Rezension

Zum neuen Gedichtband Volker Brauns

Er geht seinen, einen geraden Weg – und schreckt vor Anfängen nicht zurück

Im neuen Gedichtband des Büchner-Preis-Trägers Volker Braun Handbibliothek der Unbehausten vereinigen sich Gedichte aus den zurückliegenden Jahren; unabhängig von Entstehungszeit der Gedichte und Herkunft des Titels wirkt dieser aktuell, erinnert er doch an die Unbehausten, die auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung in der Welt unterwegs sind. Braun hat auch sie im Blick, allerdings nicht als separaten Vorgang, sondern als Teil einer Welt und einer Gesellschaft, die zur Wildnis geworden sind, weil sie »abertausend« Jahre Unwissen und geistige Unfähigkeit, damit auch geistiges Unbehaustsein, nicht beseitigen konnte, »Und kein Jahr kann es so weitergehn« (Erfahrung).

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Manche Gedichte – wie das 2009 in Sinn und Form veröffentlichte Kassensturz – sind bekannt, andere erinnern an frühere Texte des Dichters und wieder andere setzen sich mit Texten anderer Dichter in Beziehung. Das ist für Volker Braun nicht neu. In der Geschlossenheit, in der das zusammenfindet, stellt es jedoch eine neue Stufe im Schaffen Brauns dar. Der Titel beschreibt sie: Er fand den neuen Ansatz »am Kilometer Null der Empörung« (Wilderness 5) auf der Puerta del Sol (Tor der Sonne), einem bekannten und meistbesuchten Platz in Madrid, wo sich der Kilometer 0 der fünf Hauptstraßen Spaniens befindet. Aber in Klammer steht »Dschuang Dsi«. Mit dem Hinweis auf den chinesischen Dichter (365–290 v. d. Z) und sein gleichnamiges Werk wird dem Leser der Gedichte eine Hand gereicht, um sich in den mit literarischen, historischen und philosophischen Verweisen durchwirkten Texten zurechtzufinden. Der Leser wird in die Sicherheit einer Handbibliothek eingeführt, die verbürgtes, überprüfbares und gesichertes Wissen enthält, das immer wieder abrufbar ist, aber dieses Wissen ist nicht mehr an einen Ort gebunden, denn die Welt ist wild geworden, ihre Orte Wildnis (Wilderness heißt der umfangreichste Zyklus des Bandes und bedürfte eines eigenen Aufsatzes, wird er doch von Braun nach Miltons Verlorenem Paradies zitiert und findet sich zudem nochmals als eigener Gedichttitel) und der Mensch wird zum Unbehausten. Sicherheit und Wissen sind nur noch, in der Bibliothek festgeschrieben, in der Bewegung existent. Die Wanderung wird zum Lebensprinzip des lyrischen Subjekts, die Handbibliothek zum Programm. Entsprechend zahlreich sind Zitate und Anspielungen, die Aufnahmen und Variationen, oft Brecht (Gespräch über die Bäume im Gezi-Park u.a.) und Dante, auch Paul Fleming, Schiller, Hölderlin, Heine, van Hoddis, Becher und Bloch und der »Fetzen Hoffnung«, Karl Mickel u.a. Auch sich selbst zitiert und variiert Volker Braun mehrfach: War früher der »Schlamm« bis zum Herzen gestiegen, so droht jetzt »Schlamm mir im Mund« (Der Überfluss). Bedrohungen sind näher gerückt, aber hoffnungslos ist Brauns lyrisches Subjekt deshalb nicht, im Gegenteil: »Was ist die Zeit, die Macht? Sie ist vermodert / Während des neuen Tages Sonne lodert« (Die Leguane). Das Bild klingt vertraut und findet sich ähnlich in Friedrich Schillers Der Spaziergang: »und die Sonne Homers, siehe! sie lächelt auch uns«. Es ist die Sonne mythischer Vergangenheit, während Schiller den geschichtlichen Prozess seiner Zeit in Verbrechen und Verderben angekommen sah. Er wollte Orientierung wiederfinden und sah sie beim Dichter und im Mythos. Beide wissen um Natur und Schönheit am nächsten und bewahren sie in Dichtung und Bildern als Modell für einen Neubeginn auf. An dieser Idee scheint Braun anzuknüpfen, seine Alternativen sind aber rigoroser. Anfänge werden noch grundsätzlicher gesucht, Weiterführungen der Menschheit sieht er im Rückgriff auf Bewährtes: Erinnerungen an das alte China, die Antike und die Klassik werden wach, dialektisch reflektiert unter Bezug auf Hegel (Chimerika 2). Zitatmontagen und Anleihen bei anderen sind Hinweis auf das geistige Panorama, das Braun in diesen Überlegungen mitgedacht wünscht. Die Wanderung ist »Wandlung« – ein wichtiger Begriff in Brauns Lyrik; sie ist das dauernde Bewegungsprinzip der Menschheit, die nie an ein Ziel kommt, sondern es stets vor Augen hat. Die Wanderung führt durch räumliche und zeitliche Gegenden, folgt literarischen Wanderungen wie Dantes Weg in das Inferno (Göttliche Komödie) und trifft dort auf Schatten der Belehrung und Erkenntnis Suchenden, darunter Brecht und Eisler, Cremer, Busch, Bahro und auch Biermann »als er jung gewesen« – der junge Biermann gehört für das lyrische Subjekt ins bedeutungsvolle Schattenreich, der alte ist verschwunden. Die Wanderung steht aber auch im Zeichen der Apokalypse; Jacob van Hoddis Weltenende wird zitiert in PRISM, Abkürzung für ein us-amerikanisches Überwachungssystem.

