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BUCHWIEN18

Am Abend des 7. November wurde in Wien, in der Messehalle D, die BuchWien18 eröffnet. 380 Aussteller aus 20 Nationen präsentierten ihre Neuerscheinungen. Nach einem sonnigen Spätherbsttag hatten sich Aussteller und Ehrengäste vor der ORF-Bühne versammelt, um die Eröffnungsrede von Dr. Svenja Flaßpöhler, der Chefredakteurin eines Philosophie Magazins, zu hören. Die anspruchsvolle Rede setzte einiges an Fachwissen voraus. Im Wiener Standard erschien am 8. November auf Seite 24 ein Interview, das Stefan Gmünder mit der Philosophin führte, in dem die Rede prägnant zusammengefasst wurde.

Gmünder fragte: »Sie skizzieren in Ihrer Rede drei Strategien: Ignorieren, Bekämpfen, Verstehen. Welche präferien Sie?« Svenja Flaßpöhler antwortete: »In einer Demokratie müssen wir uns der Position eines anderen erst einmal verstehend öffnen, wir müssen ihm zuhören, die auseinandersetzung wagen.« Sie merkt dann an, dass zum Beispiel der einflussreiche Soziologe Jürgen Habermas in den Blättern für Internationale Politik 2016 für das Ignorieren der Meinung von AfD-Wählern plädierte: »(man) solle sie ‹kurz und trocken als das abtun, was sie sind – der Saatboden für einen neuen Faschismus›«. Flaßpöhler erläuterte zu dieser Position des mit vielen hochdotierten Preisen bedachten Soziologen: »Habermas’ deliberativer Demokratietheorie zufolge darf nur das zum Diskurs zugelassen werden, was vernünftig ist, um den Anfängen zu wehren. Aber was genau ist vernünftig? Müsste man nicht darüber streiten? Und ist eine Demokratie, die sich immunisieren will, noch eine Demokratie?«

Nach der politisch-philosophischen Eröffnungsrede trat Clara Luzia mit Ihrer Rockband auf und verwandelte die Messehalle in einen Konzertsaal.

Zum Abendprogramm gehörte auch die Vorstellung des neuen Buches vom Wiener Bürgermeister Dr. Michael Ludwig (li.).

Am fortgeschrittenen Abend des 7. November stellte die junge Mannschaft der A-Null-Bausoftware GmbH Wien um Geschäftsführer Alfred Hagenauer (re.), am Stand des Mironde Verlages, die lang erwarteten, neuen Handbücher für die aktuelle Archicad-Version vor: das Archicad22-Grundkurs-Handbuch, das Archicad22-BIM-Handbuch und das neue Twinmotion-Handbuch. Erstmals wurden zwei Varianten für das Archicad22-Grundkurs-Handbuch präsentiert: eine für Österreich und eine für Deutschland. Archicad passt sich den unterschiedlichen nationalen Normen und Konventionen an. (Genaue Informationen zu den Büchern am Ende des Artikels.)

Am Morgen des 8. November begrüßte der ORF-Journalist Martin Haidinger (re.) auf der ORF-Bühne zur Sendereihe »Salzburger Nachtstudio« die Psychotherapeutin Christine Bauer-Jellinek (2. v. li.), den Soziologen Roland Girtler (li.) und den Psychoanalytiker Hans-Otto Thomashoff (2. v. re.) zum Thema »Wir müssen reden – Plädoyer für eine neue Streitkultur«. Kurz vor Schluss kam noch die Journalistin Susanne Schnabl in diese Runde, die mit dem Titel ihres neuen Buches auch das Thema der Diskussion geliefert hatte. Die Runde ergänzte sich in angenehmer Weise: Streitkultur sollte nicht als »Machtkampf« missbraucht werden. Die Medien würden von vielen Menschen als »Einbahn-Kommunikation« wahrgenommen, die eigentlich ein Machtmissbrauch sei und Wut hervorrufe. In der Diskussion gehe es darum, voneinander zu lernen. Höflichkeit und Humor seien von Bedeutung. Humor bedinge auch eine Distanz zu sich selbst. Echte Debatte lebe von der Mündlichkeit und Unmittelbarkeit.

