Rezension

HERDER HEUTE

 

Am 25. August 2017 jährt sich der Geburtstag von Johann Gottfried Herder zum 273. Male. Selbst im deutschsprachigen Raum ist er heute nahezu vergessen. Mit dem ideologischen Verdikt eines »postnationalen Zeitalters« versuchen Teile der Funktionseliten ihrer Verantwortung für das nationale kulturelle Erbe zu entkommen.

 

In diesem Lichte hat die Veröffentlichung »Skepsis und Hoffnung« des jungen Pub­lizisten Johannes Eichenthal schon einen Anflug von Waghalsigkeit, denn er legt unter diesem Titel, der an einen Aufsatz Johann Gottfried Herders für die Zeitschrift »Aurora« erinnert, eine kleine, unakademische Herder-Biographie vor, die er mit einer Analyse unserer Zeit verbindet. Wer die Hinwendung zur Zeitgeschichte moniert, der sollte Herders Haltung bedenken. Trotz aller Hochschätzung der Tradition war für Herder, der auch den Ausdruck »Weltgeist« prägte, die Anwendung des Wissens der entscheidende Punkt: »Wähle man sich eine Formel und bringe die anderen zu sich herüber; nur wende man auch die Formel an: denn das bloße Setzen der Henne tuts nicht.« – warf er 1801 in der Zeitschrift »Adrastea« gegen die bloßen Ankündigungen des jungen Fichte ein.

Das Weltbürgertum der Netzwerke neuer Selbständigkeit wird nicht angeboren. Es bedarf der theoretischen Aneignungen unseres reichen kulturellen Erbes, um die Anerkennung und Gleichberechtigung aller Existenzformen, wie der Interessen regionaler Wirtschaft, gegen alte, sklerotische, zentralistische Strukturen durchzusetzen.

Wir danken Karl Sewart und Prof. Dr. Volkmar Kreissig für ihre Rezensionen des Buches. In der Folge können Sie beide Wortmeldungen lesen. Für weitere konstruktive Kritik sind wir dankbar.

Clara Schwarzenwald

 

Ein Buch zur rechten Zeit

»Ein Unbehagen geht um in der westlichen Kultur …«. – So lautet der einleitende Satz (mit dem durchaus beabsichtigten und ebenso berechtigten berühmten Anklang) im neuen Buch von Johannes Eichenthal, das im Mironde Verlag Nieder­frohna erschienen ist. Der Autor, seines Zeichens Philosoph, Literaturkritiker, Publizist Johannes Eichenthal, ist eine jener seltenen schriftstellerischen Begabungen, denen es gelingt, auch außerordentlich komplizierte und diffizile Sachverhalte so verständlich wie interessant, so übersichtlich wie sprachlich überzeugend, so historisch tiefgehend wie aktuell fassbar darzustellen.

Es geht um nichts Geringeres als um eines der wichtigsten Themen der Gegenwart: um die Globalisierung. Es geht um den Begriff Weltbürgertum. Es geht um die Herkunft, um die Entstehung, es geht um das Bestehen und Fortbestehen, um das Wesen und die Werte des wahren Weltbürgertums … Es geht um die Zukunft. Um die Zukunft der Menschheit … Es geht um Wissen und Glauben. Es geht um Zweifen und vertrauen. Es geht um: Skepsis und Hoffnung. – So lautet der Titel des Buches.

Um es vorwegzunehmen: Eine wahre, eine humane, eine gelungene Globalisierung ohne die Bewahrung unserer in Jahrtausenden erlittenen und errungenen Kultur, ohne die Bewahrung des nationalen und regionalen und familiären Erbes, des Brauchtums, des Lebensstils, der Heimatverbundenheit, der persönlichen Identität, ohne Muttersprache und heimische Mundart – wird es nicht geben.

