Reportagen

52. LESSING-TAGE IN KAMENZ

Im Rahmen der 52. Lessing-Tage stellte am 29. Januar der Münchner Professor Friedrich Vollhardt im Kamenzer Lessing-Museum sein Buch mit dem Titel »Gotthold Ephraim Lessing. Epoche und Werk« vor.

Am Abend des 29. Januar zogen dichte Schneewolken auf. Doch vor Dresden endete die Macht des Winters. Ab Pulsnitz waren wieder Reste einstiger winterlicher Herrschaft an den Straßenrändern zu sehen. Das Kamenzer Denkmal Gotthold Ephraim Lessing blieb an diesem Tag jedoch ohne winterliche Schneebedeckung.

In einem Seitengebäude des Lessing-Museums, dem sogenannten Röhrmeisterhaus, hatten sich bereits Zuschauer eingefunden. Prof. Dr. Friedrich Vollhardt, der Gastreferent aus München, wurde von der Museumsleiterin, Frau Dr. Kaufmann, begrüßt.

Professor Vollhardt las einen Abschnitt aus seinem Buch, in dem er die Kamenzer Herkunft und Jugend Lessings beschrieb, und einen Abschnitt, in dem er auf ein frühes Theaterstück Lessings mit dem Titel »Die Juden« von 1753 einging. In seinem Kommentar verwies der Autor darauf, dass sich in diesem Frühwerk bereits die Hinwendung Lessings zur religiösen Toleranz abzeichne. Das späte Theaterstück »Nathan der Weise« erschien in dieser Sichtweise als logische Folge im Schaffen Lessings. Auf die Frage, was vom Werk Lessings in 100 Jahren noch in Erinnerung sein werde, verwies der Autor am Ende auf »Nathan« und das Problem der Toleranz.

Frau Dr. Kaufmann dankte dem Autor nach mehr als anderthalbstündiger Lesung und Diskussion mit einem Buchgeschenk und die Zuschauer dankten mit Beifall.

Kommentar
Auf dem Heimweg erinnerten wir uns an die Vorstellung der Lessing-Biographie des britischen Autors Hugh Barr Nisbet am 26. September 2008 im Kamenzer Rathaus. Am Ende wurde Nisbet vom Moderator gefragt, ob Lessing den »Nathan« und sein Plädoyer für Toleranz auch nach dem 11. September 2001 noch geschrieben hätte. Nisbet antwortete damals: 1. Lessing lebte im 18. Jahrhundert, 2. das Wort »Toleranz« kommt im Nathan nur drei Mal vor, davon ein Mal mit negativer Bedeutung. 3. »Toleranz« war Lessing einfach zu wenig. Er habe statt dessen Außenseiter zeitlebens aktiv unterstützt.
Heute, in einer Zeit, in der in den westlichen Ländern das allgemeine Recht durch immer mehr Minderheiten- und Sonderrechte ersetzt werde, hätte Lessing auf die Problematik nicht mit einem »Nathan« geantwortet.
Diese Sichtweise des Lessing-Kenners Nisbet widerspricht noch heute der üblichen Toleranz-Festlegung.

Aber vielleicht hat der Text Lessings noch einen weitere Sinn? Die überlieferte Fabel des Rings deutet den genetischen Zusammenhang aller Religionen symbolisch an. Die »Ur-Schöpfungsgeschichte«, der Ur-Ring, wurde von allen Völkern auf besondere Weise, in veränderten Ringen, weitererzählt. Die Überlieferungsgeschichte belegt den Zusammenhang der Religionen, den einen Ring. Es gibt keine Religion, die sich außerhalb des Überlieferungszusammenhanges stellen kann. Es gibt keine »auserwählte«, »höherwertige« Religion, die berechtigt wäre, sich über andere zu erheben.
Wenn das aber so ist, dann muss es heute erst recht um die Zusammenarbeit aller Religionen zum Zwecke der Lösung großer Menschheitsprobleme gehen. Auch die Religionen haben sich am Kriterium der Humanität messen zu lassen (Johann Gottfried Herder). Inhumanität, Krieg und Gewalt widersprechen dem Sinn von Religion. Für Krieg ist kein Platz mehr auf dieser Erde. Wenn es Streit gibt, dann sollte es ein Wettstreit sein, wer am meisten für die Zukunft der Menschheit beizutragen hat.
Das Erbe Gotthold Ephraim Lessing kann uns heute und in Zukunft helfen, die notwendige Verständigung und die Zusammenarbeit der Religionen zu befördern. Aber wir können das Erbe nur bewahren, wenn wir es uns aneignen, uns erarbeiten.

Clara Schwarzenwald

Information
Im Rahmen der 52. Lessing-Tage wird am 2.2.2019 in Kamenz, in einem Gastspiel des a.gon Theaters München, »Nathan der Weise« aufgeführt
www.lessingmuseum.de

Friedrich Vollhardt: Gotthold Ephraim Lessing. Epoche und Werk. Wallstein Verlag Göttingen,
490 S., 29,90 Euro ISBN 978-3-8353-3328-4
www.wallstein-verlag.de

Hugh Barr Nisbet: Lessing. Eine Biographie. Historische Bibliothek der Gerda von Henkel Stiftung. Aus dem Englischen von Karl S. Guthke. C. H. Beck Verlag. München 2008. 1024 Seiten. 45 Abbildungen. Leinen. 39,90 €. ISBN 978-3-406-57710-9
www.chbeck.de

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