Martin Haidinger zitierte aus der Dankesrede Aleida und Jan Assmanns, den diesjährigen Trägern des Friedenspreises des deutschen Buchhandels: »Nicht jede Gegenstimme verdient Respekt!« – und stellte diese Position zur Diskussion. Die Runde hob dagegen hervor, dass man Respekt und Akzeptanz unterscheiden müsse. Man müsse nicht akzeptieren, was man respektiere. Aber erst durch diese Unterscheidung werde Debatte überhaupt möglich. Auf die Frage, ob wir doch immer nur nach der Bestätigung unserer eigenen Meinung suchten, arbeitete die Runde heraus, dass man zunächst die Flut der über uns hereinbrechenden Medieninformationen begrenzen sollte. Es reiche ein Mainstreammedium, zumal sich in dem Genre heute selbst die Überschriften glichen, und eine oder zwei alternative Meinungen, um sich eine eigene Meinung bilden zu können.

Am Donnerstag trat auf der ORF Bühne, die in Wien und Mainz lebende, ukrainische Autorin Majana Gaponenko auf. Die Autorin beeindruckte gerade durch ihre Authentizität, ihre Demut und durch die Abwesenheit jedes Medien-Gehabes. Ihr Bibliotheksroman mit dem Titel »Der Dorfgescheite«, erschien im C.H. Beck Verlag.

Am späten Donnerstagnachmittag moderierte der Journalist Joachim Riedl vom Wiener »Standard« eine Diskussionsrunde unter dem Thema »Lesen war gestern – ein kritischer Blick zurück auf unsere Leselust«. Die Diskussionspartner (v. li. n. re.) waren Jörg F. Maas (Stiftung Lesen), Felicitas von Lovenberg (Verlegerin Piper Verlag), Moderator Joachim Riedl, Michaela Bokon (Thalia Wien), Thomas Brezina (Kinderbuchautor) und Rüdiger Salat (Verleger Facultas). Nach einer kurzen Bestandsaufnahme (970.000 funktionelle Analphabeten in Österreich; 7,5 Mio. in Deutschland, bei Erwachsenen sinkende Fähigkeit längere Texte zu verstehen usw.) konzentrierte sich die Runde auf die positive Wirkung des Vorlesens in der Familie. Bereits im Alter von 2 bis 3 Monaten verfügen Kleinkinder über ein verbales Gedächtnis. Vorlesen hat also bereits eine Wirkung, noch ehe die Kinder sprechen können, und wirkt ohne Zweifel positiv auf die Entwicklung der Sprechfähigkeit. Etwas zu kurz kam die Vorbildwirkung der Erwachsenen auf die Kinder. Eltern, die selbst keine Bücher lesen, werden ihre Kinder nur schwer von der Notwendigkeit des Lesens überzeugen. Zudem haben sich große Teile der Funktionseliten von der Lektüre von Büchern abgewendet und bevorzugen elektronische Zusammenfassungen.

Am Freitag, dem 9. November, las die bekannte Wiener Autorin Topsy Küppers auf elegante Weise aus ihrem neuen Buch »Die Brüder Saphir«, das im Wiener Apfel-Verlag erschien.

