Reportagen

ROSINA SCHNORR – WIRTSCHAFT UND KULTUR

Der 14. August war ein schwüler Hochsommertag. Die Autobahn in Richtung Dresden ist dicht befahren. Dann der erste Stau – doch es war nur ein Rückstau an der Ausfahrt Richtung Freiberg. Die Navigationssystem hatte dem Anschein nach zum Verlassen der Autobahn geraten. Dann der wirkliche Stau vor der Einmündung der A 14 aus Richtung Leipzig. Mitunter LKW auf zwei Spuren. In Schrittgeschwindigkeit geht es ab und zu einige Meter voran. Auf dem von LKW völlig überfüllten Parkplatz dominierten schwüle Hitze, vertrocknete Grasflächen und dennoch freundliche Menschen.

Endlich weiterfahren. Das Einfädeln der Fahrzeuge aus Richtung Leipzig – die neuralgische Stelle. Innerhalb weniger Kilometer löste sich danach der Stau in Luft auf. Mit etwas Glück kamen wir noch zum Veranstaltungsbeginn in Dresden an. Wir legten die Gesichtsmasken an und desinfizierten unsere Hände.

Im Festsaal des Lingnerschlosses begrüßt die Sprecherin des Fördervereins voller Freude den Autor und Filmemacher Prof. Eberhard Görner zu einer Lesung aus dessen neuem Buch »Rosina Schnorr«.

Eberhard Görner beginnt nach zwei drei erklärenden Sätzen mit der Lesung einzelner Passagen – von der Hochzeit Rosina Hübners (1618–1679) mit dem Bergbau- und Hüttenunternehmer Veit Hans Schnorr (1614–1664) im Schneeberg des Jahres 1636, der Beschreibung der glücklichen Ehe, einem Schwenk nach Moskau, wo der sterbende Zar seinem 16jährigen Sohn Alexej die Stärkung von Handwerk und Bergbau im bäuerlich geprägten Russland ans Herz legte, einer Blende auf die Leipziger Ostermesse 1648 und der Entführung Veit Hans Schnorrs nach Russland, der Übernahme des Unternehmens in Schneeberg durch Rosina Schnorr, den Briefen des Ehemanns, die nie in Schneeberg ankamen, der Aufnahme von acht verwaisten Neffen und Nichten aus Hamburg und der Stiftung eines Waisenhauses durch Rosina, der Flucht Hans Veits aus dem Ural bis hin zum Tod Rosinas in Schneeberg – legt er dem Publikum den »roten Faden« des Buches vor.

Nach dem herzlichen Beifall der dankbaren Zuhörer fügte Eberhard Görner an, dass die Geschichte der Familie Schnorr europäische Geschichte exemplarisch sichtbar mache. Rosinas Sohn Veit Hans Schnorr (1644–1715) lieferte das Kaolin nach Dresden, mit dem Ehrenfried Walther von Tschirnhaus das erste Hartporzellangefäß im Oktober 1708 brannte. Die Familie wurde mit der Herrschaft Carlsfeld belehnt und nannte sich fortan Schnorr von Carolsfeld.

Die Leistungsfähigkeit des sächsischen Bergbaus war bereits mit den Schriften Georgius Agricolas (1494–1555) über Bergbau und Hüttenwesen in ganz Europa bekannt geworden, sicher auch in Russland. Von daher sind die Entführungs- und Abwerbungsversuche der russischen Seite erklärbar. Zar Alexeijs Sohn Pjotr Alexejewitsch Romanow (1672–1725) – Peter I., der Große – einigte sich jedoch mit den sächsischen Kurfürsten und unterband bisherige Kopfjäger-Praktiken. Statt dessen informiert er sich 1698 persönlich in Freiberg über den Stand der Geowissenschaft und der Bergbautechnik. Zwei Jahre später besuchte eine Freiberger Delegation unter Berghauptmann von Carlowitz Russland. 1706 kam der erste russische Student nach Freiberg. 1711 besuchte Peter I. erneut Freiberg. 1725 wurde in Petersburg die Akademie der Wissenschaften gegründet. Der berühmte Petersburger Wissenschaftler Michail Wassiljewitsch Lomonossow (1711–1765) besuchte im Auftrag der Akademie 1739/40 Freiberg. Die Zahl der russischen Studenten, die ihre Ausbildung seither in Freiberg absolvierten, dürfte im vierstelligen Bereich liegen.

