Reportagen

ZÜNDBLÄTTCHEN 100

Am 6. Juni wurde in der Evangelischen Akademie Meißen eine Ausstellung anlässlich des Erscheinens der 100. Ausgabe der Kunst- und Literaturzeitschrift »Das Zündblättchen« eröffnet.

Der 6. Juni begann regnerisch, wandelte sich aber am Nachmittag noch zu einem sonnigen Frühsommertag. Die Bundesautobahn 4 in Richtung Dresden war nur schwach befahren. Die Parkplätze allerdings dicht gedrängt von LKW aus Polen und Litauen belegt. Über die Bundesstraße 101 ging es hinab ins Elbtal. In Meißen herrschte eine sommerliche Atmosphäre. Man saß auf den Terrassenstühlen der Gaststätten in der Sonne und genoss dem Anschein nach Meißner Wein. 

Auf halber Höhe des Burgberges befindet sich die Evangelische Akademie. Sie ist im Gebäudekomplex des ehemaligen Augustiner Chorherrenstiftes St. Afra untergebracht. Dieses wurde im Jahre 1205 gegründet.

Der Hof des ehemaligen Klosters.

Eine Skulptur erinnert an den Ausnahme-Kurfürsten Moritz von Sachsen.

Die Steine zeugen von der Historizität dieses besonderen Ortes.

Im Kreuzgang ist eine Ausstellung mit Bildwerken aus den 100 Zündblättchen-Ausgaben zu sehen.

In den Scheiben der Bilderrahmen spiegelte sich der Kreuzganggarten.

Für die Ausstellungseröffnung war ein Raum gemäß der geltenden Bestimmungen vorbereitet worden. Die zugelassenen 20 Besucher nahmen in Abständen Platz. Die Zeit für die Eröffnung war limitiert, um eine Lüftung des Raumes zu gewährleisten.

Pünktlich um 17 Uhr begrüßte Frau Dr. Kerstin Schimmel, die Studienleiterin für Kultur der Akademie, die Gäste, sie betonte, dass in der Zeit von Corona viel über Gastronomie und Autoindustrie geredete werde. Die Existenz der Künstler, Publizisten und Literaten sei jedoch genauso bedroht. Kultur sei durchaus »systemrelevant«. Ohne Kultur verarme des Leben. Deshalb habe sich die Akademie trotz aller Risiken dazu entschlossen, die Ausstellung zur 100. Ausgabe des »Zündblättchens« durchzuführen. Dr. Schimmel dankte dem Kunstverein Meißen für die Zusammenarbeit und stellte die beiden Kuratorinnen der Ausstellung vor: die in Dresden lebende Künstlerin Conny Cobra und die Zündblättchen-Herausgeberin Else Gold.

Die Laudatio auf das Zündblättchen hielt die Dichterin Undine Materni. Lange habe sie die Existenz dieser kleinen Zeitschrift für selbstverständlich gehalten. Als sie eher zufällig von der Geschichte der Zeitschrift und des Herstellungsortes »Goldgrund« erfuhr. Inzwischen bestehe ein fein gewebter Teppich mit Fäden, die in viele große Städte und kleine Dörfer führen. 

Die Dichterin Ulrike Gramann las anschließend den Text »Herrn Hörmanns Einladung. Ein Märchen aus dem vergangenen Jahrhundert«, mit dem sie in Ausgabe 100 vertreten ist.

Herausgeberin Else Gold dankte abschließend Wolfgang E. HerbstSilesius und Bettina Viktoria Hennig, ohne die die Zeitschrift nicht gegründet worden wäre. Sie dankte Wolfgang E. HerbstSilesius dafür, dass er sie bei der Herausgabe begleitet. Sie dankte den Künstlerinnen, Literatinnen, Künstlern und Literaten, die mit ihren Werken die Zeitschrift immer wieder neu gestalteten. Sie dankte den Leserinnen und Lesern für ihre Unterstützung. Und sie dankte den Partnern, die in den vergangenen Jahren Lesungen und Ausstellungen ermöglichten.

Anschließend eröffnete Else Gold die Ausstellung mit einem Rundgang.

Kommentar

Auf dem Heimweg sind die Autobahnparkplätze in der Gegenrichtung immer noch dicht gedrängt mit LKW aus Polen und Litauen belegt. Der Wind türmt am blauen Himmel immer wieder Wolkenberge um sie anschließend zu verwirbeln. Was hat sich in den letzten 20 Jahren nicht alles verändert. Aber seit mehr als 16 Jahren erscheint in Meißen alle zwei Monate eine kleine Zeitschrift mit dem Titel »Das Zündblättchen. Überelbsche Blätter für Kunst und Literatur.« Die Herausgeber brachten in all den Jahren ganz unterschiedliche Menschen aus allen Teilen Deutschlands und Europas zusammen. Sie eröffneten den Lesern immer wieder neue Perspektiven. Allein das Aufschneiden der Zeitschrift ist ein schönes Ritual. Auf zwei A4-Blättern ausgeschossen, gedruckt, gefaltet und mit einer Klammer geheftet. Einfach und genial.

