Rezension

EIN NEUES BUCH VON CHARLES TAYLOR

Der international anerkannte, mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Politikwissenschaftler und Philosoph Charles Taylor (Jahrgang 1931) legte im Suhrkamp Verlag ein neues Buch mit dem Titel »Das sprachbegabte Tier. Grundzüge des menschlichen Sprachvermögens.« vor.

Der Titel erweckte bei uns die Hoffnung auf eine lange fällige Reform in der Philosophie. Zumal die Wahl des Titels, so der Autor am Ende des Buches, auf eine Änderung der Aristotelischen Definition vom Menschen als »zoon echon logon« ziele. In Abgrenzung zur Fassung als »vernünftiges Tier«, übersetze er es mit »logos besitzendes Tier«, um im Lichte der Vieldeutigkeit des griechischen Wortes »logos« die Definition von »Sprache besitzendes Tier« anzufügen. (Taylor S. 637)

Gelingt es Charles Taylor, die Tradition neu zu formieren? Wir erinnerten uns daran, dass Taylor am 16. Januar 2016 einen Debattenbeitrag zur Zukunft der Philosophie in der FAZ veröffentlichte. Dort stellt er die Frage. »Lässt sich eine (philosophische) Fachwissenschaft konstruieren, deren Grundbegriffe keiner weiteren Interpretation bedürfen?« Taylor zweifelt an der Reichweite solcher Versuche: »Keine der Humanwissenschaften … kann einen solchen Grad an Reinheit erreichen. Wenn sie es versucht, wird sie steril oder zahlt für ihre Genauigkeit – so wie die Ökonomie – den Preis, nichts mehr zu wesentlichen Fragen sagen zu können.« Taylor berührt in dieser Debatte als erster die Frage, ob es sinnvoll ist, nach einer »reinen Vernunft« zu streben.

Kann uns das neue Buch Taylors, in der Auseinandersetzung mit den Versuchen Philosophie auf »reine Vernunft« und Vernunft auf mathematische Logik zu reduzieren, neue Denkanstöße geben?

Im Vorwort heißt es: »Thema des Buches ist das menschliche Sprachvermögen, und es geht um den Nachweis, dass dieses Vermögen mehr Formen annehmen kann, als man vermuten möchte. Will sagen: Dieses Vermögen umfasst Fähigkeiten zur Erschaffung von Bedeutung, die weit über die viel zu oft als zentral aufgefasste Fähigkeit zur Codierung und Übermittlung von Informationen hinausgehen.« (Taylor S. 7)

Als Ziel der Kritik bestimmt Taylor die »Descartes-Nachfolger« Hobbes, Locke und Condillac, und fasst deren Positionen mit dem Kürzel HLC-Theorie zusammen. »Die wichtigsten Theoretiker, auf die ich mich stütze, sind Hamann, Herder und Humboldt.« Hier verwendet er das Kürzel HHH-Theorie. (Taylor S. 7)

Schließlich formuliert Taylor seine Zielstellung präzise: »Ein wichtiger Teil dessen, was ich mir in diesem Buch vorgenommen habe, besteht somit darin, die restlichen Bruchstücke des HCL-Erbes dadurch zu widerlegen, dass ich Einsichten in die HHH-Theorie weiterentwickle.« Das Ergebnis ist hoffentlich eine sehr viel befriedigendere und daher buntere, wenn auch weniger aufgeräumte Theorie über das Wesen des menschlichen Sprachvermögens.« (Taylor S. 8)

Das Buch ist in drei Teile gegliedert: 1. Sprache und Konstitution, 2. Vom Deskriptiven zum Konstituitiven, 3. Weitere Anwendungen.

Im ersten Teil geht Taylor vorwiegend auf dien HHH-Theorie ein, um sich mit der Reduktion von Sprache auf »Bezeichnung« (eigentlich die Reduktion auf die »Bedeutung von Zeichen«) in der so genannten »Sprachanalytik« auseinandersetzen zu können. Hier zitiert er ausführlich Herder, jedoch einzig dessen Wettbewerbsbeitrag auf die Frage der Berliner Akademie »Haben die Menschen, ihren Naturfähigkeiten überlassen, sich Sprache erfinden können? und auf welchem Wege wären sie am füglichsten dazu gelangt?« von 1770, und ausschließlich die Stuttgarter Reclam-Ausgabe dieses Aufsatzes. (Taylor, S. 17 ff.) Das Vorgehen erinnert an den gut lesbaren Aufsatz Taylors »Zur philosophischen Bedeutung Johann Gottfried Herders« (Herder-Handbuch. Hrsg. Greif/Heinz/Clairmont, Wilhelm-Fink-Verlag München 2016, S. 13–22) Allerdings zitierte Taylor in jenem Aufsatz den »Sprachursprungsessay« aus den von Bernhard Suphan herausgegebenen Sämtlichen Werken (SWS in 33 Bänden) in Band V, S. 1 ff.

