Reportagen

Der »Brückenbauer« Salman Schocken

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Am dunklen, nasskalten Abend des 6. November zog es mehr als 40 Besucher in den Saal des Niederfrohnaer Rathauses. Unter den Besuchern sah man viele Niederfrohnaer, aber auch Gäste aus Chemnitz und Mühlau waren gekommen. Niederfrohnas Bürgermeister Klaus Kertzscher, Gemeinderätin Claudia Elsner und Gemeinderat Uwe Wilske ließen es sich nicht nehmen, an dieser Kulturveranstaltung teilzunehmen.
Prof. Eberhard Görner wurde vom Heimatvereinsvorsitzenden Andreas Eichler fast schon wie ein Stammgast begrüßt. In der Tat ist es bereits sein vierter Auftritt in der kleinen Gemeinde. Man sah den Zuschauern an, dass sich viele gern an frühere Lesungen erinnerten. Eberhard Görner las zunächst Passagen seine Artikels »Salman Schocken – Zionist, Verleger, Philanthrop« aus seinem 2007 in renommierten Faber & Faber Verlag erschienen Interview- und Essaybandes »Am Abgrund der Utopie«.

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Bei der Lesung wurde deutlich, dass Görner eine persönliche Beziehung zum Schocken-Kaufhaus hat. Seine Mutter arbeitete in einer kleinen Filiale des Konzerns in Lugau. Als Kind hatte er, wie viele Menschen aus der Region Chemnitz-Zwickau, den Namen Schocken ausschließlich mit Kaufhäusern verbunden. Wer war Salman Schocken? Er wurde am 30. Oktober 1877 in Margonin (Posen) geboren. 1901 trat er in das von seinem Bruder gegründete Kaufhaus in Zwickau ein. Sein Bruder pflegte einen sozialen Führungsstil, den sich Salman ebenfalls zu eigen machte. Nach dem Tod seines Bruders wurde Salman Schocken 1921 Inhaber der Warenhauskette. 1933 umfasste die Firma etwa 30 Verkaufsstellen in Mittel- und Süddeutschland.
Bei einem bayerischen Antiquar sei er, so Görner, erstmals auf die Bücher des Schocken-Verlages gestoßen. In diesem Moment sei bei ihm die Idee entstanden, ein Filmporträt Salman Schockens zu wagen. Für den MDR spricht, dass er 1993 auf den Vorschlag Görners auch einging, und die Produktion übernahm.