Obwohl die Herausgeber aus der Handpressen-Szene kommen, Wolfgang E. Herbst ist Träger des renommierten Mainzer V.-O.-Stomps-Preises, ging es ihnen doch primär um die Veröffentlichung von Texten (Lyrik, Prosa, Essay) und Bildwerken (Grafiken, Kollagen, Holzschnitten, Zeichnungen u.a. Techniken). So darf es auch nicht verwundern, dass die Zeitschrift, die höchsten handwerklichen Ansprüchen genügt, inzwischen auf einem Laserdrucker gedruckt wird. Mir klingt noch Wolfgang E. HerbstSilesius‘ Satz in den Ohren »Viktor Otto Stomps wäre auf Computersatz umgestiegen.«. Es geht den Herausgebern nicht um Musealisierung eines Handwerkes, sondern um die Verbindung von handwerklichen Grundsätzen mit moderner Technik, um Öffentlichkeit herzustellen. Damit gelingt ihnen die Verständigung zwischen Menschen, die sich eigentlich mehrheitlich als »Individualisten« betrachten. Diese Brückenfunktion ist es, die die Zeitschrift auszeichnet. Doch nicht genug. Gewissermaßen als i-Punkt kommt noch die Möglichkeit des »zündenden Gedankens«, des »Gedankenblitzes«, hinzu, der bei uns Leserinnen und Lesern einschlagen kann, und unser Leben erhellt. Allerdings nur bei Geistes-Gewitter! Aber gehört das in unserer Zeit nicht schon in die Rubrik »Risiken und Nebenwirkungen«?

Johannes Eichenthal

Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.

Information

Das Zündblättchen Nr. 100. Text: Ulrike Gramann: Herrn Hörmanns Einladung. Fotografik Else Gold. Edition Dreizeichen Meissen 2020. ISSSN 1866-1726. VP 1,50 Euro

Bestellmöglichkeit elesegold@aol.com

Im Kunstverein Meißen sind alle 100 Zündblättchen zu sehen und zu erwerben.

www.kunstverein-meissen.de

Die Ausstellung im Kreuzgang der Akademie ist nur mit vorheriger Anmeldung möglich. Tel. 03521-4706-22

Zur Zeit ist die Ausstellung nur von wenigen Besuchern gleichzeitig zu besichtigen, bei weiteren Lockerungen von kleinen Gruppen, in den Geschäftszeiten 9−16 Uhr.

Anmeldungen zu Ausstellungs-Führungen: elesegold@aol.com

www.ev-akademie-meissen.de

Die Finisage findet am 26. September um 16 Uhr statt.

Wortlaut der Laudatio von Undine Materni

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste, liebe Else Gold, liebe Conny Cobra, liebe Kerstin Schimmel,

ich bin froh, dass das kulturelle Leben wieder in Bewegung gerät, dass es wieder Begegnungen gibt, ohne die es in den vergangenen Wochen recht schwierig geworden war, kreativ zu sein und sich lebendig zu fühlen. In dieser Woche bin ich bereits das dritte Mal in Meißen, um feine Dinge zu tun oder zu sagen. 

Letztes Jahr, Ende August, feierten wir in der Kreativen Werkstatt in Dresden das 90. Zündblättchen, heute sind es wieder 10 mehr und das ist wunderbar. Hundert Freuden ist der Titel einer Gedichtsammlung der polnischen Dichterin Wisława Szymborska, die mir ein lieber Freund zum letzten Weihnachtsfest geschenkt hat, ich bin sicher, sie würde diesen Titel auch gern mit dieser Ausstellung teilen.

Gern erinnere ich mich an das große Fest in den Räumen der Albrechtsburg als das Zündblättchen zehn Jahre in der Welt war und es eine große Ausstellung der am Zündblättchen beteiligten Künstlerinnen und Künstler gab, dazu Lesungen an diesem wunderbaren Ort wie auch im Kunstverein Meißen und hier, wo ein literarisches Picknick mit den anwesenden Künstlerinnen und Künstlern, Autorinnen und Autoren und vielen Gästen einen herzerwärmenden Abschluss bildete. Heute sollen wir Abstand halten, aber nur äußerlich, denn dieses kleine literarisch-künstlerische Heft verbindet uns alle, die wir hier sind oder auch nicht hier sind.