Im zweiten Teil schließt sich an die Auseinandersetzung mit der HCL-Theorie eine Auseinandersetzung mit englischsprachigen Autoren an. Im 3. Teil versucht Taylor seine aktuelle These, »dass Sprache »Bedeutung erschaffe« darzustellen. Die immer wieder von Abschweifungen und Beispielen unterbrochene Argumentation des Autors macht es dem Leser nicht leicht. Immerhin finden sich solche Sätze: »dass ein ganzer Komplex maßgeblicher menschlicher Phänomene im Diskurs konstituiert und transformiert wird.« (Taylor S. 538) An verstreuten Stellen können wir lesen, dass der Autor auf die Schaffung einer »universalistischen Ethik«, auf die »Veränderung von Kulturen und Konstituierung neuer Bedeutungen (Taylor S. 425), auf »wachsende Einsicht, unseren ethischen Überzeugungen gemäß zu handeln« (Taylor S. 422) und auf ein »Ethik-Paket«, d.h. eine Zusammenfassung von Ethik, Moral und Motivation« insistiert. Das Buch umfasst mehr als 650 Seiten und der Autor kündigt am Ende bereits einen Fortsetzungs-Band an.

Taylor zeigte sich als ausgewiesener Kenner der europäischen Philosophiegeschichte. Aus seiner Feder stammten sowohl eine Hegel-Biographie als auch das 1300-Seiten-Werk »Ein säkulares Zeitalter.« Zudem hatte Taylor 2012 die Schiller-Professur der Universität Jena inne. Es ist grundsätzlich lobenswert, dass Taylor die Philosophie gegen die »Sekte der Mathematiker« verteidigt, zugleich die an der Tradition orientierte Philosophie weg von der Bewusstseinskonstitution in Richtung sprachliche Konstitution lenkt und den Namen Johann Gottfried Herder ins Spiel bringt. Dieser Ansatz Taylors ist von dieser Zielstellung her auf der Höhe unserer Zeit und besitzt ein großes Potenzial.

Mit der vorliegenden Publikation vermochte der Autor dieses Potenzial aber leider noch nicht zureichend auszuschöpfen. Man hat den Eindruck, dass der Buchtext aus einzelnen Manuskriptteilen zusammengesetzt wurde und dass der Zusammenhang noch nicht herausgearbeitet werden konnte. Das ist bedauerlich.

Wo gibt es Überarbeitungsbedarf?

Die verwendeten Kürzel HHH- und HLC-Theorie erleichtern das Verständnis für den Leser nicht. Ist die Gruppierung überhaupt sinnvoll? Mit dem »HCL-Theoretiker« Étiene Bonnot Abbé de Condillac und seinem »Essai über den Ursprung menschlicher Erkenntnis« (1746) hat Herder in Sachen Sprachentwicklung vielleicht mehr Übereinstimmung als mit dem »HHH-Theoretiker« Johann Georg Hamann. Wilhelm von Humboldt stützte sich zwar auf Herders Werk, doch zitierte er diesen ihn seinen Sprachschriften kein einziges Mal. Warum? Weil Humboldt eine Generation später als Herder lebte. Sein Ziel war die Institutionalisierung der Sprachwissenschaft. Die Begründung der Wissenschaft hatte er bereits vorgefunden. Der Name Gottfried Wilhelm Leibniz taucht bei Taylor nicht auf. Das ist eine ernsthafte Lücke. Leibniz war in Sachen Sprache und Vernunft ein wichtiger Anreger und Stichwortgeber Herders.

Taylor bezieht mit dem »Sprachursprungessay« einen einzigen Aufsatz Herders ein, den jener im jugendlichen Alter von 26 Jahren verfasste. (Taylor S. 17 ff.) Die Darstellung erinnert an Noam Chomsky, der 1971 ausschließlich den Sprachursprung-Essay Herders zur Kennnis nahm (Cartesianische Linguistik. Niemeyer Tübingen 1971, S. 18–20).

