Rezension

Nietzsches Leiden in N.

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Die Landesschule Pforta bei Naumburg

Denkt man an Naumburg, eine der kulturellen Hauptstädte Mitteldeutschlands, dann denkt man natürlich sofort an Friedrich Nietzsche und die Stifterfiguren im Naumburger Dom, insbesondere an Uta und Ekkehard und natürlich fehlen die nicht in dem kleinen und ästhetisch anspruchsvollen Band von Rüdiger Görner mit dem Titel »Die Leiden des N. Eine Naumburger Trilogie.«

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Gegründet wurde das Ensemble von Pforta 1136 als Zisterzienserkloster St. Marien. Nach Georg Dehio ist es das erste Zisterzienser-Kloster mit voller Ausprägung in Deutschland

 

Rüdiger Görner selbst ist einer der wichtigen deutschen Literaturwissenschaftler mit ausgesprochenem Sinn für Philosophie, Musik und Poesie. Das ist heute unter den Germanisten nicht mehr allzuoft anzutreffen. Er selbst hat sich mit Büchern zu Rilke, Kleist, Stefan Zweig, Goethe und Trakl in der Germanistik hervorgetan. Immer wieder trat er aber auch selbst mit poetischen Publikationen auf.

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Die Zisterzienser vermittelte das geistliche, geistige, wissenschaftliche, technische und technologische Wissen der Antike und begründeten, gemäß der geographischen Lage, die kulturelle Brückenfunktion Mitteldeutschlands in Europa. Ab 1543 führte die Fürstenschule Pforta diese Mission weiter. Friedrich Gottlob Klopstock, Johann Gottlieb Fichte, Richard Karl Lepsius und Friedrich Nietzsche sind ihre vielleicht bekanntesten Schüler

 

Görners hier vorliegende Naumburger Trilogie ist eine Art historisches Gedicht, das uns das andere Naumburg oder besser gesagt die neben Nietzsche und Uta vernachlässigten Naumburger Geistesgrößen vorführt. Darunter zählen Zacharias Hildebrandt (1688–1757) und Karl Richard Lepsius (1810–1884). Hildebrandt war Meisterschüler von Gottfried Silbermann und gut bekannt mit Johann Sebastian Bach. Von 1743 bis 1746 baute er eine der wohlklingendsten Orgeln in Mitteldeutschland, nämlich die in St. Wenzel in Naumburg, die dann am 27. September 1746 von Silbermann und Bach abgenommen wurde. Historisch genau und mit biographischer Fantasie verdichtet Görner dieses Ereignis, das zwischen protestantischem Größenwahn und göttlicher Hybris bis in seine Entstehung hinein, anzusiedeln ist. Mit den Worten: »Wie kühn, wie eigen.« – verdichtet Görner den Anspruch des Orgelbaus und sie ist ja tatsächlich ein Konkurrenzunternehmen zu Ekkehard und Uta. Aber diese Kühnheit und Eigensinnigkeit ist auch dem Ägyptologen Karl Richard Lepsius eigen. Lepsius verbindet mit Naumburg, dass er Sohn eines Naumburger Landrates war, v.a. aber besuchte er von 1823–1829 die Landesschule in Pforta und gehört also zu deren großen Schülern. Er tat sich dadurch hervor, dass ihm als einer der ersten eine vollständige Entzifferung der Hieroglyphen gelang und dass er der deutschen Ägyptologie eine sichere wissenschaftliche und institutionelle Basis schuf. Entscheidend dafür war die preußische Expedition nach Ägypten 1842–1845, mit dessen Leitung ihn der preußische König Friedrich Wilhelm IV. beauftragte. Auch hier ist Görners Dichtung nicht nur historisch präzise, sondern auch biographisch individuell, wenn er beispielsweise die Beziehung von Lepsius zu seinem Zeichner Weidenbach thematisiert.

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Schön schreibt Görner zu Lepsius: »Er träumt, was er liest/ und liest was er träumt.« Im Grunde könnte dies auch das Motto sein für das Leben des dritten Großen, der in diesem Band zur Sprache kommt: Friedrich Nietzsche. Eindringlich dichtet Görner Nietzsches Naumburger Existenz nach 1890, also nach seinem geistigen Zusammenbruch.

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Schön auch der Vergleich Nietzsches mit Napoleon, denn auch Nietzsche führte seine Schlachten, aber in seinen Manuskripten. Wie ein Brigadegeneral kommandiert er seine Sätze, die Kommata sind Treffer, die Gedankenstriche Streifschüsse, die Frage- und Ausrufezeichen Einschläge. Diese wenigen Verse Görners treffen präziser den Stil Nietzsches als manche langatmige Stilanalyse Nietzsches. Vor allem erfassen sie aber Nietzsches Denkweise.

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Nach Nietzsches geistigem Zusammenbruch verbrachte er viel Zeit leidend auf dieser Veranda am elterlichen Haus. Bei Spaziergängen in die Stadt musste er Hohn und Spott erdulden. Naumburg wurde zum Ort seines Leidens.

 

Es ist dem Mironde-Verlag hoch anzurechnen, dass er in einer Zeit, in der es qualitativ hochstehende Poesie in der Literaturlandschaft nicht leicht hat, die Geschichtsdichtung Görners verlegt zu haben. Das entspricht ganz dem kulturellen Selbstverständnis des Verlages das kulturelle Selbstbewusstsein Mitteldeutschlands hochzuhalten und die kulturelle Mitte in einer sich polarisierenden Moderne zu wahren.

Volker Caysa

(Prof. Dr. habil. Volker Caysa gehört zu den Herausgebern von:  www.empraxis.net)

 

Information

Rüdiger Görner: Die Leiden des N. eine Naumburger Trilogie

14,0 × 20,5 cm, 48 Seiten, fester Einband, Fadenbindung, Lesebändchen.

Titelgestaltung und 10 Collagen von Osmar Osten

VP 19,00 €

ISBN 978-3-937654-55-3

9783937654553

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