Essay

HEIMATSAGEN ALS ZUGANG ZUR BILDUNG


Eben erschien im Mironde Verlag eine Sammlung von Heimatsagen zum Ausmalen. Warum sollte man heute Sagen lesen? Zur Beantwortung dieser Frage veröffentlichen wir das Nachwort des Büchleins. Johannes Eichenthal

Nachwort
Über Jahrhunderte erzählten oder lasen Großeltern und Eltern Kindern und Enkeln Heimatsagen vor. Man kannte die Burgen, die Wälder und Flüsse, die in der Erzählung vorkamen. Man hatte gemeinsame Gesprächsthemen.
Aber was sind Sagen eigentlich?
Nach der Lexikon-Definition sind Sagen ursprünglich eine mündliche, volkstümliche Form der epischen Darstellung einer Begebenheit, im Unterschied zum Märchen zu einem tatsächlichen Anlass und einem bekannten Ort, dessen wunderbarer und phantastischer Verlauf für wahr gehalten und geglaubt wird.
Phantastischer Verlauf, der für wahr gehalten wird …?
Aber, wenn ich erzählen würde, dass ich gestern Abend einen Drachen traf, dann würden die Leser zu recht an mir zweifeln.
Es muss also noch etwas anderes an der Sage sein.
Die Kurzdefinition lautet: die Sage hat einen wahren Kern.
Und der Rest ist gelogen – folgern manche Altkluge.
Die Frage ist aber: Was ist der wahre Kern?
Wir müssen uns also etwas Mühe machen, um zu verstehen.
Der wohl bekannteste Sagenforscher der letzten Jahrzehnte ist vielleicht Leander Petzoldt. Eines seiner Bücher trägt den Titel »Deutsche Volkssagen«. Es erschien 1970 in München.
Petzoldt sucht nach einer Typologie der Sagen, er betreibt, vergleichende Sagenforschung.
Dabei schränkt er ein, dass er nur Forschungsergebnisse von nach 1945 berücksichtigt.
Seinem Buch sind 20 Holzschnitt-Illustrationen und 5 Karten zur Verbreitung von Sagentypen beigegeben. Die Gliederung und Ordnung der Sagen erfolgt bei ihm nach Themen: Schicksal, Menschen mit übernatürlichen Fähigkeiten, Verwandelte, der Tod, die andere Welt, Geisterumzüge- und kämpfe, Spukorte und -erscheinungen, Frevel und Sühne, Naturdämone, Wassergeister, Erdgeister und Zwerge, Hausgeister und Kobolde, Riesen und starke Leute, der Teufel, Krankheiten, mythische Tiere, Schätze, Glockensagen, Ursprungs- und Erklärungssagen.
Petzoldt sucht nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden der Sagen.
Aber dem wahren Kern der Sagen kommen wir mit Vergleichen nicht näher.
Der Auer Gymnasiallehrer Friedrich Sieber veröffentlicht sein Buch mit dem Titel »Sächsische Sagen« im Eugen Diederichs-Verlag Jena, im Jahre 1926. Auch Sieber verwendet eine thematische Gliederung: 1. Die Geschichte und ihre Gestalten; 2. Die Landschaft und ihr Wesen; 3. Leib und Seele. Der Teufel. Auf 350 Seiten sind die einzelnen Sagen unter diesen Überschriften angeordnet. Zahlreiche Abbildungen ergänzen den Text. Sieber betrachtet Sagen als Grundlage unserer Kultur. Eine gediegene Buchgestaltung unterstreicht dieses Anliegen.
Alfred Meische veröffentlichte 1903 ein »Sagenbuch des Königreiches Sachsen (= Band 1 der Veröffentlichung des Vereins für Sächsische Volkskunde. Leipzig 1903). Er dokumentiert 1268 Sagen auf 1086 Seiten. Meische beruft sich auf die Wissenschaft, Volkskunde und Volksseele.
Der Verweis auf die Brüder Grimm erfolgt hinsichtlich der Sammelprinzipien Treue und Wahrheit.
Das Werk Meisches entstand aus der Bearbeitung der Grässeschen Sagensammlung für eine dritte Auflage. Dabei musste Meische umfangreiche Klassifizierung und Nummerierung von Sagen in Arten und Klassen durchführen. Meisches Ansatz zielt auf Vollständigkeit. Dem wahren Kern der Sagen kommen wir damit nicht näher.
Der Königlich-Sächsische Hofrat, Direktor des Grünen Gewölbes und amtierende Direktor der Porzellan- und Gefäßsammlung Johann Georg Theodor Grässe gab 1854 in Dresden das Buch »Der Sagenschatz des Königreiches Sachsen. Zum ersten Male in der ursprünglichen Form aus Chroniken, mündlichen und schriftlichen Überlieferungen und anderen Quellen gesammelt und herausgegeben. Dresden 1854 (2. Auflage 1874)« heraus. In zwei Bände in einem Buch werden 894 + 107 Sagen auf 950 Seiten vorgestellt. Die Sagen werden nummeriert. Die Einleitung beginnt mit einem Bezug auf die Brüder Grimm hinsichtlich der Bedeutung von Sagen. Sagen sind für Grässe »Schutzengel« der Menschen. Grässe beginnt mit Sagen zum Sächsischen Fürstenhaus und ordnet die Sagen nach Kreishauptmannschaften. Die Suche nach der Herkunft der Überlieferung bestimmt Grässes Werk.
Wilhelm (geb. 1785) und Jakob Grimm (geb. 1786) legten bereits um 1806 ihre Sagensammlung an. (Bibliothek, Zeitungsausschnitte usw.) Der Erste Band erschien 1816 bei Nicolai in Berlin (363 Sagen, nummeriert). Der zweiter Band 1818 (585 Sagen). Der größter Teil der Sagen wurde wahrscheinlich von Jacob Grimm bearbeitet. Ein dritter Band wurde vorbereitet, erschien aber nicht zu Lebzeiten der Grimms. Statt dessen gab Jacob Grimm seine »Deutsche Mythologie« in drei Bänden heraus. Die Grimms hatten den Anspruch: Sammlung von Volksüberlieferungen als Quelle zum Geschichtsverständnis, der »Urgeschichte« zu leisten. Ihre Sammelprinzipien waren Wahrhaftigkeit und Treue an Überlieferung. Insofern gilt das Werk noch heute als Vorbild im internationalen Rahmen. Quellen und Äußerungen erwecken den Eindruck, als ob die Grimms die Sagen aus der direkten Durcharbeitung eines enormen Literaturbestandes oder aus Aufzeichnungen mündlicher Erzählungen gewannen.