Die Sprachthematik durchzieht jedoch das ganze Lebenswerk Herders. In den Fragmenten über neuere deutsche Literatur von 1768, im 3./4. und 8./9. Buch der »Ideen einer Philosophie der Geschichte der Menschheit«, in der »Metakritik zur ‹Kritik der reinen Vernunft›«, in den »Hodegetischen Abendvorträgen« und in der Zeitschrift »Adrastea« lassen sich wichtige Weiterentwicklungen finden.

Wenn Taylor schon nicht die 38 Bände der Ausgabe der Sämtlichen Herder Werke von Bernhard Suphan (SWS) verwendete, so wäre doch die Frankfurter Herder Ausgabe (FHA) in zehn Bänden, die Herder-Werkausgabe des Hanser Verlages in drei Bänden von Wolfgang Proß, mit dem bisher wohl unfangreichsten und detailliertestem Kommentar, und die 18-bändige Herder-Briefausgabe von Günter Arnold zu empfehlen gewesen.

Allein der Kommentar zu den »Ideen« von Wolfgang Proß umfasst 1000 Seiten. Ein 200-Seiten Nachwort gibt Aufschluss über die Forschungslage. Zahlreiche Quellentexte ergänzen die Darstellung. Proß bezieht zudem, nahezu singulär im heutigen Wissenschaftsbetrieb, die Herder-Briefausgabe in seine Arbeit ein.

Diese Schwachstellen sollen zur Begründung unserer Befürchtung genügen, dass Taylor die Stärken Herders nicht hinreichend erfasste. Vor allem der fehlende Leibniz-Bezug macht verständlich, dass Taylor die wirkliche Innovation des Traditions-Bewahrers Herder, nicht sieht, nicht sehen kann. In der Fortsetzung von Leibniz begründet Herder Vernunft/Sprache als inneren Zusammenhang aller Sinneswahrnehmungen. Deshalb kann es für Herder keine Vernunft ohne die Bindung an Sprache, keine »reine Vernunft« geben. Herder kennt deshalb auch keine Trennung in eine praktische und eine theoretische Vernunft. Sprache/Vernunft wird bei Herder zur zentralen Analyse-Instanz, zum Kommunikationsmittel und zur zentralen Handlungssteuerung. Sprache/Vernunft sind keine zusätzlichen Eigenschaften des Menschen, sie entsprechen seiner gesamten Disposition. Zur Begründung hatte Herder in einer Zusammenfassung der Forschungsergebnisse verschiedenster Disziplinen den Übergang des Menschen zum aufrechten Gang, das Freiwerden der Hände, die Veränderung des Kopfes als Voraussetzung der Sprachentstehung im Detail beschrieben.

»Indessen wären alle diese Kunstwerkzeuge, Gehirn, Sinne und Hand auch in der aufrechten Gestalt unwirksam geblieben, wenn uns der Schöpfer nicht eine Triebfeder gegeben hätte, die sie alle in Bewegung setzte; es war das göttliche Geschenk der Rede. Nur durch die Rede wird die schlummernde Vernunft erweckt oder vielmehr die nackte Fähigkeit, die durch sich selbst ewig tot geblieben wäre, wird durch die Sprache lebendige Kraft und Wirkung. Nur durch die Rede wird Auge und Ohr, ja das Gefühl aller Sinne vereinigt sich durch sie zum schaffenden Gedanken, dem das Kunstwerk der Hände und andere Glieder nur gehorchet. (Johann Gottfried Herder: Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. Hrg. Wolfgang Proß, Bd. III/1, S. 128)

Paradox ist, dass auch Taylor in einer Fußnote eine Stelle aus den »Ideen« zitiert, in der Herder davon spricht, dass es »keine reine Vernunft« geben kann. (Taylor, S. 67. Die Quellenangabe – Edition Holzinger – verweist auf einen Nachdruck der Ausgabe von Heinz Stolpe von 1965. Im Aufsatz des Herder-Handbuches hatte Taylor auf S. 20 dazu SWS Bd. XIII, S. 356 f. zitiert.) Allerdings kann er dem Anschein nach mit dem Zitat nichts anfangen. So vermag Taylor auch keine wirklich schlüssige Argumentation gegen die Illusion einer »reinen, mathematisch-logischen Vernunft« entwickeln.

