Rezension

THEODOR PLIEVIER: ANARCHIST OHNE ADJEKTIVE

Kaum ein anderer hatte den Geburtsfehler der Weimarer Republik so treffend auf den Punkt gebracht wie Theodor Plievier mit dem Titel seines im Malik-Verlag erschienenen Buches »Der Kaiser ging, die Generäle blieben«. Als der bekennende und aktive Anarchist, der allerdings keiner der vielen Strömungen im Anarchismus angehörte, 1932 dieses Buch veröffentlichte, hatte er schon 1930, ebenfalls bei Malik, mit dem Buch »Des Kaisers Kulis« einen Erfolg erzielt, der ihn weit über die Grenzen Deutschlands bekannt machte. Dieses Buch wurde in mehrere Sprachen übersetzt, erschien als Fortsetzung in Zeitungen, wurde von Erwin Piscator für die Bühne bearbeitet und sollte schließlich von Willi Münzenbergs Meschrabpom-Film auf Zelluloid gebannt werden. Neben Remarques »Im Westen nichts neues« und Bruno Vogels »Es lebe der Krieg« war Plievier mit der Niederschrift seiner Erlebnisse als Angehöriger der Kaiserlichen Marine im 1. Weltkrieg und den Aufstand der revolutionären Matrosen von 1918 eins der engagiertesten deutschen Antikriegsbücher gelungen. Dafür wurde er von der deutschen Rechten, allen voran den Nazis, gehasst und bedroht.

Plievier, geboren 1892, war nach dem Ersten Weltkrieg zur See gefahren und hatte in verschiedenen Ländern in unterschiedlichen Berufen gearbeitet, begann aber schon zeitig zu schreiben und war auch als Verleger tätig. Zu seinen unzähligen Freunden und Bekannten gehörte nicht nur die literarische Avantgarde, sondern auch die zeitgenössischen Theoretiker und Praktiker des Anarchismus.

1933 musste er zunächst über die ČSR und die Schweiz nach Frankreich emigrieren. Dort lernte er u.a. auch den ukrainischen Anarchisten Nestor Machno kennen, der zunächst mit der Roten Armee im Russischen Bürgerkrieg gegen die deutschen Okkupanten und die weiße Konterrevolution gekämpft hatte, dessen Bewegung aber dann von den Bolschewiki zerschlagen und er ins Exil vertrieben worden war. Plievier, der nie Kommunist war, interviewte in Frankreich auch andere antibolschewistische Emigranten, seine Absicht war es, ein Buch über Machno zu schreiben. Eine Absicht, die ihm später, als er im sowjetischen Exil lebte, fast zum Verhängnis werden sollte.

1934 nahm Plievier wie viele andere ausländische Schriftsteller am Allunionskongress der Sowjetschriftsteller teil und entschied sich, danach in der UdSSR zu bleiben, wo er schon durch seine Veröffentlichungen bekannt war. Nun schrieb er u.a. für die verschiedenen Exil-Zeitschriften, musste aber viel Zeit dafür aufbringen, unter den harten Bedingungen jener Zeit in der Sowjetunion mit seiner Frau überleben zu können. Er agierte mit äußerster Vorsicht und so gelang es ihm, dem parteilosen Schriftsteller, die Jahre des Großen Terrors zu überleben. Er war nicht wie seine kommunistischen Kollegen den Verdächtigungen ihrer Parteien ausgesetzt, die vielfach, wie bei Ernst Ottwalt oder Maria Osten, in den Gulag oder den Tod führten. Als die übereifrige Genossin Frida Rubiner, die immer befürchtete, dass ihr ihre frühen Übersetzungen von Trotzki, Radek und Bucharin Schwierigkeiten bereiten könnten, ihn nach dem deutschen Überfall wegen Äußerungen, die sie angeblich von Lilly Corpus, der Frau Johannes R. Bechers, gehört habe, und wegen seiner geplanten Machno-Biographie denunzierte, entstand eine groteske Situation. Die Spitze der KPD-Vertretung in Moskau verhörten Frida Rubiner und nahm den parteilosen Plievier, den Anarchisten, in Schutz. Auch Becher, der Plievier aus seiner Jugendzeit kannte, sprach sich, sicher auch nicht ganz uneigennützig für ihn aus. Plievier wurde Gründungsmitglied des Nationalkomitees Freies Deutschland und erhielt die Möglichkeit, mit deutschen Kriegsgefangenen zu sprechen und erbeutete Briefe der Wehrmachtangehörigen zu lesen. Daraus entstand der Roman »Stalingrad«, der 1946 das Buch mit der höchsten Auflage im Aufbau-Verlag wurde, aber gleichzeitig in Österreich und Mexiko im Verlag »El libro libre« erschien. Damit wurde das Buch zum ersten Bestseller der Nachkriegszeit, der bis heute unzählige Neuauflagen erfahren hat.

Nach Deutschland zurückgekehrt, setzte Plievier seine schriftstellerischen Aktivitäten fort. Im Oktober wurde er, der parteilose Anarchist, auf der Liste der SED in den Thüringer Landtag gewählt. Wegen der bürokratischen Gängelung und seinen Erfahrungen in der Sowjetunion übersiedelte er aber nach Westdeutschland. Obwohl er sich wie andere nichtkommunistische Linke im Kongress für kulturelle Freiheit engagierte, fühlte er sich in der Bundesrepublik, angegriffen von ehemaligen Nazi-Generälen, nie so recht heimisch. 1953 nahm er mit seiner Frau seinen endgültigen Wohnsitz in der Schweiz. Vielleicht hätte er zu dieser Zeit über die Bundesrepublik ein Buch mit dem Titel »Der Führer ging, die Generäle blieben« schreiben sollen.

Wolfgang Haug hat eine erstaunlich fakten- und kenntnisreiche Biographie vorgelegt, die durch die offenkundige Sympathie, die er für Plievier empfindet, absolut gewinnt. Er ist fast jedem Detail im Leben Plieviers nachgegangen, deshalb ist dem Buch ist eine große Resonanz zu wünschen, zumal es für lange Zeit das Standardwerk über Theodor Plievier bleiben wird.

Werner Abel

Information

Wolfgang Haug, Theodor Plievier. Anarchist ohne Adjektive. Der Schriftsteller der Freiheit. Edition AV, Bodenburg 2020,

ISBN 9783868412208

VP: 24,50 €

Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.

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