Johannes Eichenthal weist – so gläubig, so hoffnungsvoll, so vertrauend wie eindringlich warnend und mahnend – auf die positiven Potenzen unserer geistigen Herkunft und Überlieferung hin, auf eine Aufklärung im besten Sinne des Wortes, auf die kulturellen Leistungen eines Johann Gottfried Herder, eines Gotthold Ephraim Lessing, eines Benedikt de Spinoza, auf Johann Wolfgang Goethe, auf das überraschende und überragende Weltbürgertum unserer großen nationalen und internationalen Denker und Dichter … Und Johannes Eichenthal zeigt – voller Zweifel, voller Mißtrauen, voller Skepsis – die Gefahren und Risiken auf, die unserer Zukunft, ja, unserem Überleben drohen, wenn wir uns weiterhin einer ökonomistischen, einer technokratischen, einer kapitalistischen, kurz: einer akulturell, einer ahuman betriebenen Globalisierung ausliefern …

Johannes Eichenthal warnt z. B. vor der verhängnisvollen Tendenz einer überhandnehmenden, ja, einer wild wuchernden Digitalisierung unserer öffentlichen wie privaten Welt, in deren abzusehender Folge eines unserer höchsten, unserer unverzichtbarsten ureigenen Güter verlorenzugehen, vernichtet zu werden, uns genommen zu werden droht: unsere Sprache. Unsere Sprache, deren Gebrauch uns erst zu Menschen macht … Und die uns Menschen bleiben läßt …

Das von gewissenlosen Geschäftemachern geschaffene und marktgerecht angepriesene Verfahren, das es möglich macht, durch primitive, oberflächlich wischende oder tastende Handbewegungen mühelos zu allem zu kommen, was Herz und Sinn nur zu begehren vermögen, birgt das vernichtende Risiko, unsere Sprache überflüssig, uns sprachlos zu machen. Uns, in des Wortes schlimmster Bedeutung, zu entmündigen …

Johannes Eichenthals Buch macht skeptisch. Und es macht Hoffung. In einer Angelegenheit, die uns alle angeht … Es ist ein notwendiges Buch. Es ist ein Buch, das zur rechten Zeit erscheint.

Birgit Eichlers originelle, moderne Gestaltung, Rüdiger Mußbachs Grafiken lassen darüber hinaus das Buch zu einem buchkünstlerischen Erlebnis werden.

Karl Sewart

 

Der ehemalige Praktikant des Mironde Verlags, Johannes Eichenthal, der wohl nach Kenntnis des Autors der Zeilen mittlerweile zum »Redaktor« der Litterata aufgestiegen sein soll, legt ein Büchlein mit dem Titel »Skepsis und Hoffnung« vor. Dieser kleine Essay im Umfange von 57 Seiten, in eben diesem Verlag veröffentlicht, ist für den philosophisch und politisch interessierten Leser ein interessantes und durchaus empfehlenswertes Büchlein. Im Unterschied zu anderen ähnlichen Veröffentlichungen stimmt das Preis-Leistungsverhältnis (Verkaufspreis, der gar für Studenten erschwinglich ist, womit das Büchlein durchaus in gute Traditionen des Phillip Reclam oder Insel-Verlags einzuordnen wäre, im Vergleich zum Seitenumfang und den interessanten ebenfalls enthaltenen Illustrationen) gut mit dem Anliegen der Publikation überein. Dieses Anliegen, so versteht es der Rezensent, soll wohl darin liegen, einen Beitrag zur Lösung der vielfältigen sozialen, politischen und wirtschaftlichen Probleme unserer globalisierten Welt in der Gegenwart und Zukunft zu leisten (Menschen auf der Flucht, Rückfall in den unsäglichen Nationalismus, der in Europa im vorigen Jahrhundert zwei verheerende Weltkriege vorwiegend in Europa aber auch in Übersee beförderte, die Abkehr vom Humanitarismus im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise in Europa, die unbewältigte Bankenkrise des letzten Jahrzehnts etc.). Er nimmt Bezug auf die alternativen Lösungsvorschläge, die der französische Film »Tomorrow – die Welt ist voller Lösungen« anbietet (Dezentralisierung, Energieautharkie der Städte, Verständigung zwischen den Religionen, regionale Netzwerke versus zentralistische Großorganisationen, die wie die Gegenwart zeigt absolut anfällig gegenüber terroristischen Attacken aus dem Internet sind, und wirtschaftlichen und informellen Monopolen)!