Als Hinweis zur angemessenen Würdigung der Leistung Herders sei hier verwiesen auf Jürgen Trabant: Europäisches Sprachdenken. Von Platon zu Wittgenstein. Beck-Verlag München 2006. S. 217 ff.)

Charles Taylor hatte auf den ersten Seiten betont, dass Herder zu den wichtigsten Theoretikern gehöre, auf die er sich stütze. (Taylor S. 7) Doch mit einer selektiven Wahrnehmung des Herderschen Werkes, ohne Kenntnisnahme des Forschungsstandes, dürfte dies kaum möglich gewesen sein. Sonst wäre Taylor auch aufgefallen, dass sich Herder gerade nicht zur Begründung einer vereinheitlichten »Ethik« eignet. Herder teilt eben nicht die These Immanuel Kants, dass die Verbesserung der bürgerlichen Verfassung der gesamten Menschheit ein Ziel verleihen könnte, das die Geschichte im vollkommenen Staat zum Stillstand bringe. (Johann Gottfried Herder: Werke in drei Bänden. Bd. III/1, Nachwort des Herausgebers Wolfgang Proß, S. 1006). Herder ist ein Denker der Humanität und der verantwortungsbewussten Individualität. Jeder Mensch kann seine eigene Philosophie und seinen eigenen Glauben haben. Gleichzeitig geht er davon aus, dass wir unsere Existenz nicht uns selbst verdanken. Wir gehen aus dem Allgemeinen hervor und bilden uns zum Individuum. Obwohl es keine zwei gleichen Menschen gibt, sind wir alle Menschen. Obwohl wir viele verschiedene Sprachen sprechen, ist es immer die menschliche Sprache. Herder vermag ein Allgemeines zu denken, das den Reichtum der Besonderheit, den Gegensatz von Allgemeinem und Besonderen einschließt.

Wenn man Philosophie auf Vernunft reduziert, und diese auf mathematische Logik, dann wird der Begriff des Allgemeinen als »Klasse gemeinsamer Merkmale« definiert, verbunden mit der Bildung von Durchschnittswerten, Vereinheitlichung, Vergleich, dürrer Abstraktion und Erstarrung des Denkens.

Philosophie ist für Herder dagegen mehr als Vernunft; philosophische Weisheit schließt auch den Glauben ein. Doch im Taylorschen Text fehlt der Sinn für Glauben, Spiritualität und Religiösität. Das mag seiner Suche nach einer normativen »Menschheitsethik« geschuldet sein. Dem Anschein nach ist Taylor in seinem Streben nach einer vereinheitlichten »Menschheitsethik« den Vertretern der mathematischen Logik, gegen die er im gesamten Text verzweifelt zu argumentieren versucht, methodologisch zumindest sehr nahe.

Durch seine methodologische Voreingenommenheit entgehen Taylor wichtige Anregungen Herders für unsere Zeit. »Religiösität« geht für Herder weit über »Kirche« hinaus; Religiösität war für ihn die Hoffnung auf einen existenziellen Lebenssinn, die Bildung zur Humanität. Gerade die Verständigung zwischen den Religionen, ein Friede im Glauben (Nikolaus von Kues) könnte und müsste heute eine Verständigung der Kulturen, Nationalitäten und Individuen begründen.

Trotz der hier vorgebrachten Einwände, trotz des Eindrucks einer vergebenen Chance, möchten wir hervorheben, dass die Philosophie-Reformbemühungen Taylors in die richtige Richtung gehen. Vielleicht wollte uns Charles Taylor auch auf originelle Weise verleiten, wieder einmal zu den Herderschen Texten zu greifen? Wir nehmen dies an. Autor und Verlag ist für das Buch zu danken.

Johannes Eichenthal

Information

Charles Taylor: »Das sprachbegabte Tier. Grundzüge des menschlichen Sprachvermögens.« Suhrkamp-Verlag. Berlin 2017. ISBN 978-3-518-58702-7

Wahrscheinlich nur noch antiquarisch erhältlich:

Johann Gottfried Herder: Werke in drei Bänden. Carl Hanser Verlag München-Wien 2002. Hrg. Wolfgang Proß

ISBN für die Bände I-III in Leinen 3-446-12895-6

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