Reportagen

Karl May heute lesen

Der Abend des 1. November war regnerisch. Die zurückgekehrte Normalzeit ließ uns die Dämmerung verkürzt, als Einbruch der Dunkelheit wahrnehmen. Den Durch­schnitt­sbürger zog es dem Anschein nach zum Fernseher. Dort schläft man am schnellsten ein. Doch in der Klisschen Buchhandlung war an diesem finsteren Abend noch Licht.

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Hier hatte sich eine kleine Runde zusammengefunden – und es wurde tatsächlich gelesen. Henry Kreul hatte den Vortrag Karl Mays, den dieser am 22. März 1912 in Wien hielt, aufgeschlagen. May war auf Einladung des Akademischen Verbandes für Literatur und Musik nach Wien gereist. Unter den Zuhörern des Vortrages war auch Bertha von Suttner, die Trägerin des Friedensnobelpreises von 1905. (Alfred Nobel soll sie als eine Art von »Ideal« für die Einführung des Friedenspreises betrachtet haben.) Wir hören erstaunt, wie offen May in Wien sprach: »Es gibt zwei Mays. Den einen, den die Presse darstellt, und den anderen, der vor ihnen steht.« Und, so fügte er an, »ich bin ein Märchenerzähler.«

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Welche große Wellen lösten diese wenigen Sätze in der kleinen Runde aus. Argument prallt gegen Argument. Es erstaunt uns, welche Kenntnisse die Beteiligten dem Anschein nach besitzen und auch zu gebrauchen wissen. Zugleich erfreut uns, dass kein Besserwisser in der Runde sitzt. Man streitet hart in der Sache und respektiert sich zugleich. Wo findet man heute so etwas noch?

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Am Ende fragen wir uns, ob nicht auch das eine oder andere Missverständnis mitschwingt. Sind nicht Märchen eine grundlegende literarische Gattung? Liegen nicht alle wichtigen Überlieferungen menschlicher Weisheit als Märchen, Fabel und Mythos vor? Waren und sind nicht all die großen Erzähler der Menschheit »Märchenerzähler«?

Auf der Heimfahrt durch ein nahezu menschenleeres Hohenstein-Ernstthal fällt uns auf, dass viele der stolzen Fabriken, die ihren Ursprung im 19. Jahrhundert Karl Mays haben, abgerissen werden oder schon verschwunden sind. Selbst die alten Fabrikantenvillen sind am Verschwinden.

Wir erinnern uns, dass Karl May, aus einfachen Verhältnissen stammend, sein ganzes Leben um Emanzipation kämpfen musste. Drei Generationen vor ihm hatte das Karl Stülpner bereits versucht – und war gescheitert. Stülpners Lebenserinnerungen wurden beim Erscheinen im Jahre 1841 als »staatsgefährdent« verboten, und nicht wieder aufgelegt. (Erst 1975 erschien in Leipzig ein Reprint.) Karl May gelang der Schritt zum gut bezahlten Schriftsteller. Aber er vergaß sein Leben lang nicht die Sorgen und Nöte der einfachen Menschen.

So ist es verstehbar, dass sich May 1912, in einer Zeit, in der selbst im Tageblatt von Hohenstein-Ernstthal der Niedergang des Britischen Empire und das Heraufziehen des Weltkriegs deutlich gemacht wurde, in die Politik einmischte. Denn eines war ihm klar: das Leid und die Lasten eines Krieges würden die einfachen Menschen tragen müssen. Deshalb meldete er sich zu Wort.

Wenn das Werk Karl Mays zu einer solchen Konsequenz führt, dann kann man ihm den Respekt eigentlich nur versagen, wenn man heute noch das Versagen der Funktionseliten aller Länder Europas im Jahre 1914 rechtfertigen will. Oder nicht?

Vielleicht ist der Hinweis auf ein, im Radio leider viel zu selten gesendetes, Hörspiel Gert Hofmanns angebracht: »Wie Kaiser Wilhelm mit Kara ben Nemsi auszog, um das Fürchten zu lernen.« Der Kaiser und May verstehen sich dem Anschein nach sehr gut. Admiral Tirpitz ist es bei Hofmann, der den Kaiser aus dem Gespräch mit Karl May reisst, um ihn in den Krieg zu schicken.

Vielleicht sollten wir doch den alten Karl May wieder einmal lesen?

Johannes Eichenthal

 

Information

Edition Kammweg Band 9

Karl May: Der Teufelsbauer. Eine erzgebirgische Dorfgeschichte.

Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Klaus Walther

Engl. Broschur, 12,4 × 18,6 cm, 96 S.

Mit Illustrationen von Birgit Eichler

Verkaufspreis: 4,75 €

ISBN 978-3-937654-45-4

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