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Die Gedichte kann man nicht im Vorübergehen lesen, sie schmiegen sich nicht gefällig ins Ohr. Das war bei Volker Braun immer selten, nun fehlt es fast völlig. Die Gedichte müssen erarbeitet werden, man muss nachschlagen, vor allem Geschichte erinnern. Es sind Gedichte, die nicht hoffnungslos sind, aber die ein lyrisches Subjekt mitteilt, das um die Gefährdungen der Menschheit ebenso weiß wie um den Untergang, das von Enttäuschungen zu sprechen weiß, die es erfahren musste und die auch sein Leben in Frage stellten, vor allem seine Mühen um eine neue Gesellschaft: Kassensturz ist das Ergebnis der Veränderungen von 1989 bis 1990. In dem sprachlich saloppen, unpoetisch kalauernden Gedicht hat das lyrische Subjekt sich dem aktuellen umgangssprachlichen Ton der neuen Realität angepasst: »an das Eingemachte« und »Ich krieg die Krise« usw. 1989 kündigten einfache Formeln wie »Wir sind das Volk« Veränderungen an, auch hier sind saloppe Floskeln die sprachliche Hülle für bittere Endzeit. Ein Hinweis deutet den eingetretenen Verlust an: Das »Leben«, der Schöpfungsakt des von Braun in seiner Frühphase immer wieder zitierten Prometheus, fällt nicht in den Schoß, war der Hinweis im Prometheus (»Das Leben fällt in den Schoß / Zu euren Händen?«), sondern muss gestaltet werden. Jetzt ist diese Gestaltung im Markt- und Handelsgetriebe, im Reisen und in beabsichtigter Entpolitisierung aufgegangenen (»Das ganze Leben warfen wir inn Handel«). Das Gedicht setzt nahtlos das Gedicht Das Eigentum fort; schon in der optischen Erscheinung wird das deutlich. Beide Gedichte, Das Eigentum und Kassensturz, gehören zu Volker Brauns zentralem Thema: die »Arbeit«. Es veränderte sich auch Volker Brauns Umgang mit seinem Thema. 2006 beschrieb er in einer Rede die »dresdner Denkart« als Einheit von »Arbeit und Leistung«, heute muss er auch das für gescheitert erklären: »Dummheit / Ists die dauern will« (Das Elbtal). Andernorts war das anders. Das Mannsfeld (sic!) und Die Mettenschicht – beide Gedichte betreffen das Thema von Brauns Erzählung Die hellen Haufen (2011) – benennen noch einmal die Folgen des Verlustes der Arbeit, erinnern an »Jahre hundert«, in denen gearbeitet wurde. Die Erinnerung ist so lebendig, »als hätte unser Wünschen nie ein Ende«. Arbeit wird bis ins Heilige gesteigert: »Das höchste Wesen lebt in dem Gedicht / Vom Steiger, welcher kommt mit seinem Licht.«

