Reportagen

Der Mythos Bernsteinzimmer lebt

Am Sonnabend, dem 15. Oktober 2011, trat der Historiker-Arbeitskreis des Heimatvereins Niederfrohna zu seiner Jahrestagung zusammen, um den Jahresband 2011 unter dem Titel »Verlagerter Krieg« vorzustellen. Man hatte sich auch dieses Mal einen Gast eingeladen. Mario Ulbrich stellte sein neues Buch »Rätselhafter Poppenwald« vor. Der erfahrene Journalist der Chemnitzer Tageszeitung »Freie Presse« legte eine gründlich recherchierte Zusammenfassung heutiger Erkenntnisse und Vermutung über den Verbleib des legendären »Bernsteinzimmers« vor.

An Hand zahlreicher projizierter Abbildungen erläuterte Mario Ulbrich dem fachkundigen Publikum Hintergründe und Details. Ausgangspunkt der Überlegung war der Vormarsch des Expeditionskorps der US-Armee. Es fehlt bis heute eine allgemein anerkannte Erklärung für das schnellen Vordringen des XX. Armeekorps nach Sachsen. Die Aufgabe Berlins als Hauptziel und das 90-Grad-Einschwenken auf den Raum Erfurt-Leipzig als neues Hauptziel, welches General Omar Bradley am 30.3.1945 auf der Höhe von Kassel befahl, ist bis heute in der Militärgeschichte ohne Beispiel und nicht sachlich nachvollziehbar.

Einheiten der 3. US-Armee, die 4. Panzerdivision und die 80. Infanteriedivision, kamen bereits in der Nacht vom 13. zum 14. April 1945 in Niederfrohna an, rückten am 14. April aber nur noch bis zur Linie der Autobahn A 72 vor. Das Gebiet der Amtshauptmannschaft Schwarzenberg blieb unbesetzt. Spezialeinheiten der US-Armee drangen zwar in das Gebiet ein, es erfolgten danach auch gezielte Jagdbomberangriffe, aber letztlich blieb die Amtshauptmannschaft bis zur Ankunft der Roten Armee im Mai 1945 unbesetzt. Der »Poppenwald« lag im Zentrum der Amtshauptmannschaft.

In Stefan Heyms Roman »Schwarzenberg« entstand die Nichtbesetzung durch das Werfen einer Münze im Stab der US-Armee. Im allgemeinen war so etwas in dieser Armee vielleicht denkbar, in unserem Falle aber mit Sicherheit nicht.

Im »Poppenwald« wurden im März und April 1945 allerhand geheime Aktionen beobachtet. Dieser »Poppenwald« bildet seither die Matrix für Vermutungen, Gerüchte und Spekulationen. Dem Anschein nach drückt der Mythos, dass im »Poppenwald« das legendäre »Bernsteinzimmer« versteckt wurde, den Zusammenhang aller dieser Vermutungen und Spekulationen konzentriert aus.

Mario Ulbrich geht in seinem Buch systematisch vor. Ausgehend von einem bis heute unaufgeklärtem Mord an einer Frau, die 1945 sowohl mit Wehrmachtsoffizieren als auch danach mit sowjetischen Offizieren verkehrte, rückt Ulbrich dem Mythos Bernsteinzimmer zu Leibe. Er geht ausführlich auf Suchaktionen ein, die seit 1990 im Poppenwald anliefen. Erwachsene Männer widmeten sich jahrelang der aufwändigen Suche. Schweres Gerät kam zum Einsatz. Tausende Euro wurden auf private Rechnung bislang »ver-sucht«: ohne Ergebnis. Ulbrich geht auf in Bäume geritzte mögliche Botschaften ein. Er verweist auf einen ehemaligen SS-Mann, der ausgerechnet als Sprengmeister bei der Wismut AG arbeitete, und zu »Ausbildungszwecken« gezielte Sprengungen im Poppenwald vornahm. Zudem soll dieser Sprengmeister Schiffs-Konstruktionszeichnungen angefertigt haben, obwohl er von Schiffen keine Ahnung hatte. Waren das getarnte Landkarten? Die Freimaurer und der Sächsische Prinzenraub kommen ins Spiel. Höhlen und alte Stollen werden aufgesucht …

 

Dem Zuhörer wurde am Ende die Sache nicht klarer. Im Gegenteil. Die vielen Namen, Zahlen und Theorien verwirrten unser Gehirn gründlich. Aber Mario Ulbrich hat auch nicht den Anspruch das Rätsel gelöst zu haben. Ein Mythos ist ein Mythos. Mit Fakten, sie mögen zutreffend sein oder nicht, kann man keinen Mythos dekonstruieren. Aber er bietet uns einen Ersatz. In seinem Buch findet sich eine Wanderkarte. Alle wichtigen Punkte im Poppenwald sind dort verzeichnet, auch mit GPS-Daten versehen. So können wir uns selbst ein Bild von diesem dunklen, mysteriösen, geheimnisumwitterten Wald machen. Man sollte aber vielleicht niemals allein in diesen Wald …

 

Dr. Andreas Eichler, der Vorsitzende des Heimatvereins Niederfrohna e.V. dankte Mario Ulbrich für seine interessanten Ausführungen.

