Reportagen

DER SPURENSUCHER FRIEDER BACH

Für den Abend des 5. Oktober hatte das Zwickauer Antiquariat & Buchladen zur Buchvorstellung des »Spurensuchers« Frieder Bach mit seinem neuen Buch »Fahrzeugspuren in Chemnitz. Teil 3« eingeladen. Nach und nach treffen die Gäste ein. Der eine oder die andere schaut sich die herrlichen Bücher an, die hier in den Regalen versammelt sind. Doch dann ist es auch schon 19 Uhr.
Gabriele Hertel, die rührige Inhaberin der Buchhandlung, begrüßt voller Freude die zahlreichen Gäste, bis auf den letzten Stuhl sind alle Plätze besetzt, und den unermüdlichen Buchautor Frieder Bach.
Frieder Bach skizziert mit wenigen Worten, wie er in den 1970er Jahren zum Sammler von DKW-Motorrädern und 1990 zum Inhaber eines Handwerksbetriebes zur Restaurierung von Oldtimer-Fahrzeugen wurde. Er »blättert« mit Beamer-Bildern in seinem neuen Buch »Fahrzeugspuren in Chemnitz. Teil 3.« Einzelne Personen und einzelne Fahrzeuge hebt er kurz hervor, und erzählt eine Geschichte, wie er auf die Spur dieses oder jenes Fahrers, Unternehmers oder Bastlers gekommen ist. Immer wieder fallen dabei Namen von kleinen Firmen, die sich in der Region Chemnitz-Erzgebirge-Zwickau mit der Fahrzeugentwicklung, vom Fahrrad über das Motorrad bis zum Auto, beschäftigten. Frieder Bach kennt die Geschichte der Firmen, weiß Querverbindungen herzustellen, selbst dort, wo keiner sie mehr vermutet hätte.
Aber Frieder Bach nennt auch größere Firmen aus Chemnitz (DKW, Wanderer) und Zwickau (Horch, Audi). Im Jahre 1931 wurden diese Firmen zur »Auto-Union« vereinigt. Besonders die ausländische Konkurrenz, die Unsicherheiten der Inflationszeit und die in den USA ausgelöste Weltwirtschaftskrise hatten die Lage der sächsischen Fahrzeugindustrie destabilisiert. Die Auto-Union, deren Symbol vier Ringe wurden, sollte die Kräfte der Region bündeln. Weil die Sächsische Staatsbank und die Stadt Chemnitz die größten Anteilseigner waren, wird die Auto-Union auch als »Staatsbetrieb« bezeichnet. Zu Zeiten der in Chemnitz verwaltungsmäßig konzentrierten Auto Union, also ab 1935 arbeiteten zwei Kundendienstabteilungen unter einer zentralen Leitung. Die Zwickauer Abteilung betreute die Horch- und Audi-Fahrzeuge und die Chemnitzer Abteilung, am Südende der Kauffahrtei, betreute die Wanderer- und DKW-Fahrzeuge (nur Serienfahrzeuge!). Was den Sport betraf, gab es ebenfalls zwei Abteilungen, die Rennabteilung in Zwickau, die den Bau und den Einsatz der »Silberpfeile«, also der in Zwickau gebauten und von F. Porsche und Prof. Eberan konstruierten Grand-Prix-Rennwagen organisierte, sowie die »Sportabteilung«, die in der Chemnitzer Rößlerstraße ansässig war unter der Leitung von August Momberger. Hier waren die Fahrzeuge stationiert, die sich besonders für Geländefahrten und Langstreckenrennen eigneten, und hier wurde ihr Einsatz geplant. Es ging um den Einsatz aller vier Marken der Auto Union wie auch teilweise der DKW-Motorräder. Wanderer-Motorräder spielten z. Zt. der Auto Union keine Wettbewerbsrolle mehr, höchstens noch bei Privatfahrern. Momberger und sein Team nahm auch entscheidenden Einfluss auf die Konstruktion und den Bau der Sportwagen (siehe letztes Kapitel im Buch). Dieser geplante Rennsport-F 9 war todsicher eine Idee von Momberger, denn er konstruierte ja nach dem Krieg in Norddeutschland (in Hude) in einem eigenen Konstruktionsbüro Rennwagen, wodurch Borgward auf ihn aufmerksam wurde und ihn wenig später in seine Fabrik als Technischen Direktor holte.
Das herausragende Erzeugnis jener Zeit war vielleicht der 1938 entwickelte Dreizylinder-Zweitakt-Motor und der F 9, der als sächsische Alternative zum VW-Käfer aus Wolfsburg gedacht war. Allerdings verzögerte der 1939 begonnene Weltkrieg die Serienproduktion des F9 bis nach Kriegsende.
Das Rüstungskommando Chemnitz befahl auch die Umstellung der Auto-Union auf Herstellung von kriegswichtigen Produkten, wies Material und Arbeitskräfte zu. 1945 beschlagnahmte die Besatzungsmacht die Auto-Union in Chemnitz und Zwickau. Teile des Unternehmens waren bereits zuvor nach Ingolstadt verlagert worden. 1946 wurde das Unternehmen verstaatlicht. Tausende Arbeiter und Ingenieure gingen nach Ingolstadt.
