Reportagen

ÖL IN DIE LEBENSLAMPE – GOETHE ALS SAMMLER

So der Titel eines Vortrages, den die Goethe-Gesellschaft Chemnitz e.V. am Abend des 18. Mai 2017 in den regionalen Medien angekündigt hatte. Im »Salon Stadtpark« von SenVital »Niklasberg«, dem Stammhaus der Gesellschaft, hatten sich zahlreiche erwartungsfrohe Besucher eingefunden.

Den hochsommerlichen Temperaturen an diesem Frühlingstag entsprach nicht nur die gelöste Stimmung, sondern auch die leichte Kleidung aller Anwesenden.

Pünktlich 19.00 Uhr begrüßte mit betonter Herzlichkeit der Vorsitzende dieser Gesellschaft, Siegfried Arlt, die Mitglieder und Gäste und stellte den Vortragenden des Abends, Herrn Dieter Lehnhardt aus Hüttenberg-Reiskirchen, einem kleineren Ort im Umfeld der Goethe- und Optik-Stadt Wetzlar vor.

 

Siegfried Arlt heißt den Vortragenden Herrn Dieter Lehnhardt herzlich willkommen.

 

Öl in die Lebenslampe, hob Arlt eingangs hervor, ist ein Zitat aus einem Brief, den Goethe am 18.10.1819 an Johann Heinrich Meyer, dem so genannten »Kunschtmeyer«, langjähriger Freund und Berater Goethes in Kunstfragen geschrieben hatte und in dem es heißt: »Die Kupfer (gemeint sind hier Kupferstiche) machen mir viel Freude. Es ist immer wie Öl in die Lebenslampe, wenn man so außerordentliche Thätigkeiten auch nur im Widerglanz erblickt

Zählte es doch zu den besonderen Neigungen, wie persönlichen Genüssen des »Augenmenschen« Goethe, sich in Bergen von Kupferstichen, wie überhaupt in »Bilderwelten« zu »ergehen«, um Anregungen für sein literarischen Schaffen zu erlangen.

Damit sind wir schon beim Inhalt des Vortrages angelangt, den Dieter Lehnhardt auf »Goethe als Sammler« konzipiert hat. Sammler aus Leidenschaft ist allerdings auch Lehnhardt selbst, gehört er doch zu jenen fünfzehn Büchersammlern, die Eingang in das reich illustrierte Buch »Haben Sie das alles gelesen?«, erschienen im Mironde-Verlag, gefunden haben und deren Herausgeber Klaus Walter und Dieter Lehnhardt sind.

Goethe als Sammler indes, so hebt der Redner hervor, geht mit der ihm eigenen Leidenschaft, wie mit der selbstgebotenen akribischen Sorgfalt und Ordnungsliebe vor und bestimmt für seinen Nachlass als »letztwillige Verfügung«, dass seine Sammlungen zusammenbleiben und der Allgemeinheit zugänglich sein sollen.

Übrigens, so führte er aus, kam diese Art von Sozialisierung großer Sammlungen in Europa erst nach der Französischen Revolution in Mode. Das heißt in unserem Fall: ohne jene letztwillige Verfügung gäbe es auch das »Goethe-Nationalmuseum« mit all seinen Schätzen nicht, das nicht zuletzt Weimar als Erinnerungsort begründet.

Das alles machte Dieter Lehnhardt in brillanter, bildgestützter und rhetorisch beeindruckender Art und Weise nachvollziehbar. Er gliedert seinen Vortrag systematisch und beantwortet die selbstgestellten Fragen, warum Goethe zum Sammler wurde, was er sammelte, wie er sammelte und was mit seinen Sammlungen geschehen sollte. Der unglaublichen Fülle, der sich der Vortragende gegenüber sah, verlangte große Konzentration, wäre doch jeder einzelne Sammlungsgegenstand schon Grund genug für einen eigenen Vortrag, oder gar einer Vortragsfolge.

 

Eindrucksvoll fasziniert der Vortragende die Zuhörer – hier im Dialog mit Johann Heinrich Meyer

 

Die nach vielen tausend Exemplaren zählenden Sammlungen an Kupfern, Zeichnungen und Kunstwerken der verschiedensten Art, an Münzen und Medaillen, Gemmen und Kameen, in Sonderheit an Mineralien, allein hier versammeln sich über 17.500 Handstücke, Herbarien, Tierpräparate, Apparaturen, aber auch an Autographen, an Manuskripten, Briefen und Büchern, verdienen das Attribut gigantisch.

