Reportagen

FRIEDRICH NIETZSCHES GESCHICHTE OHNE VERGANGENHEIT

Karsten M. Thiel veröffentlichte seine neueste Arbeit zum Werk Friedrich Nietzsches. Es ist nicht die erste Untersuchung von Leben und Werk Nietzsches und wird dem Anschein nach auch nicht die letzte sein. Auf immer neue Generationen wirkt das Leben des im kleinen Dörfchen Röcken bei Weißenfels geborenen protestantischen Pfarrerssohnes anziehend.

Thiel schränkt seine Darstellung auf Nietzsches Essay »Zur Genealogie der Moral« aus dem Jahre 1887 (KSA Bd. 5, S. 245 ff.) ein. Die vorbildliche Kritische Studien-Ausgabe der Nietzsche-Werke (KSA) von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, samt Kommentar und Chronik zu Nietzsches Leben, stellt eine Voraussetzung der Thielschen Untersuchung dar.

Der Autor hebt zunächst hervor, dass Nietzsche große Hoffnung auf die Arbeit von Paul Rée »Der Ursprung der moralischen Empfindungen. Chemnitz 1877« setzte. Aber Nietzsches Hoffnungen seien enttäuscht worden: »Rées Geschichte der Moral ist für Nietzsche eine Geschichte ohne Vergangenheit. Sie läuft damit dem Anspruch von Geschichte zuwider, über Vergangenheit aufzuklären.« (S.16)

Ein Problem der Nietzsche-Interpretation wird bereits am Anfang klar: In der Vorrede ist Nietzsche am deutlichsten. Oder anders: im eigentlichen Text ist Nietzsche verwirrend. Thiel steuert den Leser jedoch zielsicher durch das Labyrinth der Nietzschen Gedanken. Die moralischen Grundkategorien »gut« und »böse« führt Nietzsche auf die jeweils herrschende Ideologie und deren Proklamation von »Werten« zurück. Auf dieser Grundlage kann Nietzsche die letztlich ideologisch begründete Vorstellungen von der Unvergänglichkeit moralischer Vorstellungen kritisieren. »Ohne Begriff oder Vorstellung vom Vergehen wird Geschichte geradezu zwangsläufig zur Geschichte ohne Vergangenheit. Ohne einen Begriff vom Vergehen kann die Vergangenheit nur unbekannt bleiben. Wie sollte die Vergangenheit bekannt sein können, wenn unbekannt ist, was Vergangenheit ist? Die Lösung, nach der das Problem einer Geschichte ohne Vergangenheit zu allererst verlangt, ist demnach ein angemessener Begriff von Vergehen und Vergangenheit.« (S. 28)

Thiel setzt »Vergehen« bei Nietzsche mehr oder weniger mit »Genealogie« gleich: »Der Begriff von Vergehen, wie er sich bei Nietzsche nachweisen lässt, ist allgemein als Genealogie bekannt. Obwohl er unmittelbar auf die Genealogie der Moral bezogen ist, ist er nicht allein auf die Moralgeschichtsschreibung gemünzt. Sein Anspruch ist ganz im Gegenteil allgemeingültig. In diesem Sinn gibt es für Nietzsche ‹für alle Art Historie› … gar keinen wichtigeren Satz als jenen, … dass etwas Vorhandenes, irgendwie Zu-Stande-Gekommenes … immer wieder auf neue Ansichten ausgelegt, neu in Beschlag genommen, zu einem neuen Nutzen umgebildet und umgerichtet wird; dass alles Geschehen … ein Überwältigen, Herrwerden ein Neu-Interpretieren, ein Zurechtmachen ist, bei dem der bisherige ‹Sinn› und ‹Zweck› notwendig oder ganz ausgelöscht werden muss« (Thiel S. 29, Zitat Nietzsche Genealogie der Moral KSA Bd. 5., S. 313-4).