Auf der gleichen Bühne folgte wenig später die Vorstellung des Buches von Franz T. Cohn »Wir leben weiter. Die Geschichte einer Familie«. In Vertretung des 91jährigen Autors, der heute in Stockholm lebt, antwortete Dr. Andreas Eichler vom Mironde Verlag auf die Fragen des ORF-Journalisten Martin Haidinger. Eichler hob zunächst hervor, dass sich die Eltern von Franz Cohn, Margot und Dr. iur. Fritz Cohn, in Chemnitz als deutsche Bürger fühlten. Sie hatten nicht nur die deutsche Literaturtradition aufgenommen (Goethe, Schiller, Heine u.a.), sondern spielten in Hausmusikkreisen auch die Musik von Bach, Mozart, Beethoven, Schubert u.a. Dr. iur. Fritz Cohn riskierte für das Vaterland im Ersten Weltkrieg sein Leben. Im Rang eines Offiziers wurden ihm militärische Auszeichnungen verliehen, unter anderem das Eiserne Kreuz. Erste Anzeichen für die drohende Katastrophe nahm der Vater nicht ernst genug. Dem Anschein nach war es letztlich die staatlich organisierte Gewalt des 9. November 1938, die den Meinungsumschwung bewirkte. Eine Tochter wurde nach England geschickt, eine nach Argentinien und der elfjährige Sohn Franz erhielt auf Grund der Hilfe seines in Stockholm lebenden Onkels, Dr. Gottfried Bermann-Fischer, dem Chef des S. Fischer Verlages, eine Ausreisegenehmigung nach Stockholm. Den Eltern gelang schließlich selbst noch die Ausreise nach Norwegen. Doch dieses Land lieferte sie an Deutschland aus. Sie wurden darauf in Auschwitz umgebracht.

Eichler las eine längere Passage aus dem Buch, in der Franz Cohn schilderte, wie ihm sein Onkel bei einem Essen anlässlich seines 12. Geburtstages, am 18. März 1939, die Umstände der Verlegung des S. Fischer Verlages nach Wien und der Flucht nach dem Einmarsch der Reichswehr über Italien in die Schweiz, offenbarte. Er weihte ihn auch in die glückliche Bekanntschaft mit der schwedischen Verlegerfamilie Bonnier und die Gründung des Bermann-Fischer Förlag AB in Stockholm ein. Er erzählte ihm ebenso, dass er seinen Wiener Produktionsleiter Dr. Justinian Fritsch aus einem österreichischen KZ herausholen konnte und den Lektor Dr. Victor Zuckerkandl. Auch die Kinder einiger Wiener Mitarbeiter fanden in Stockholm eine neue Heimat.

Eichler hob hervor, dass Franz Cohn seinen Onkel in einer der schwierigsten Situationen in dessen Leben kennenlernte und in seinen Lebenserinnerungen die schicksalhaften Entscheidungen seines Onkels in Stockholm schildert. Neben den Problemen, die aus der Flucht vor dem SS-Staat entstanden, musste sich Bermann-Fischer mit einigen seiner besten Autoren auseinandersetzen.

Thomas Mann bezweifelte in mehreren Briefen, dass der S. Fischer Verlag seine Bücher unter den gegebenen Bedingungen noch herausbringen könne. Die Vorwürfe gipfelten in der »Empfehlung« an den Verleger, doch wieder als Mediziner zu arbeiten. Eichler las abschließend aus einem Brief Thomas Manns vom 27. Dezember 1939, in dem dieser, nachdem er die Ausgabe seines Romans »Lotte in Weimar«in den Händen hielt, sich zu einer Entschuldigung bewegen ließ. Hier fügte Eichler ein, dass der von Eberhard Görner 1994 für ORF und MDR gedrehte, seltene Interviewfilm mit Gottfried Bermann-Fischer, mit dem Verlesen dieses Thomas-Mann-Briefes durch Gottfried Bermann Fischer ende.

Eichler fasste zusammen, dass die Vertreibung des S. Fischer Verlages aus Deutschland im Jahre 1936 den unschätzbaren Kulturverlust für Deutschland symbolisiere, der aus der Vertreibung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung folgte. 1938 wurde der Verlag auch aus dem deutschen Sprachraum vertrieben. Die Jahre in Stockholm waren entscheidend für die Weiterexistenz des S. Fischer Verlages. Die Erinnerungen von Franz Cohn geben auch einen Einblick in die Größe seines Onkels Dr. Gottfried Bermann-Fischer, eine Größe, die in dessen Verhalten in einer äußerst angespanten Situation deutlich wird. Die Erinnerungen von Franz Cohn zeigen einen Gottfried Bermann-Fischer, der seinen zwölfjährigen Neffen so ernst wie einen Erwachsenen nahm. Das Schicksal wollte es, dass sich die Wege von Onkel und Neffe 1940 trennten. Aber auch wenn Bermann-Fischer später nur kurz in Stockholm weilte, erkundigte er sich stets nach seinem Neffen.