Er plädiert deshalb für ein neues »Weltbürgertum in unserem Kopf«.

Um dies zu erklären, wendet er sich seinem Lieblingsphilosophen und Soziologen Johann Gottfried Herder zu, der ein solches »protestantisches inneres Weltbürgertum« entwarf, mit den geistigen Größen seiner Zeit, vor allem im deutschsprachigen Raum diskutierte. Insbesondere wird der Gedanke der Barbarei, die durch Gewalt und Gegengewalt entwickelt wird, der »Möglichkeit eines maßvollen und friedlichen Miteinanders« verbunden mit der »permanenten Bildung zur Humanität« der Menschen als »Freigelassene der Schöpfung« gegenüber gestellt. In diesem Zusammenhang werden Herders »Briefe zur Beförderung der Humanität« zitiert. Der Gottesbegriff, der zur Toleranz der Religionen strebt, wird ebenso erwähnt, mit dem Herder seine moderne, weltbürgerliche Auffassung gegenüber religiösen auch protestantischen Sektierern darlegt, eine Debatte, die der Rezensent besonders auch im Lutherjahr vermisst, wie die Position zu Kant und dessen Hermeneutik und andere damalige Debatten.

Damals wie heute konnten also lutherisch Orthodoxe ebenso wenig wie neologische Kantianer von dieser Diskussion erreicht oder gar überzeugt werden. Hier zeigt Eichenthal eigentlich schon die Grenzen seines Ansatzes auf, an die Hegel schon in der Vergangenheit gestoßen ist, die Begrenztheit des Denkens und die vielfältige Fraktionierung der Bildungselite, die heute vielleicht noch stärker ausgeprägt sind als zu Zeiten Herders. Die Reflektionen und Bezüge zu Spinoza, Leibnitz und Lessing runden das Bild Herderscher Betrachtungen ab. Allerdings ist unklar, wie der Leser bei seiner »Ausbildung zum neuen Weltbürger« von diesen Reflektionen zu Lösungen, die über seine eigene ethische Bildung hinausgehen, für die Gegenwarts- und Zukunftsprobleme kommen soll, die ja bekanntlich in ihrer Dynamik, Vielfalt und Erfassbarkeit über die kleinen »Habermasschen Unübersichtlichkeiten« weit hinausgehen,

Dabei möchte der Rezensent kein in sich vermeintlich geschlossenes, den modernen Kapitalismus überwindendes Gesellschaftskonzept aus der von Eichenthal angestoßenen Diskussion hervorgehendes, aus dem Herderschen »Weltbürgeransatz« hervorgehendes Generalsystem erwarten. Allerdings wären weitere Schlussfolgerungen zu verschiedenen Einzelfragen der sozialen Gegenwart schon interessant. Wer so etwas erwartet, wird das nicht finden. Dennoch ist es schon verdienstvoll und anregend sich der Herderschen Gedanken zu erinnern. Vielleicht kann das Büchlein einen Beitrag zur gegenwärtigen, oftmals diffusen und wenig zielorientierten Debatte, wenn diese wie zur Zeit der großen Philosophen oder der bekannten Soziologen der jüngsten Vergangenheit noch kontrovers und Ergebnisbezogen geführt wurde, leisten.

Die Lektüre ist zu empfehlen und vielleicht sollte im Zusammenhang mit Lesungen versucht werden, eine mögliche Debatte anzustoßen, die mit Bezug auf Herdersche Grundideen, über das Beschriebene hinausgeht und die interessierte Öffentlichkeit erreicht.

Prof. Dr. habil. Volkmar Kreissig

Senior Herder Professor und Berater an der Taita Taveta Universität Voi/Kenia

 

Information

Johannes Eichenthal: Skepsis und Hoffnung.

14,0 × 20,5 cm, 60 Seiten, Broschur mit Schutzumschlag

Grafik von Rüdiger Mußbach (Materialdruck, Bleistift, Aquarell)

VP 12,50 €

ISBN 978-3-96063-004-3

Erhältlich in jeder Buchhandlung oder direkt beim Verlag www.mironde.com

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