Reportagen

VON CHEMNITZ NACH STOCKHOLM

Für den Abend des 13. September hatte die Chemnitzer Buchhandlung »Lessing und Kompanie«, im Chemnitzer Stadtteil Kaßberg, zur Buchvorstellung von Franz Cohns Buch »Wir leben weiter« mit dem Herausgeber Prof. Eberhard Görner eingeladen.

Buchhändler Klaus Kowalke begrüßte um 20 Uhr die Gäste und Prof. Eberhard Görner, der in Vertretung des heute in Stockholm lebenden 91jährigen Autors Franz Cohn, aus dem Buch lesen wollte.

Görner erinnerte zunächst daran, dass Franz Cohn am 18. März 1927 in der Eulitzstraße 13 im Chemnitzer Stadtteil Kaßberg geboren wurde, dass sein Vater ein promovierter Rechtsanwalt war und seine Mutter Pianistin, und dass er seine Kindheit in einer von anspruchsvoller deutscher Literatur und klassischer Hausmusik bereicherten Familienathmosphäre aufwuchs. Sein Vater hatte im Ersten Weltkrieg für sein Heimatland das Leben riskiert und war als Offizier mit hohen militärischen Auszeichnungen heimgekehrt. Der Vater weigerte sich zur Kenntnis zu nehmen, dass man seiner Familie ab 1933 die Teilhabe an der Kultur seines Vaterlandes zunehmend verweigerte. In letzter Minute konnten die Eltern ihre Kinder ins Ausland schicken. Sie selbst reisten 1940 zu einem Verwandten, der in Norwegen wohnte. Hier blendete Görner einen Hörbuch-Ausschnitt ein. In der von einer schwedischen Melodie geprägten Originalstimme Franz Cohns hörten die Gäste, wie dieser die Verhaftung seiner Eltern durch die norwegische Staatspolizei und deren Auslieferung an Deutschland wie deren Deportation und Ermordung in Auschwitz zur Sprache brachte.

Darauf las Görner einen Abschnitt aus dem Buch, in den Franz Cohn seine Ausreise per »Kindertransport« nach Schweden im Jahre 1939 beschreibt. Der Zwölfjährige wurde in Stockholm von der Familie seines Onkels, Gottfried Bermann-Fischer, aufgenommen. Der Onkel, Schwiegersohn und Nachfolger der Verlegerlegende Samuel Fischer, hatte den jüdischen Kulturverlag S. Fischer mit seinen internationalen Autoren 1936 nach Wien und von dort Ende 1938 nach Stockholm geführt. Er musste einen Teil der Autoren im Fischer Verlag in Deutschland zurücklassen, große Verluste an Verlagsvermögen hinnehmen, den Geist des Verlages vermochte er aber über alle Grenzen hinweg und unter immer neuen Arbeitsbedingungen zu bewahren. Wir können den Druck der zu lösenden Probleme nur ahnen. Dennoch sorgten Gottfried Bermann-Fischer und seine Frau für die Rettung und Aufnahme zahlreicher in Deutschland und Österreich zurückgebliebener jüdischer Mitarbeiter, Bekannter und Verwandter. Seinen Neffen nahm Gottfried Bermann-Fischer von Anfang an so ernst, wie einen Erwachsenen. Görner zitierte den Abschnitt, in dem der Verleger seinen Neffen aus Anlass dessen 12. Geburtstages in ein bekanntes Stockholmer Restaurant einlud. Unter vier Augen weihte ihn der große Verleger in die genauen Umstände seiner Flucht aus Deutschland und Österreich und seine verlegerischen Pläne ein. Auch in späteren Jahren erinnert sich Gottfried Bermann-Fischer in seinen Memoiren immer wieder an seinen Chemnitzer Neffen. Und es ist kein Zufall, dass die Titelseite der Erinnerungen Franz Cohns wiederum eine Plastik seines Onkels Gottfried Bermann-Fischer zeigt.