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Das lyrische Subjekt hat in dem früheren Gedicht das Eigentum verloren, die besondere Qualität der sozialistischen Eigentumsstruktur, in Kassensturz wird die Folge von Verlust und Veränderungen deutlich. Hatte damals das Volk seinem Eigentum einen Tritt versetzt, so wird es nun selbst zum Bettelvolk. Das ist weniger auf seine finanziellen Möglichkeiten zurückzuführen, mehr auf den Verlust der geistigen Entwürfe, der analytischen Fähigkeiten und eines sinnvoll gestalteten Lebens. »Das ganze Leben«, das zwischen Warenhaus und Handel geschieht und auch sprachlich Verfallserscheinungen aufweist (»inn« statt »in den«), ist die Zurücknahme des früheren Konzepts vom »Leben«, vorgestellt im gleichnamigen Gedicht von 1987. Der Befund ist bitter: Niemandem ist es gelungen, das Volk in diesem Verfall aufzuhalten, auch dem Dichter nicht: »Ein Bettelvolk. Ich sags auch mir zum Hohn.« Volker Brauns Vertrauen gehört weder diesem Volk noch seinen Wünschen, es gehört der Zukunft, damit jedoch der Vorgeschichte und einem Neubeginn zur Überwindung der heutigen Gesellschaft, »bis kein Halten mehr ist, dann schafft sie sich ab / und ist gewesen« (Die Gesellschaft). Für einen Neuanfang blickt der Dichter auf mythische und aufklärerische Positionen und Themen zurück, prüfend, ob diese auf höherer Ebene Auferstehung feiern könnten. Deshalb greift er auch bei der eigenen Sehnsucht ins Rustikal-Natürliche zurück (Das wünsch ich mir: Das Bretterhaus am Teich); gesellschaftliche Entwürfe führt er, mit an Georg Büchner erinnernden Bildern, auf Ursprünge zurück (»Ein Riss / Geht hindurch bis zum Bodensatz / Die Grundsuppe aufgerührt.« Die Gesellschaft) und er erinnert deshalb an Gustave Courbets Der Ursprung der Welt (Das Verborgene). Das Gemälde ist eine Darstellung der Zusammengehörigkeit von Verlangen, Zeugung und Ursprung des Lebens und wurde mehrfach der Öffentlichkeit vorenthalten. Ein Beispiel, wie das Bild versteckt wurde, nimmt Braun als Beispiel dafür auf, wie menschliche Lust, die eine Voraussetzung menschlichen Lebens ist, »strikt verkleidet« wird, vergleichbar der »musel-manischen« Verhüllung.

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Es geht Volker Braun nicht um ein Ziel (Der Überfluss), sondern um die Bewegung, die von Entstehen und Vergänglichkeit erhalten wird (»In jedem Kriebsch sitzt der Wurm und wird vom Wege gekickt.«) Dass durch saloppen Ausdruck und Dialekt der komplizierte Vorgang eine heitere Note bekommt, erleichtert den Umgang mit dem schwierigen Text vom »Weltfuß«, macht ihn aber nicht einfacher, ist doch Weltgeschichte bis zum Paradies assoziierbar. Unbelastete Heiterkeit bringen andere Gedichte mit, wenige nur, heiter ist diese Welt selten. Das brüllende Lachen der Events ist keine Heiterkeit, sondern Aufschrei der Dummheit. Aber Der Nacktstrand löst alle sozialen und gesellschaftlichen Probleme, indem auf Hiddensee, dort entstand das Gedicht, »die Gleichheit in Gestalt der Blöße« herrscht, wodurch allerdings andere, durchaus verständliche Schwierigkeiten entstehen (»Mein kleines Ding die reinen Qualen leidet«). Das Gedicht Heckentheater im Herbst beschreibt, nachdem die Kulissen vor dem Winter in Sicherheit gebracht wurden, ein glanzvolles Theater der Natur: »Noch einmal ist das Laub illuminiert / Bevor der erste Reif nach Beifall giert.« Brauns Gedichte sind der Ausdruck des Endzustandes einer Welt, die einen Neubeginn nötig hat, einen dialektisch gedachten: Auf höherer Stufe kommt Vergangenes wieder. Brauns lyrisches Subjekt denkt eine Zukunft, die durch den Untergang der USA und den Aufstieg Chinas bestimmt wird: »Der Wahre Weg, ihr geht ihn, Söhne Maos. / Die große Ordnung und das große Chaos.« (Beim Wiederbetreten der Zickzackbrücke). Ein Abriss des Weges dorthin ist der Zyklus Chimerika, die Veränderung aus vielen Gründen, die beschrieben wird, unausbleiblich und ins Bild von Gullivers Zwergen und dem Riesen gebracht: »Amerika, das fortgeschrittene / Wie um sein Leben fightend waffenstarrend / Wenn Chinas Schulter zuckt, liegt auf der Matte.«