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Der 45-minütige Film beginnt mit der Darstellung des Unternehmens in Zwickau. Historische Filmausschnitte und einzelne Fotos erleichtern uns die Einfühlung in die Zeit. Die Kamera zeigt kleinere Filialen, größere Jugendstilkaufhäuser und schließlich auch das, aufgrund seiner, die Straßenkurve aufnehmenden Fassade berühmte, Schocken-Kaufhaus in Chemnitz. Der Architekt war Erich Mendelssohn. Einzelne Zeitzeugeninterviews werden auf typisch Görnersche Art und Weise geführt. Der Fragesteller tritt nicht in Erscheinung. Die Kamera konzentriert sich voll und ganz auf die Antwort des Interviewpartners. So haben wir den Eindruck persönlich im Gespräch zu sein. Schritt für Schritt entsteht ein Schocken-Bild in uns. Salman Schocken war nicht nur Kaufhaus-Konzernchef, sondern auch ein großer Bücherfreund. Johann Wolfgang Goethe wurde von ihm besonders geachtet. In dieser Zeit waren genaue Kenntnisse der Goethe-Texte auch ein Thema der Verständigung zwischen Geschäftsleuten. Für Salman Schocken eröffnete die Liebe zu Goethe sicher auch den Zugang zu dem einen oder anderen Geschäftspartner. Der in Leipzig ansässig gewordene Insel-Verlag hatte von Anfang an ebenfalls eine besondere Nähe zu Goethe. Die Insel-Bücher wurden wahrscheinlich von Schocken gesammelt. Neben aufwändigen Drucken auf teurem Papier, in Lederbindung und in begrenzter Auflage, veröffentlichte Insel-Verlagschef Prof. Kippenberg in seiner Insel-Bücherei auch eine ganze Reihe hochwertiger, anspruchsvoller Bücher zum kleinen Preis.
Dem Anschein nach war Salman Schocken von dieser Reihe so beeindruckt, dass er ein ähnliches Vorhaben startete: die Bücherei des Schocken Verlages. In dieser Reihe werden Texte von Martin Buber, S. J. Agnon, Leo Baeck, Ludwig Strauß, Karl Wolfskehl, Franz Kafka, Hermann Cohen, Adalbert Stifter, Salomon Maimon, F. A. Gregovorius, Gershom Scholem, Moses Mendelssohn, Heinrich Heine, Flavius Josephus u. v. a. veröffentlicht.
Die NS-Behörden versuchten ihn zwar per Dekret auf »jüdische« Autoren zu begrenzen, Görners Interviewpartner Prof. Ernst Cramer hob jedoch hervor, dass Schocken sich nicht daran hielt. Schocken habe sich als Zionist gefühlt und keine assimilative Aufgabe der jüdischen Herkunft akzeptiert, zugleich aber die Integration der jüdischen Religion und Kultur in Deutschland beförderte. Schocken versuchte Brücken zwischen der jüdischen Religion/Kultur und der christlichen Religion/Kultur zu bauen. Dies gelang ihm selbst noch nach 1933, als er seinen Verlag bereits aus Palästina leitete. Die erste Werkausgabe von Franz Kafka hatte einen »jüdischen« und einen »christlichen« Herausgeber. So gelang die Herausgabe von vier von sechs geplanten Bänden, bis die NS-Behörden durch eine gut gemeinte Rezension Klaus Manns auf die Tragweite dieses Projektes aufmerksam wurden und es verboten. Dem Verlag gelang es aber immer wieder wirklich Brücken zu bauen.
In Görners Darstellung werden sowohl Größe als auch Elend des Brückenbauers Salman Schocken erahnbar. Immer wieder musste er Proteste von NS-Hartlinern, die einem jüdischen Verlag das Recht auf Veröffentlichung »deutscher« Dichter absprechen wollten, hinnehmen. Vielleicht hätte man auch Kritiken jüdischer Puristen einblenden können, die den Brückenbau von der »anderen Seite des Ufers« kritisierten.
Salman Schocken war in nüchterner Analyse bereits 1933 zur Erkenntnis gekommen, dass er in Deutschland für einige Jahre keine Perspektive haben werde. Gemeinsam mit der Familie emigrierte er nach Palästina. Von Erich Mendelssohn ließ er sich ein Wohnhaus mit Firmenbüro und eine Bibliothek bauen. Durch frühzeitige Entscheidungen war es ihm möglich gewesen, große Teile seiner Bibliothek aus Deutschland nach Tel Aviv zu bringen. Ein Höhepunkt des Filmes ist vielleicht Görners Interview mit dem ehemaligen Sekretär Schockens, der die mehr als 50.000 Bände überblickte. Ergreifend, wie er im Gespräch einzuordnen vermag, Zusammenhänge herstellt, einzelne Bücher aus dem Regal zieht, aufschlägt, auf Details hinweist, liebevoll über das Papier streicht. Interessant auch seine Einschätzungen des Führungsstiles Schockens. Dieser habe nicht nur Geld in Projekte investieren, sondern wichtige Dinge bewegen wollen. Er habe sich für Kultur in ganzer Breite und zugleich für alle Details interessiert. Hier wird anschaulich, dass abstrakter Geldreichtum erst durch Bildung zu konkretem, wirklichem Reichtum wird.
Aber Salman Schocken hält es nur wenige Jahre in Palästina aus. Sein Sekretär meinte, dass er sich zunehmend auch ausgenutzt fühlte. Er erhielt ständig mehr Bitten um kurzfristige finanzielle Unterstützung von Emigranten. Schließlich verließ er Anfang der 1940er Jahre Palästina und reiste in die USA. Aber auch dort hielt er es nicht lange aus. Er starb, und damit schließt auch der Film, 1959 in der Schweiz.
Im Nachklang gab Eberhard Görner noch diese oder jene Episode zum besten, die sich bei der Entstehung des Filmes ereignete. Der Moderator fragte, ob sich die rastlose Wander-Lebensweise Schockens und das Sammeln von mehr als 50.000 Büchern nicht widersprächen? Gemeinsam kam man auf den Grundsatz: »Gesammelt werden muss in der Not.« (Elmar Faber) In der Tat entstehen wichtige Sammlungen eher aus dem Willen bedrohte Kulturgüter zu bewahren.
Gleichzeitig vermag eine Bibliothek auch einen Halt zu vermitteln, gerade in einem unstetigen Leben.

