Strukturen entscheidende Bedeutung zu. An diesem Konzept sollte man anknüpfen.

Heute geht es, über alle Jubiläumsformalitäten hinaus oder hinweg, darum, die Erbschaft der Reformation für unsere Zeit fruchtbar zu machen. Für das Individuum ist der Zusammenhang von Glaube, Vernunft und Sprache von existenzielle Bedeutung. Die individuelle Hinwendung zum Glauben, die individuelle Überprüfbarkeit und Rechtfertigung, ist nur in einer Gesellschaft möglich, in der eine Atmosphäre der Respektierung anderer Glaubensrichtungen lebendig ist. Herder verwies auf die Notwendigkeit, sich von alleinseligmachenden Glaubensansprüchen zu trennen. Jeder Mensch hat eine andere Vorstellung von Gott. Günter Arnold zitiert einen Brief Karoline Herders an Gleim, bei dem Petrus die Vertreter verschiedener Glaubensrichtungen erst im Himmel einließ, nachdem sie gemeinsam Luthers Lied »Wir glauben all’ an einen Gott« gesungen hatten.

Das, was wir heute »Kultur« nennen, fasste Herder als der Reformator seiner Zeit als »Humanität«. Für Herder ging es um die Verantwortung des Menschen für Gesellschaft, Natur und Welt.

Ein rein konsumtives Verhältnis zur so genannten »Hochkultur« sah Herder dagegen im höfischen Manierismus erstarrt. Dies, so Herder, sei eher »verfeinte Schwachheit« denn wirkliche Kultur. Bildung zur Humanität war deshalb Herders Formulierung für eine zeitgemäße, aktive Kulturpolitik.

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Wie steht es heute, im Lichte des 500. Jubiläums der Reformation, mit einer solchen aktiven Kulturpolitik? Der Zufall will es, dass nach Pfingsten in der mitteldeutschen Metropole Leipzig ein neuer Kulturbürgermeister gewählt wird.

Die Leipziger Volkszeitung berichtete eben ausführlich darüber. Dazu kommt, dass eine spezielle Internetseite eingerichtet wurde, um  die Programme der drei Kandidaten vergleichen zu können. Informieren Sie sich selbst, ob es heute zeitgemäße, aktive Kulturpolitik geben kann oder nicht.

Johannes Eichenthal

 

Information

LVZ vom 10.5.2016 http://www.lvz.de/Leipzig/Stadtpolitik/Kulturbuergermeister-wird-nach-Pfingsten-gewaehlt-drei-Bewerber-im-Rennen

http://www.kulturbuergermeister-leipzig.de

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