In Wirklichkeit stammt der größte Teil der Sagen aus dem engeren Bekannten- und Freundeskreis der beiden. Entgegen den behaupteten Grundsätzen spielte der Zufall bei der Anordnung die größte Rolle. In der Bearbeitung verfuhren die Grimms drastisch. Sie versuchten durch Kürzung den »Kern« der Sage zu erfassen, vereinheitlichten die Sprache und strichen alle anstößigen Passagen radikal. Auch Fremdworte wurden konsequent übersetzt. Selbst deutsche Dialekte vereinheitlichten sie radikal in einem hochdeutschen Text.
Im Unterschied zu den Kinder- und Hausmärchen (17. Auflagen) erschienen die zwei Bände deutscher Sagen zu Lebzeiten nur in der Erstauflage. (2. 1865/66, 3. 1891). Das Buchprojekt war also kein Verkaufserfolg. Dennoch erlangte diese Sagensammlung einen großer Einfluss auf andere Schriftsteller und Literaturwissenschaftler.
Heute werden die Punkte, die die Brüder Grimm für den wahren Kern der Sagen hielten, in der Wissenschaft bezweifelt (Existenz eines kollektiven Autors; Widerspieglung einer Urgeschichte in den Sagen).
Wir müssen also weiter zurückgehen: die Anregung für die Brüder Grimm war gekommen von:
Clemens Brentano und Achim von Arnim. Die beiden hatten 1806/08 eine Liedersammlung mit dem Titel »Des Knaben Wunderhorn« veröffentlicht. Die weite Auffassung des Liedes berührte auch die Sagen. Mit ihrer Sammlung stellten Brentano und Arnim das Poetische in den Mittelpunkt ihrer Sammlung, ohne diesen Punkt zu thematisieren. Beide waren persönlich Johann Gottfried Herder begegnet und hatten dessen Anregungen aufgenommen.
Johann Gottfried Herder (geb. 1744) hatte gegen den modernen höfischen Manierismus früh eine kulturelle Erneuerung über die mündliche und schriftliche Volkslied-Überlieferung betrieben.
Aber erst 1807 erschien postum die Sammlung mit dem Titel »Stimmen der Völker in Liedern« (Hrsg. Caroline Herder/Johannes v. Müller). Das Projekt war 1774/75, 1778/79 im Druck abgebrochen worden. Herder hatte spätestens seit seiner Bekanntschaft mit Johann Georg Hamann in Königsberg eine weite Auffassung von »Lied«. Das Volkslied ist für Herder Ausdruck der Volkspoesie. Aber Herder will Volkspoesie nicht musealisieren. Die Volkspoesie ist für Herder kein ästhetisches Ideal, eher ein Ausdruck für das poetisches Erbe. Der Kern der Sage, wie der Überlieferung überhaupt, ist für Herder ein poetischer. Auch die Bibel war für Herder deshalb ein poetisches Werk. Aber die Überlieferung bedingt immer auch Veränderung.
In der Poesie kamen für Herder die Gegensätze Religiosität und Vernunft praktisch zusammen. Sprache kann Poesie kommunizierbar machen, obwohl Poesie eigentlich das »Unsagbare«, das nicht Sichtbare zu Inhalt hat. Der Kern der Sage ist für Herder »Das Sagen des Unsagbaren«. Menschen haben etwas erlebt, für das sie mitunter keine Worte haben, aufgrund der existenziellen Bedeutung aber doch darüber sprechen müssen. Deshalb finden wir in den Sagentexten Metaphern, Symbole und Traumgestalten.
Man muss lernen, in der Sprache die Poesie lesen und hören zu vermögen. Die Buchstaben haben eine Bedeutung und darüber hinaus hat der Text hat einen Sinn. Diesen Sinn unserer Sprache gilt es zu verstehen.
Wie ist Sprache entstanden? In der Phylogenese unterscheidet sich der Mensch mit der Sprache vom Tier. SprachVernunft ist keine Eigenschaft des Menschen neben anderen sondern dessen Bestimmung. Herder beginnt seinen Essay über den Sprachursprung mit dem Satz: »Schon als Tier hatte der Mensch Sprache!« In der Ontogenese vollziehen wir unsere Gattungsentwicklung in verkürzter Form nach. Bereits im Alter von weniger als drei Monaten hat der Mensch ein verbales Gedächtnis, obwohl er noch gar nicht zum Sprechen fähig ist. Die Kinder können durch Zuhören und Nachahmung Sprechen lernen. Erst mit der Sprache lernen wir aber auch denken.
In den Sagen, Märchen, Legenden wird Sprach- und Denkgeschichte aus der Kindheit der Menschheit, eines Volkes, einer Nationalität, einer Region überliefert. Die Poesie verbindet alle Völker und Nationalitäten. Deshalb sind die Heimatsagen auch unser Zugang zur Weltliteratur.
Wir kennen die Natur, den Wald, den Fluss, die Burg, die Stadt, das Dorf, in denen Sagen spielen. Wir können diese Umgebung mit unseren Sinnen wahrnehmen. Die Sprache fasst hier und auch generell die Sinneseindrücke zusammen und es entsteht ein inneres Bild. Gerade die nichteindeutige, die metaphorische, ambivalente Sprache der alten Sagen und Märchen regt zum eigenständigen Denken an, zur Phantasie, wenn man offen ist für das Unsagbare, Unfassbare.