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Schließlich kam Moderator Andreas Eichler, wir hatten es befürchtet, auf sein Lieblingsthema zu sprechen. Er zog einen Band aus der Schocken-Bibliothek aus der Tasche. Der Autor hieß … ja, Sie haben es erraten: Johann Gottfried Herder. Dennoch waren wir erstaunt zu hören, dass Schocken 1936 Band 60 seiner Bücherei mit »Herder: Blätter der Vorzeit. Jüdische Dichtung und Fabeln« herauszugeben vermochte. Die Herausgeber stützen sich auf kleine Artikel Herders in Wielands »Teutschen Merkur« (1781/1787) und in Herders eigener Zeitschrift »Adrastea« (1802). Eichler betonte, dass die kleine Sammlung auf Herders Kommentaren zum Alten Testament basierte, die er unter dem Titel »Vom Geist der hebräischen Poesie« und »Die älteste Urkunde des Menschengeschlechts« erarbeitete. Der Moderator betonte, dass ein solcher Titel im Insel-Verlag jener Zeit nicht erschien, und dass Herder dort auch kaum beachtet wurde. Schocken habe mit dem Herder-Büchlein deutlich gemacht, dass Herder ebenfalls ein Brückenbauer war. In der Poesie, so Eichler, kämen nach Herder die Gegensätze Glauben und Vernunft praktisch zusammen. In der Poesie des Alten Testamentes sei der genetische Zusammenhang zwischen Judentum und Christentum deutlich zu fassen.

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Eichler meinte, dass Schockens Leistung als strategischer Kulturpolitiker hier exemplarisch aufleuchte. Die Schattenseite sei: Schockens Vertreibung durch die NS-Behörden habe einen nicht ersetzbaren Verlust für die Kultur der Region verursacht.

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Eberhard Görner ergänzte, dass eine Wiederentdeckung Schockens in dieser Dimension noch ausstehe. Allerdings sei die Neueröffnung des Chemnitzer Schocken-Kaufhauses als Sächsisches Landes-Archäologie-Museum ein erster Schritt zur Anerkennung der Lebensleistung Salman Schockens in seiner Heimat. Zur Einweihung des Museums im vergangenen Jahr seien viele Zeitzeugen in umgekehrter Richtung zu Schocken, also »Von Jerusalem nach Chemnitz« gekommen.
Die Zuschauer fragten sich hier: Könnte das nicht ein neuer Film mit dem MDR werden?
Nach zwei Stunden dankte der Heimatverein Niederfrohna dem Referenten für seine kulturelle Impulsgebung. Dem Publikum dankte der Moderator für das Interesse und die Geduld. Es war ein Ereignis.

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Foto: Prof. Eberhard Görner und die Organisatoren des Heimatvereins Niederfrohna e.V., ganz rechts Bürgermeister Klaus Kertzscher