Im Anschluss referiert Thiel die Anforderungen Nietzsches an die Geschichtsschreibung: »Wenn Nietzsche die Geschichtsschreibung auffordert zu rekonstruieren, was vergangen ist, hält er sie dazu an, Sinn aufzuspüren, der verdunkelt und ausgelöscht ist. Erst wenn sie dazu imstande ist vermag sie endlich auch vom Vergangenen als solchem zu berichten. Weil vergangen bleibt, was vergangen ist, ist es müßig, vergangenen Sinn wiederherzustellen, vergegenwärtigen oder als sinnvoll erlebbar machen zu wollen. Folgt man dieser Logik, dann bleibt Vergangenheit als solche immer fremdartig. Folgerichtig beschränkt sich Nietzsche darauf, sich ‹die Logik› früherer Sinngefüge klarzumachen. Auch dann ist der Sinn noch immer ‹fremdartig genug›. Der Anspruch, Geschichte müsse mit der Vergangenheit vertraut machen, ist für Nietzsche damit von vornherein vom Tisch.« S. 30)

Die Situation erinnert an unlösbare Märchenrätsel. Zunächst stellt Nietzsche der Geschichtswissenschaft die Aufgabe Vergangenheit zu thematisieren und gleichzeitig spricht er der Wissenschaft die Fähigkeit ab, mit Vergangenheit vertraut zu machen. Karsten Thiel tröstet uns mit einem Verweis auf das Genealogie-Konzept von Michel Foucault.

Der heutige Leser hat mit der Schwierigkeit zu kämpfen, dass Nietzsche seine Polemik sehr unpräzise, sehr allgemein und sehr unverbindlich führt.

Man kann zur Not noch verstehen, dass Nietzsche den tradierten Forschungsstand seiner Zeit in der Gesamtheit nicht zur Kenntnis nahm. Selbst ein nüchterner Blick auf die Werke Gotthold Ephraim Lessings und Johann Gottfried Herders war ihm nicht möglich. In den mehr als 100 Jahre alten Texten hätte Nietzsche nachlesen können, dass Geschichte immer wieder umgeschrieben wird, dass unsere Vorstellungen von Geschichte Konstrukte sind, dass unsere Fähigkeiten zum Verstehen von Geschichte Grenzen haben, dass wir aber dennoch versuchen müssen zu verstehen usw., usf.

Aber dieses Desinteresse erstreckte sich auch auf neueste Forschungen seiner Zeit. Obwohl Nietzsche indologische Schriften eines Freundes zur Kenntnis nahm, hatte er dem Anschein nach keine Ahnung vom hermeneutischen Niveau der Religionsgeschichtsschreibung. Die Verwurzelung des Christentums im Orient, persische Zend-Avesta, indischen Veden und viele andere religiöse Texte wurden in dieser Zeit von deutschen Wissenschaftlern in ihrer Überlieferungsgeschichte erschlossen.

Warum wirkt Nietzsche dennoch anregend auf junge Menschen, auf Künstler und auf jung Gebliebene? Vielleicht aufgrund seiner Naivität und Unbedarftheit? Obwohl Demut eine Voraussetzung für Weisheit, ist die erste Hinwendung von uns Dilletanten zur Wissenschaft auch immer eine Anmaßung. Nietzsche zelebriert dieses notwendige Moment von Größenwahn, dem Schriftsteller Karl May nicht unähnlich, auf anrührende Weise.

Dem Autor Karsten Thiel ist für seine Anregung zu danken. Vielleicht kann man anfügen, dass eine Geschichte ohne Vergangenheit gleichzeitig eine Zukunft ohne Perspektive bedingt.

Clara Schwarzenwald

 

Information

Karsten M. Thiel: Geschichte ohne Vergangenheit: Nietzsches Genealogie der Moral als Kritik der Geschichtsschreibung

Wilhelm Fink Verlag München 2017, 108 Seiten, Broschur, 13,5 × 21,5 cm,

ISBN 978-3-7705-6160-5

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