Und der letzte Goethe-Enkel, der Kammerherr Walther von Goethe, wusste sehr wohl die riesige Verantwortung zu tragen, die ihm oblag, als sich sein Leben 1885, also über 50 Jahre nach dem Ableben Goethes, vollendete. War doch das Haus am Frauenplan, Goethes Wohnhaus, in all den Jahren nach 1832 auch vielen Anfechtungen ausgesetzt.

So erbte die Großherzogin Sophie das gesamte Schriftgut, und schuf das Goethe- und Schiller-Archiv. Sie berief aber auch unter Leitung von Prof. Dr. Erich Schmidt ein Gremium, was angehalten war, Leben und Werk Goethes in ein editorisches Ganzes zu bringen. Es entstand die so genannte »Sophienausgabe«, die »Weimarer Ausgabe« mit insgesamt 143 Bänden zzgl. eines Supplementbandes.

Goethe sammelte, geprägt von seinem Vater, dem kaiserlichen Rat, zeitlebens weniger als Dichter, vielmehr als Forscher – getragen von jenem literarischen Credo, » ... dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält«.

Dass dieser Bildungsdrang, dieser Geist, die somit erlangten Kenntnisse und Erkenntnisse dann auch in seine literarischen Werke eingegangen sind, darf als einzigartiges Kennzeichen seines Genies gesehen und verstanden werden. Lehnhardt machte das an vielen interessanten Beispielen deutlich: Ein in die Sammlungen Goethes eingegangenes Schiffstau der englischen Marine verbirgt in seinem Innersten, und erst wenn man es restlos zerlegt hat wird es sichtbar, einen roten Faden. Diese Erkenntnis erlangt als Synonym »roter Faden«, als Redensart eine Selbständigkeit, weil sie eine charakteristische Besonderheit einem Ganzen das Gepräge gibt. In Goethes Roman »Wahlverwandtschaften« (2. Teil, 2. Kapitel) kehrt sie wieder, wo es heißt: »Wir hören von einer besonderen Einrichtung bei der englischen Marine …«

Für die aufmerksamen Zuhörer, (es knisterte wieder einmal im Saal!) wurde es zum unvergesslichen Erlebnis, wie der Vortragende an zwei Zeitgenossen erinnerte, die auf Goethes Schaffen großen Einfluss ausübten: Johann Heinrich Meyer (1760–1832) und Johann Christian Schuchardt (1799–1870).

Während Meyer in allen Fragen der Kunst und der Kunsttheorie, als wandelndes Lexikon definiert wurde, schuf Schuchardt als Goethes Sekretär mit der Katalogisierung der Kunstwerke in Goethes Sammlungen ein Kompendium, welches 25.000 Exponate in drei Bänden erfasst.

 

Mit herzlichen Worten dankt Siegfried Arlt im Namen aller Goethe-Freunde dem Vortragenden Dieter Lehnhardt.

Ein erlebnisreicher Vortragsabend ging mit langanhaltendem Beifall zu Ende, fast zu Ende, denn vor dem Dank des Vorsitzenden Siegfried Arlt, stand noch eine Frage im Raum: Welchen Umfang denn die Büchersammlung des Vortragenden Dieter Lehnhardt habe, der bekanntlich gut erhaltende Erstausgeben, sowie Gesamtausgaben der deutschen Klassik und der Romantik sammelt: »Es sind etwa 4500 schöne, alte und seltene Bücher und bibliophile Kostbarkeiten, für die ich eine große Leidenschaft entwickle

Siegfried Arlt

 

Buchhinweis

Gemeinsam mit Klaus Walther lässt Dieter Lehnhard als Herausgeber Büchersammler zu Wort kommen.

Er selbst steuert einen Beitrag über seine Sammlung von Goethe-Erstveröffentlichungen bei.

Aus der Feder von Klaus Walther stammt ein Beitrag über Goethes Bibliothek.

In vielen Beiträgen ist Goethe als eine Art Anreger für die Büchersammelleidenschaft mehr oder weniger direkt erkennbar.

 

In jeder Buchhandlung oder direkt vom Verlag (www.mironde.com) noch lieferbar:

Klaus Walther/Dieter Lehnhardt (Hrsg.): Haben Sie das alles gelesen?

Ein Buch für Leser und Sammler.

366 Seiten, 12,5 × 21,5 cm, gebunden, Schutzumschlag, Lesebändchen,

zahlreiche farbige Fotos, VP 29,90

ISBN 978-3-937654-80-5

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