Damals, das will ich an dieser Stelle gestehen und ich glaube, dass es dem einen oder der anderen hier im Raum ähnlich geht, wusste ich nichts über die Anfänge des Zündblättchens, da es so lebendig und gegenwärtig war, dass es einfach keinen Grund gab, in die Vergangenheit zu schauen. Das habe ich erst im letzten Jahr in einem langen Gespräch mit Else Gold gemacht und es war eines dieser Gespräche, das seine Finger in alle Richtungen ausstreckt, so dass die Wände verschwinden und die Decke sowieso …

Kennen Sie das? Dass man bestimmte Dinge für selbstverständlich hält und deshalb nicht danach fragt? Und wie wunderbar erhellend es dann ist, wenn man es trotzdem getan hat? Warum heißt das Zündblättchen eben so und nicht anders? Natürlich hat das auch zweifellos auch metaphorische Gründe, aber wer Else Gold und Wolfgang E. HerbstSilesius kennt, der kann sicher sein, dass sie für so einen Titel durchaus handfeste – im Sinne des Wortes – Gründe hatten. Gern würde ich jetzt das Zündblättchen Nr. 40 aufschlagen und Ihnen die Geschichte des Goldgrundes, wo Else Gold und ihr Gefährte Wolfgang zu Hause sind, vorlesen, aber ich fürchte, das würde Ihre Geduld etwas überstrapazieren. Besser, Sie schnappen sich nachher das Heftchen und lesen selbst. Nur kurz: Im Goldgrund wurde unter anderem im Goldgrundbach nach Gold gesucht, zur Goldgrube wurde er aber erst, als hier 1844 die Firma Bickford & Co Land erwarb, um dort schwarzpulvergefüllte Sicherheitszündschnüre herzustellen, die »eine genau definierte Abbrenndauer“ garantierten. In seinem lesenswerten Text schreibt der beherzte Historiker Günter Naumann: »Die Goldkörner aus dem Goldbach sind seit Jahrhunderten Legende, und die goldenen Zeiten für das gewerbliche Leben im Goldgrund sind spätestens 1990 zu Ende gegangen. Wer allerdings in Kunstwerken Goldkörner zu sehen vermag, der wird heute im Goldgrund wieder fündig.“

Das Zündblättchen hatte jetzt seinen Namen und erscheint nun seit Januar 2004 als Kunst- und Literaturzeitschrift im Format A6 in der Edition Dreizeichen: Die drei sind der Maler, Grafiker und Poet Wolfgang E. HerbstSilesius, die Objektkünstlerin Else Gold und anfangs auch die Verlegerin Bettina Victoria Hennig. Gedruckt wird auf einem A3-Bogen in schwarz-weiß auf Ökopapier, zuerst auf einem Risographen – einer umweltfreundlichen, japanischen Originaldruckmaschine, die kleine Auflagen ohne Ozonverpestung, Tonergift und Standby-Verschwendung zu drucken vermag. Später dann kommt ein Laserdrucker zum Einsatz. Und immer ist, wie in guten Büchern üblich, die Schriftart vermerkt, die im Zusammenspiel mit den künstlerischen Arbeiten variiert.

Wolfgang und Else sind zwei Künstler, die die Dinge anfassen müssen, um zu begreifen. Und so geht jedes der 500 Exemplare einer Ausgabe durch Elses Hände. Sie falzt und klammert, schneidet Reifen zu Gummibändern. In einem Jahr erscheinen sechs Hefte.

Die Nr. 1 des Zündblättchens vereint Texte von Olaf Stoy mit Maus-Zeichnungen von Wolfgang E. HerbstSilesius. Fragt man Else Gold beispielsweise nach dem Zündblättchen der Nummer 17 – hat sie die Namen parat und natürlich auch eine Geschichte. Heften Sie sich also nachher an ihre Fersen und lassen Sie sich diese Geschichten erzählen. Ja, und dann sind da noch diese Ketten mit Kugeln, die Else gern trägt, jede dieser Kugeln stammt aus einem Zündblättchen und Else weiß genau, welches es ist …

Inzwischen ist ein feingewebter Teppich von Autorinnen und Autoren, Künstlerinnen und Künstlern und natürlich Leserinnen und Lesern entstanden, die Fäden von Meißen reichen bis nach Gera, Sydney, Hartha, Paris, München, Bochum, Stuttgart, Johanngeorgenstadt und viele andere große Städte und kleine Dörfer in der Nähe wie Ferne.

Else Gold sagt, die Dinge kommen ihr entgegen, sie muss sie nicht suchen. Dann geht es darum, dass sie sich fügen, zusammenpassen: Die Texte und die künstlerischen Arbeiten und das nicht im Sinne gefälliger Illustrationen, das wäre zu einfach – im besten Falle korrespondieren sie, erweitern, umkreisen das Sinn- und poetische Gefüge. 

In diesem kleinen Format stecken also ganze Welten. Lassen Sie sich einladen, diese für Augenblicke zu betreten. Ist es doch so, wie der wunderbare Konstantin Wecker schreibt:

Jeder Augenblick ist ewig,

wenn du ihn zu nehmen weißt –

ist ein Vers, der unaufhörlich

Leben, Welt und Dasein preist.

Alles wendet sich und endet

und verliert sich in der Zeit.

Nur der Augenblick ist immer.

Gib dich hin und sei bereit!

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