Der Spurensucher Frieder Bach konnte auch erzählen, wie es in Chemnitz weiterging. Die ersten Rennfahrer kamen aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Siegfried Wünsche siegte drei Tage nach seiner Wiederkehr bei einem Rennen in Schleiz auf einem geborgten Motorrad. Frieder Bach berichtet von der Bastler- und Rennfahrer-Generation, die durch den Krieg um ihre Jugend betrogen wurde, und nun etwas nachholen wollte. Ab und zu wird erwähnt, dass dieser oder jener in den Westen ging, weil die Staatswirtschaft der DDR, zunächst aus der Not heraus, allein auf Mengen beharrte und für Innovationen keine Zeit blieb. Frieder Bach nennt Namen und fügt an, wenn der oder jener hätte in Zschopau konstruieren dürfen, was er konnte, hätten die Japaner vollständig alt ausgesehen. Namen von Rennsportlern, die auch Inhaber von Handwerksbetrieben waren, Angehörige der Generation, die die Existenz des »nichtolympischen Motorsports« in der DDR ertrotzte, blitzen auf. In solchen Kleinunternehmen fanden die Innovationen in der Zeit des DDR Staatsmonopols eine Heimat. Freude am Beruf und Erwirtschaftung des Lebensunterhaltes konnten in diesen Unternehmen verbunden werden.
Nach etwa anderthalb Stunden beendete Frieder Bach seinen Vortrag.
Frau Hertel dankt dem Autor für sein Engagement.
Andreas Eichler vom Mironde Verlag fügte an, dass es das Schicksal wollte, dass Frieder Bach eine Woche zuvor aus den Händen der Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Frau Dr. Stange, eine Anerkennungsurkunde für seine jahrzehntelange ehrenamtliche Arbeit für das sächsische Fahrzeugmuseum in Chemnitz erhielt, und dass am heutigen 5. Oktober auf der Seite 1 der Wochenendbeilage der Chemnitzer Freien Presse das erste Porträt Frieder Bachs, zudem aus der Feder von Dr. Klaus Walther, einem der letzten großen Kulturjournalisten der Region, zu lesen war.
Foto: Der frühere Trabant-Rallye-Fahrer Rainfried Langer, dem im Buch einige Seiten gewidmet sind, war ebenfalls unter den Zuhörern.
Foto: Auch in Zwickau musste Frieder Bach viele Bücher signieren.
Foto: Im kleinen Kreis wurde noch lange diskutiert
Kommentar
Frieder Bach ist ein vielseitiger Mensch. Sein Konzept der Fahrzeugspuren umfasst Fahrzeuge, die Spuren hinterlassen: vom Fahrrad über das Fahrrad mit Hilfsmotor, über das Motorrad und das Dreirad zum Automobil. Damit wird der Entwicklungszusammenhang erfasst. Das ist praktische Technologie-Geschichte. In heutigen Zeiten kann man auch zurückgehen, um z.B. Erkenntnisse für zeitgemäße Fahrradkonstruktionen zu gewinnen. Aber Frieder Bach beschränkt sich nicht auf die Fahrzeuge. Er sucht und findet auch die Spuren von Rennfahrern, Konstrukteuren, Unternehmern und Sportbegeisterten. Mitunter stecken hinter einer solchen Spurensuche mehrere Abenteuer und Glücksfälle. Insgesamt stellt Frieder Bach am Beispiel der Fahrzeugherstellung eine Geschichte der technologischen Kreativität der Region Chemnitz-Erzgebirge-Zwickau, im gewissen Sinne eine Geschichte der Seele der Region, dar.
Eigentlich aus Nebenbemerkungen heraus wurde an diesem Abend deutlich, in welchem Maße Fachleute 1945 die Region verließen, denen in den Jahren bis 1990 Tausende folgten. Die Verstaatlichung der Auto-Union mag vielleicht 1945 als notwendig erschienen sein, doch im Laufe der Jahre, besonders ab 1972 entstand ein Staatsmonopol, in dem selbst große Unternehmen wie die IFA keine Eigenständigkeit mehr hatten. Viele Ingenieure und Konstrukteure versuchten mit Witz Neuerungen durchzusetzen, verzweifelten oder gingen in den Westen. Die Alternative dazu war, wie Frieder Bach eindrucksvoll berichtet, eine Art Schattenwirtschaft in Familienbetrieben. Das Buch ist nicht nur eine Geschichte des Motorsports, sondern auch eine Geschichte der Familienbetriebe, der Basis jeder Art von Wirtschaft, wie die Familie die Basis jeder Art von Gesellschaft ist.
Auch die kleine Buchhandlung Hertel ist ein Familienunternehmen. Frau Hertel ist zu danken, dass sie, in Zeiten der Reduzierung von Kultur auf das Spektakel, eine solche ernsthafte, hochinteressante Buchvorstellung möglich machte.
Johannes Eichenthal
Information
Zwickauer Antiquariat und Buchladen
Zwickau, Hauptstraße 22
Neuerscheinung
Frieder Bach: Fahrzeugspuren in Chemnitz. Teil 3. Motorsport. 1900-1990.
23 × 23 cm, 528 Seiten, fester Einband, Fadenbindung , Lesebändchen
etwa 1500 zum Teil farbige Fotos und Abbildungen
VP 38,90 €
ISBN 978-3-96063-013-5
Neuauflage
Frieder Bach: Fahrzeugspuren in Chemnitz. Teil 1. Zur Historie des Chemnitzer Fahrzeugbaus.
23 × 23 cm, 216 Seiten, fester Einband, Fadenbindung, Lesebändchen
etwa 600 zum Teil farbige Fotos und Abbildungen.
Neu: Mit einem Geleitwort von Prof. Dr. Dr. Carl H. Hahn
VP 24,90 €
ISBN 978-3-937654-77-5
Noch lieferbar
Frieder Bach: Fahrzeugspuren in Chemnitz. Teil 2. Fahrzeugschicksale.
23 × 23 cm, 216 Seiten, fester Einband, Fadenbindung, Lesebändchen
etwa 600 zum Teil farbige Fotos und Abbildungen
VP 24,90 €
ISBN 978-3-937654-96-6
Der Mironde Verlag präsentiert die Bücher Frieder Bachs auch zur Buchmesse in Frankfurt/Main.

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