Eberhard Görner spielte an dieser Stelle seinen Interviewfilm mit Gottfried Bermann-Fischer (MDR/ORF 1994) ein. Die Sprache Bermann-Fischers weckte in uns die Erinnerung an schwere Jahre und weltgeschichtliche Größe. Nirgends erkennt man die Größe eines Menschen besser als in seinem Verhalten in Krisensituationen. Am Ende des Filmes erinnert der Verleger an eine Situation, in der sein wichtigster Autor Thomas Mann zweifelte, ob der S. Fischer Verlag, angesichts der Exilierung, noch der richtige Verlag für ihn sei. Der folgende Höhepunkt des Filmes ist bezeichnend für seine Größe. Er zitiert den Versöhnungsbrief Thomas Manns vom 27. Dezember 1939, in dem dieser formuliert, dass die Zivilisation in der Person seines Verlegers ihren Sitz habe, er sei nicht umzubringen, und wenn nach Berlin und Wien auch Stockholm auffliege, so würden er es in London oder New York oder Neuseeland ebenso distinguiert weitertreiben und auch seinen nächsten Roman wieder aufs feinste herausbringen. Mit diesen Worten Gottfried Bermann-Fischers und einer kleinen Diskussion endete der anregende Abend.

Kommentar

Dem umtriebigen Herausgeber des Buches und dem engagierten Buchhändlerpaar ist es zu danken, dass Veranstaltungen zu solchen Themen überhaupt möglich sind. Die Erinnerungen Franz Cohns an seine Geburtsstadt und seine Vertreibung sind interessant. Die Rettung durch seinen Onkel Gottfried Bermann-Fischer lässt uns die Verbindung der individuellen Geschichte des Chemnitzer Jungen zur allgemeinen Weltgeschichte nachvollziehen. Einerseits im tragischen Verlust seiner Eltern und vieler Verwandter. Andererseits in der Begegnung mit dem Strategen des jüdischen Kulturverlages Fischer. Allein die Tatsache, dass ein solcher Verlag aus Deutschland vertrieben wurde, deutet den Umfang des kulturellen Verlustes an, den Deutschland von 1933–45 erfuhr. Zugleich ermöglichte Gottfried Bermann Fischer durch alle Schwierigkeiten hinweg dem großen Philosophen und Literaten Thomas Mann die Publikationstätigkeit. Eben dieser Thomas Mann verwarf in der Auseinandersetzung mit dem SS-Staat (Eugen Kogon) nicht die deutsche Kultur, wie es viele kluge Leute taten, sondern er machte die Anmaßung und das »falsche Deutschtum« der Hochstapler in Berlin deutlich. Doch damit nicht genug, Thomas Mann entwarf die Grundzüge einer Nachkriegs-Politik für eine deutsche Kulturnation in Europa. Deutsche Kultur war für ihn im Wesen Zivilisiertheit. (Vgl. http://www.mironde.com/litterata/7239/reportagen/volker-caysa-zeit-in-gedanken-gefasst). Thomas Mann hob die deutsche Kultur hervor, weil man das eigene Selbstbewusstsein benötigt, wenn man die aus der Zivilisiertheit erwachsende Funktion einer Kulturbrücke in Europa, zwischen Nord und Süd, West und Ost erfüllen will. (»Interkulturelle Kompetenz bedarf der kulturellen Kompetenz« – Matthias Theodor Vogt.) In Deutschland setzten sich 1945 andere Interessen durch. Aber Wien war bereits 1936 Zufluchtsort für den Fischer Verlag und 1945 erfolgte der Neustart auch in dieser Stadt. Das kleine Österreich praktizierte ab 1955 und noch mehr seit 1990 die Politik einer Kulturnation in Europa.

Große Teile des kulturellen Erbes des S. Fischer Verlages sind in Deutschland also immer noch unabgegolten, wie es Ernst Bloch formuliert hätte. Insofern war das Interessante an der Veranstaltung, dass der Blick zurück mit einem nach vorn verbunden wurde. Nochmals vielen Dank!

Johannes Eichenthal

Information

www.lessingundkompanie.de

Die nächste Vorstellung des Buches von Franz Cohn in Chemnitz wird am 9. November, um 19.00 Uhr, im Sächsischen Museum für Archäologie (Gebäude des ehemaligen Schocken-Kaufhauses, Architekt Erich Mendelssohn) stattfinden.

Franz Cohn: Wir leben weiter. Die Geschichte einer Familie. 14,0 × 20,5 cm, 120 Seiten, fester Einband, Klebebindung, Vorsatz, Nachsatz, runder Rücken, zahlreiche s/w-Abbildungen und Fotografien VP 12,50 €

ISBN 978-3-96063-005-0

Beziehbar über jede Buchhandlung oder direkt vom Verlag www.mironde.com

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