Peter war der Begründer der Öffnung Russlands, dass sich bis dahin als Nachfolger von Byzanz als »drittes Rom« zum Orient und nach Asien orientiert hatte, nach Westeuropa. Wissenschaftlicher Austausch und Handelsbeziehungen wurden auf seine Initiative zu beiderseitigem Nutzen betrieben. 

Auf Einladung von Hartmut Schnorr von Carolsfeld habe er 2019 auf einer Veranstaltungen in Moskau zum 330. Jubiläum der »Präsenz des Unternehmens Schnorr in Russland«, einige Kapitel seines Romans vorgetragen, und sei damit auf große Resonanz gestoßen.

Der Förderverein Lingnerschloss dankte Eberhard Görner für seine Lesung und den differenzierten Blick auf unser kulturelles Erbe.

Kommentar

Als wir den Festsaal und das Lingnerschloss verließen nahmen wir den einsetzenden Sommerregen dankbar auf. Ein Gewitter hatte die Luftdruckgegensätze gelöst. 

Auf der Heimfahrt ging uns alles nocheinmal durch den Kopf. Das Lingnerschloss hat eine eng mit der Zeit verflochtene Geschichte. 1850/53 nach Plänen des Berliner Architekten Adolph Lohse im Auftrag des Prinzen Albrecht von Hohenzollern errichtet, ab 1906 nach Plänen des Architekten Wilhelm Kreis im Auftrag des Odol-Erfinders Karl August Lingner umgestaltet, 1916 testamentarisch der Stadt Dresden übergeben, nach 1945 kurzzeitig Sitz der sowjetischen Militärbehörde, später Studentenwohnheim, ab 1957 Umbauten und mit maßgeblicher Unterstützung des Physikers und Erfinders Manfred von Ardenne Nutzung als Treffpunkt für Dresdner Intellektuelle unter dem Namen »Dresdner Klub«. 

Von 1993 bis 2003 stand der Gebäudekomplex leer. 2002 gründete sich der Förderverein Lingnerschloss und 2003 schloss der Verein einen Erbbaupachtvertrag mit der Stadtverwaltung ab. Der Förderverein Lingnerschloss e.V. versucht seit 1993 die denkmalgerechte Sanierung des Gebäudekomplexes und den Veranstaltungsbetrieb im Sinne kultureller Vielfalt und Weltoffenheit zu befördern. In diesem Lichte kam auch die Einladung Eberhard Görners zustande. Für die langjährige Kulturarbeit gebührt dem Förderverein und seinem Vorsitzenden Dr. Peter Lenk großer Dank. 

Die Zuhörer an diesem Abend, vorwiegend in mittlerem und höherem Alter, waren vom Vortrag Eberhard Görners begeistert. Für junge Menschen ist eine seriöse Buchlesung dem Anschein nach kein Ziel mehr. Warum ist das so? Hat es etwas mit der Digitalisierung zu tun? Oder mit der geistigen Situation unserer Zeit? Oder mit beiden oder mit keinem von beiden?

Die Geschichte, die Eberhard Görner erzählt, bietet für Dresden jede Menge Anknüpfungspunkte, nicht nur in Sachen Porzellan und Kaolin. Einige Mitglieder der Familie Schnorr von Carolsfeld wurden Musiker oder Maler. Julius Schnorr von Carolsfeld (1794−1872) verkehrte zum Beispiel 1808 im Haus der Familie des Malers Gerhard von Kügelgen (1772−1811), in dem sich die junge romantische Intelligenz traf. Einige Stammgäste waren Gotthilf Heinrich Schubert (1763−1860), Adam Oehlenschläger (1779−1850), Moritz von Engelhardt (1779−1842), Karl von Raumer (1783−1865), Karl Ludwig Fernow (1763−1808), Johann Gottfried Seume (1763−1810), Friedrich Wilhelm Thiersch (1784−1860), Caspar David Friedrich (1774−1840) und Peter Cornelius (1783−1867).

Wo trifft sich eigentlich die junge Intelligenz heute?

Clara Schwarzenwald

Information

Buch

Eberhard Görner: Das Leben der Rosina Schnorr. Chemnitzer Verlag 2020. 

ISBN 9783944509747

Weitere Lesungen:

5. September 2020 Schneeberg

23. Oktober 2020 Niederfrohna

Lingnerschloss

www.lingnerschloss.de

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