Die vorliegende Ausgabe geht auf eine Sammlung des Lehrers und Schuldirektors Horst Strohbachs (1886–1978) zurück. Es ging ihm nicht um Klassifizierung und Erforschung sondern um Anwendung des Sagenstoffes. Dazu hatte er Anfang der 1950er Jahre Sagen aus Chemnitz und Umgebung für den Unterricht ausgewählt. Das 40-Seiten-Heft mit dem Titel »Aus dem Sagenschatz unserer Heimat«, auf einfachem Papier gedruckt, versehen mit Zeichnungen Horst Schiekes, beeindruckte Generationen von Kindern und Schülern. Horst Strohbach hatte von 1901 bis 1906 am Königlich-Sächsischen Lehrerseminar in Zschopau/Erzgebirge studiert. Nach dem Examen war er von 1908–1910 Lehrer an der Volksschule in Burgstädt, von 1910–1933 an der Volksschule in Oberfrohna. 1933 wurde er aus dem Schuldienst entlassen.
Seit den 1920er Jahren arbeitete Horst Strohbach für die Forschungsgruppe von Professor Theodor Frings zur Flur- und Ortsnamenforschung an der Universität Leipzig. Er gehörte zu denen, die nach dem Verlust des Archives durch einen Bombenangriff von 1943, in den 1950er Jahren ihre Untersuchungen für das »Wörterbuch obersächsischer Mundarten« wiederholten.
Von 1945–1952 wirkte er als Schulleiter und Lehrer an der Gerhart-Hauptmann-Schule in Oberfrohna. Horst Strohbach war Gründungsmitglied des Kulturbundes zur Demokratischen Erneuerung Deutschlands und Mitherausgeber der Monatszeitschrift »Kultur und Heimat«. Er verstarb am 2. November 1978 in Grüna.
Mit dieser Ausgabe wollen wir dem Anliegen Horst Strohbachs folgen. Es geht uns um die Bewahrung des kulturellen Erbes und dessen Anwendung in der kindliche Sprachbildung. Mit dem Lesen und Weitererzählen wird die Fähigkeit zum Aufbau innerer Bilder entwickelt. Die Möglichkeit der eigenständigen Illustrationen soll die Verbindung von Sprache und Bild verstärken. Birgit und Andreas Eichler

Information

Eichler, Andreas (Hrsg.): Nixen, Geister und Ritter. Sagen aus Chemnitz und Umgebung. Zum Ausmalen. 20,9 × 29,7 cm, Brosch., 112 Seiten, 77 Sagen, 79 Zeichnungen von Birgit Eichler, 1 Karte, VP 12,50 Euro

ISBN 9783960630319
Erhältlich in jeder Buchhandlung
oder direkt beim Verlag http://buchversand.mironde.com/epages/es919510.sf/de_DE/?ObjectPath=/Shops/es919510/Products/9783960630319

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