Der Vorsitzende des Heimatvereins stellte den Jahresband 2011 vor: »Verlagerter Krieg. Umstellung der Industrie auf Rüstungsproduktion im Bereich des Rüstungskommandos Chemnitz während des zweiten Weltkrieges.« Der vorbildlich nüchtere Einführungsartikel stamme von Jens Hummel. Dieser habe erstmals die Tätigkeit des Rüstungskommandos recherchiert. Werner Ulbrich habe die Umstellung auf Rüstungsproduktion in Glauchau untersucht. Horst Kühnert thematisierte den Einsatz von Zwangsarbeiterinnen in Mittweida. Hier wurden 1944/45 noch ungarische Jüdinnen aus dem KZ-Auschwitz zum Einsatz in der Rüstungsindustrie herangeholt. Horst Kühnert fotografierte auch die letzte Baracke, die mitten in Mittweida an diese Ereignisse erinnert. Christoph Ehrhardt verwies darauf, dass in Grüna im Zusammenhang mit den 4-Jahresplänen Anfang der 1930er Jahre ein Textilbetrieb, der einheimischen Flachs verarbeitete, staatlich gefördert wurde. Gerhard Hofmann stellte eine überarbeitete Variante eines Artikels über einen deutsch-amerikanischen Konzern vor, dessen Rochlitzer Filiale den gesamten Krieg hindurch Fahrwerke für Militärflugzeuge herstellte. Hier wurden ebenfalls weibliche KZ-Häftlinge eingesetzt. Günter Eckhart stellte in einem thesenartigen Artikel verschiedene Indizien für Verschleierungen und Fälschungen im Rahmen der Verlagerung von geheimer Hochtechnologie-Rüstungsproduktion in unterirdische Produktionsräume vor. Es folgen zwei Interviews mit Zeitzeugen. Reiner Schlick berichtet über den Betrieb seiner Vorfahren, der in der Kriegszeit vom Rüstungskommando in Leipzig, unter Androhung des Einsatz eines Kommissarischen Leiters, zur Übernahme von Rüstungs-Zulieferungen gezwungen wurde. Nach dem Krieg nahm die neuen Behörden diese Zulieferungen zum Anlass für die Enteignung. Werner Dietz berichtet über seine Festnahme im Jugendalter unter »Werwolfverdacht« und seine Inhaftierung. Im Lager Buchenwald traf er mit dem bekannten Schwarzenberger Waschmaschinen-Fabrikanten Friedrich Emil Krauß zusammen. Dieser ältere Häftling, der ebenfalls wegen der Rüstungs-Zulieferung inhaftiert war, machte dem jungen Mann damals immer wieder Überlebensmut.

Zum Abschluss habe Andreas Eichler das neue Buch von Rolf-Dieter Müller »Der Feind im Osten. Hitlers geheime Pläne für einen Krieg gegen die Sowjetunion im Jahre 1939 rezensiert. (Christoph Links-Verlag 2011, ISBN 978-3-86153-617-8) Der Autor zeige, dass ab 1933 der Krieg im Osten vorbereitet wurde, dass die fehlenden industriellen Kapazitäten für den Krieg mit Hochdruck aufgebaut wurden, dass ab 1933 bereits alles dem künftigen Krieg untergeordnet wurde.

Abschließend betonte der Heimatvereinsvorsitzende, dass es für die Gemeinde eine große Ehre sei, dass die Buchpremiere von Mario Ulbrich in Niederfrohna stattfinden durfte. Er fügte an, dass mit dieser Veranstaltung der Reigen einer ganzen Serie weiterer Veranstaltungen zum Abschluss des Festjahres zur 775. Jahrestag der Ersterwähnung von Frohna sei. Bereits am Mittwoch, dem 19. Oktober, wird die renommierte Münchner Publizistin Gunna Wendt, um 19 Uhr im Saal des Rathauses, unter dem Titel »Von Karlstadt zu Callas« aus ihren Frauen-Biographien lesen. Schließlich werden am 3. November Prof. Eberhard Görner und Gojko Mitic zum 300. Geburtstag des Auswanderer-Pfarrers Melchior-Heinrich Mühlenberg über dessen Leben in Nordamerika berichten.

Johannes Eichenthal

Fotos von Heinz Hammer

 

Information

Zu weiteren Veranstaltungen in Niederfrohna: www.niederfrohna.de

Mario Ulbrich: Rätselhafter Poppenwald. Chemnitzer Verlag 2011.

ISBN ISBN 978-3-937025-78-0

www.chemnitzer-verlag.de

 

Andreas Eichler (Hrsg.): Verlagerter Krieg. Umstellung der Industrie auf Rüstungsproduktion im Bereich des Rüstungskommandos Chemnitz während des Zweiten Weltkrieges. Mironde-Verlag. ISBN 978-3-937654-68-3

www.mironde.com

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