Interview

LESENACHT IN DER CHEMNITZER STADTBIBLIOTHEK

Im Umfeld des 23. April, des »Welttages des Buches«, veranstaltet die Stadtbiblio­thek Chemnitz seit vielen Jahren eine »Lesenacht«, mit zahlreichen Veranstaltungen auf mehreren Ebenen des von Hermann Tietz erbauten ehemaligen Kaufhauses »Tietz«. In diesem Jahr fand die Veranstaltung am Sonnabend, dem 22. April statt. Clara Schwarzenwald sprach mit Elke Beer, der Leiterin der Chemnitzer Stadt­biblio­thek.

 

 

Foto: Westeingang des TIETZ

Frau Beer, der 23.4. ist nicht nur »Welttag des Buches« sondern auch der »Welttag des Bieres«. Zudem erzeugen jede Menge anderer Gedenktage einen gewissen »Welt­tagsverdruss«. Was ist beim Weltbuchtag anders?

Elke Beer: Das Buch steht an 365 Tagen im Jahr im Mittelpunkt der Arbeit der Mit­ar­beiterinnen und Mitarbeiter unserer Stadtbibliothek. Dennoch oder gerade des­halb nutzen wir den 23. April, um besonders auf unsere Angebote hinzuweisen. Wir versuchen an diesem Tag alle Menschen unserer Region, die mit dem Buch zu tun haben, Autoren, Verlage, Buchhandlungen, Antiquariate, Bibliothekare, Vereine, Büchersammler und Leser in unserem Haus zusammenzubringen. Die »Chemnitzer Literaturlandschaft« soll hier erlebbar werden.

Wer glaubt, dass wir damit in unserem hochentwickelten Industrieland offene Türen ein­rennen, der täuscht sich. In Deutschland gibt es 7,5 Mio funktionelle Analphabeten. Etwa 25 Prozent aller Achtjährigen beherrscht keinen Mindestwortschatz mehr. Die Zeit, die Eltern sich zum Vorlesen für ihre Kinder nehmen, die schwindet als Durchschnittswert.

 

Aber gibt es nicht gerade zum Anlass des 23. April zahlreiche prominente Vorleser?

Elke Beer: Das ist richtig und auch lobenswert. Doch es ist besonders wichtig, dass die Bezugspersonen der Kinder vorlesen. Es ist auch nicht gleichgültig, welcher Text gelesen wird. Das anschließende Gespräch zwischen Kindern, Eltern und Großeltern über den Text ist ebenso wichtig. Deshalb sind ja gerade Heimatsagen für Vor- und Grundschulkinder so beliebt. Alle Generationen haben damit ein ge­mein­sames Gesprächsthema. Alle kennen den Schlossteich, den Chemnitzfluss, das Chemnitz-Tal, das Chemnitzer Kloster, Burg Rabenstein oder das Wasserschloss Neukirchen (heute Klaffenbach).

Wir versuchen bereits Kindergartenkinder zu Einführungsveranstaltungen in unsere Bibliothek einzuladen, um ihnen »spielend« die Möglichkeiten der Bibliothek nahe zu bringen. Wir hoffen damit zu erreichen, dass die Eltern der Vor- und Grund­schul­kinder gemeinsam mit ihren Kindern zu uns kommen.

 

Man hört aus Fachkreisen, dass die Bibliothek heute vorwiegend zu einem Treff­punkt der Menschen geworden sei. Physische Bücher spielten eher eine Ne­ben­rol­le. Die neue Bibliothek von Aarhus verzichtet deshalb auf umfangreiche Bücher­sammlungen ganz. Ist so etwas in Chemnitz auch vorgesehen?

Elke Beer: Nein. Beide Seiten müssen sich nicht ausschließen. Einerseits wird auch unsere Bibliothek zunehmend ein Ort gemeinsamen Lesens und Lernens, der Be­geg­nung von Menschen aus verschiedenen Kulturen. Andererseits bleiben wir aber auch ein Haus der Bewahrung unseres, über Generationen gesammelten »Bü­cher­schatzes«. Wir sind praktisch der größte Büchersammler der Stadt. Besonders möchte ich hervorheben, dass wir Weltliteratur und Literatur von Autoren, die in un­serer Region geboren wurden oder zu Hause sind, unabhängig von aktuellen Trends sammeln und aufbewahren. Gerade der Zusammenhang von regionaler Literatur und Weltliteratur ist in unserem Haus erlesbar. Das schließt ein, dass wir auch die Kulturtechnik Lesen befördern. Wer nicht lesen kann, dem nützen auch modernste Medien nichts.

 

Aus ihren Worten ist zu entnehmen, dass sie die Tradition und die neuere Medien­entwicklung verbinden?

Elke Beer: Ja, das ist unsere Praxis und auch das Zukunftskonzept. Neben tradi­tio­nellen Büchern leihen wir auch elektronische Bücher aus oder bieten den Internetzugang und W-LAN an. Wir vermitteln Medienkompetenz, vom tra­di­tio­nel­len Lexikon bis hin zum seriösen Onlineportal. Wir versuchen eine Art »Navi­gation« zu vermitteln, damit Kinder und Jugendliche aus der Masse der An­ge­bote die qualitativ hochwertigen herausfinden können. Überhaupt ist die Fähigkeit zur Aus­wahl in unserer »Medienwelt« von entscheidender Bedeutung. Man muss ler­nen die richtigen Angebote zu nutzen und sich zu beschränken. Wer das nicht lernt, der ist als »Fernseh- oder Internetsklave« verloren. Doch das ist keine neue Erscheinung. Generell bietet uns die Bücherwelt die Vielfalt des überlieferten kul­tu­rellen Wissens. Man musste schon immer eine Auswahl treffen. Wer frühzeitig mit Büchern Umgang hat, der lernt das »spielend«.

 

Frau Beer, welche Resonanz erhielten Sie auf die diesjährige Veranstaltung?

Elke Beer: Die Resonanz war sehr gut – wesentlich mehr Besucher als im Vorjahr (geschätzt ca. 2000). Die Anstrengungen der Organisatoren wurden auch in diesem Jahr mit einem positiven Echo belohnt. Von mehreren Seiten wurde sogar der Wunsch geäußert, dass es solche Veranstaltungen nicht nur an einem Tag im Jahr geben sollte und dass solche kulturellen Aktionen dem TIETZ gut zu Gesicht stehen.

Sehr geehrte Frau Beer, vielen Dank für das Gespräch. (190422 – cs)

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