Kommentar
Die Mehrzahl der Besucher hörte und sah an diesem Abend erstmals vom Schocken-Verlag und der strategischen Kulturpolitik des Brückenbauers Salman Schocken.
Von Herder stammt der Satz, dass in einer Menschheitskultur die Religion und Kultur jedes noch so kleinen Volkes bewahrt werden müsse. Salman Schocken setzte sich weder für Missionierung noch für die Aufgabe der eigenen Religion und Kultur ein. Er versuchte Brücken zwischen jüdischer und christlicher Religion/Kultur zu bauen.
Der Grund, auf dem dieser Brückenbau möglich ist, wurde von Herder »Urerzählung der Schöpfung« genannt. Die Gedanken, die im Alten Testament in der so genannten Genesis dargestellt sind, finden sich in veränderter Form bei vielen anderen Kulturen. Herder meinte, dass die Urerzählung über die Jahrtausende weitergegeben wurde, von jedem Volk aber auf eigene Weise erzählt. Das ist der »Grund« für die Brücke.
Die Strömungen, die das Brückenbauwerk immer wieder gefährden, sind die Bestrebungen die eigene Fassung der »Urerzählung« auf den Buchstaben genau als die einzige Wahrheit zu fixieren. Aus Angst um den eigenen Glauben lehnt man Brücken zu anderen Glaubensrichtungen ab.
Ein Blick auf die Überlieferungsgeschichte zeigt uns am Beispiel der Bibel, dass der Text nicht auf Originaltexten gründet. Es sind Abschriften von Abschriften, die Jahrhunderte nach dem Original entstanden, auf die sich die Überlieferung stützen kann. Die Abschriften schließen Übersetzungen von und in mehrere Sprachen ein.
Zudem wurde diese Abschriften über die Jahrtausende von Menschen verfasst, die, wie Herder immer wieder betonte, unter Bedingungen lebten, in die wir uns nicht mehr hineinzufühlen vermögen. Wir können und müssen es versuchen, aber wir werden zum Beispiel den Geist der hebräischen Poesie nie vollständig verstehen. Er wird uns zugleich immer auch etwas fremd bleiben. Ebenso ist es bei anderen Heiligen Schriften.
Wenn wir aber über die genauen Formulierungen und den Kontext der überlieferten Texte keine absolute Sicherheit erlangen können, dann ist die Einsicht in den Prozess des Weitergebens der Urerzählung das einzig »Sichere«, von dem wir ausgehen können. Es gibt einen allgemeinen Zusammenhang zwischen den besonderen Religionen. Die Einsicht in diesen allgemeinen Zusammenhang ermöglicht uns die Wahrung der eigenen, besonderen Glaubenstradition und gleichzeitig die Verständigung mit anderen Religionen. So ähnlich hat Salman Schocken dem Anschein nach gedacht. Von diesem Ansatz aus erfolgte seine strategische Verlagstätigkeit.
In unserer heutigen Welt erscheinen viele furchtbare Konflikte als Religionskonflikte. Wir lassen einmal die Frage bei Seite, ob nicht triviale Wirtschaftsinteressen die Ursachen vieler religiös aufgeladener Konflikte sein könnten.
Der Punkt ist, dass alles im Leben ambivalent ist. Unsere Sprache stiftet zum Beispiel Zusammenhang und grenzt zugleich aus. Ebenso ist es mit dem Glauben. Glauben kann Gemeinschaft stiften und zugleich ausgrenzen. Es bedarf der Vernunft, um eitle Gefühle der Überlegenheit, oder ängstliches Verzagen, oder beides, gegenüber andersgläubigen Menschen zu überwinden. So hätte vielleicht Salomo gesprochen. Es bedarf der Vernunft, um andere Religionen anzuerkennen, ohne den eigenen Glauben aufzugeben. Gerade weil auf unserer kleinen, engen Erde heute viele gefährliche Brandherde als »Religionskonflikte« daherkommen, kann die friedliche Lösung solcher Konflikte nur über den Glauben erfolgen. Es bedarf jedoch der ausgleichenden Wirkung der Vernunft, um uns zu verständigen, ohne den eigenen Glauben aufzugeben. Hier geht es nicht um ein Verschweigen der Unterschiede. Es geht um einen Wettstreit, welche Religion am meisten zu einer friedlichen Zukunft der Menschheit zu geben vermag. Es geht um den »Streit der Religionen und die gemeinsame Sicherheit der Menschheit.«
Ein ähnliches Konzept zum »Streit der Ideologien« wurde am Ende des Kalten Krieges in beiden deutschen Staaten schon einmal erarbeitet. Bezeichnend für den herrschenden Zeitgeist ist, dass man dieses Projekt bis heute nicht anzuerkennen vermag.
Heute ist die Bedrohung eine andere. Aber von der friedlichen Beilegung des Streites der Religionen hängt unsere gemeinsame Zukunft ab.
Wo sind die Brückenbauer von heute?
Johannes Eichenthal

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Information

Eberhard Görner: Am Abgrund der Utopie. Faber & Faber Verlag, Leipzig 2007

ISBN 978-3-86730-037-7

 

Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz
www.smac.sachsen.de

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