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Die Gedichte sind variationsreich und vielfältig in Thematik, Bildwelt und Rhythmik; sie nutzen lyrische Möglichkeiten vom Prosagedicht bis zur Elegie, vom Zyklus bis zum Sonett usw. Trotz aller dieser Unterschiede sind sie geschlossen der Idee der Wandlung zugeordnet, die die Alternative zum Untergang darstellt. Goethe hat Pate gestanden. Goethes Prometheus, mit dem sich Volker Braun lebenslang auseinandergesetzt hat, wird zitiert (Wilderness 8). »Willkommen und Abschiebung« (Telephos an Papenfuss) verwendet den berühmten Titel des Liebesgedichts Willkomm und Abschied von Goethe, aber die Liebe ist zerstört in einer Welt, in der es keinen »Unterschied KRIEG&FRIEDEN« gibt. Im Eröffnungsabschnitt und im Eröffnungs- und Schlussgedicht des ersten Abschnitts ist Goethe besonders gegenwärtig: Der erste Abschnitt der fünf Teile (vier Abschnitte, ein Anhang) trägt den Titel Dämon, das erste Gedicht des Abschnitts heißt Bestimmung. Die Form wirkt bekannt, achtversig erinnert sie an die Stanze, das Druckbild an Goethes Urworte. Orphisch. Auch der Titel Bestimmung könnte ein solches Urwort sein. Das den ersten Abschnitt beschließende Gedicht heißt dann tatsächlich so wie Goethes Gedicht Dämon; Ähnlichkeiten – etwa die Verszahl – auch hier. Aber die Silbenzahl stimmt nicht überein; sie und die deutliche Gliederung des Gedichtes in zwei Vierzeiler verweisen auf die Romanze. Es entsteht eine Spannung zwischen klassischem Vermächtnis und romantisch anmutender Sehnsucht, anklingend im ersten eröffnenden Vers: »Ja, mein Sehnen geht ins Ferne«. Auch die in diesem Band sehr viel häufiger als sonst bei Volker Braun auftretenden Reime in den Gedichten, auch als Paarreime, verweisen auf dieses Konzept. An Eichendorffs Gedicht Mondnacht mit seiner weiträumig schweifenden Sehnsucht kann man denken, die »nach Haus« möchte. Aber Braun, der solche Sehnsucht »nach Haus« kennt, sieht seine Bestimmung darin, nicht seiner Fernensehnsucht zu folgen, sondern seiner »Bestimmung«, die irdisch ist und der Sehnsucht reale Ziele setzt : »Eingenäht in mein Gewebe / Hat sie ihren Ort gefunden«. Das Eröffnungsgedicht Bestimmung ist das Programm des Bandes.

Prof. Dr. Rüdiger Bernhardt (Bergen i. V.)

Die Fotos wurden von Johannes Eichenthal bei einer Lesung Volker Brauns in der Stadtbibliothek Chemnitz, am 25. Oktober 2011 aufgenommen.

 

Information

Volker Braun: Handbibliothek der Unbehausten.

Neue Gedichte.

geb., 109 Seiten, VP 20,00 €

ISBN 978-3-518-42543-5

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