Bei der Wiener Vorstellung des Buches von Franz Cohn durch den Mironde Verlag war auch Antje Contius (li.), die Geschäftsführerin der S. Fischer-Stifung, unter den Zuhörerinnen. Damit drückte sie die Wertschätzung der Erinnerungen von Franz Cohn aus.

(Auf Initiative von Prof. Eberhard Görner fand an diesem 9. November 2018 auch eine Lesung des Buches von Franz Cohn, in dessen Geburtsstadt Chemnitz statt.)

Zwischen 1936 und 1938 hatte der G.B. Fischer Verlag seinen Sitz in Wien, in diesem Gebäude am Esteplatz 5. 1946 wurde der Verlag in Wien eigentlich nur als Rechteinhaber reaktiviert. Da aber Voraussetzungen und Papier in Deutschland fehlten, begann der Neustart der Produktion des Verlages nach dessen Rückkehr aus den USA 1947 in Wien.

Am Nachmittag des 10. November traten auf der ORF-Bühne Michael Niavarani und Michael Steinbach auf. Hunderte Zuhörer lauschten dem Lobgesang auf antiquarische Bücher, den die beiden anstimmten.

Am Sonntagnachmittag, dem 11. November, verfolgten die Zuhörer einem Gespräch zwischen dem renommierten Wirtschaftswissenschaftler Stephan Schulmeister (li.) und dem ORF-Journalisten Günter Kaindlstorfer. Schulmeister legte dar, dass ein halbes Jahrhundert Neoliberalismus mit dem Anwachsen von Armut, Arbeitslosigkeit und prekärer Beschäftigung in eine Sackgasse geführt habe. Deshalb müsse man nach neuen Wegen suchen, um aus dieser Misere zu nachhaltiger Prosperität zu gelangen.

Der in Wien tätige Architekt und Informatiker Christoph Eichler, der im Mironde Verlag ein Einführungs-Buch zur Bautechnologie »Building Information Modeling«, den BIM-Leitfaden, veröffentlichte, besuchte den Verlagsstand. Er hob in der Diskussion hervor, dass die größte Chance von BIM sei, dass wir im Planungs- und Bauprozess einen Informationsaustausch ohne Übertragungsverluste schaffen können, dass wir uns ohne Missverständnisse vernetzen können und dass wir die Daten auch sehr langfristig nutzen und adaptieren können. BIM sei ein wichtiger Schritt in Richtung einer effizienten, leistbaren, wirtschaftlichen Nachhaltigkeit. Eine große Gefahr sehe er jedoch darin, dass sich kleinere Unternehmen aus der Entwicklung ausklinken, weil sie BIM als strategisches Allmachtsmittel der Generalplaner und Totalunternehmen sehen. Das wäre verhängnisvoll, weil gerade die Vielfalt der Unternehmen Stabilität und Leistungsfähigkeit der Branche garantierten. Es gebe auch keinen Grund zur Verzweiflung. Als vor rund 25 Jahren CAD eingeführt wurde, hatten auch viele Angst. Heute ist CAD in der Baubranche nicht mehr wegzudenken. In spätestens zehn Jahren werden wir über die Arbeit mit BIM genauso denken.

 

Kommentar

Die 51.000 Zuschauer der BuchWien18 nehmen sich neben den gigantischen Zahlen aus Frankfurt bescheiden aus. Und doch ist die größte Stärke der Buchmesse in Wien ihre Übersichtlichkeit. Die Halle ist besucherfreundlich erbaut, eine große Kinderabteilung begeistert die jüngsten Besucher, neben einigen internationalen Mainstream-Stars kamen auf den Lesebühnen viele österreichische Autoren zu Wort und hin und wieder erlebten wir sogar einen ausgesprochenen Geistesblitz. Die Eröffnungsrede ermunterte uns zum Weiterdenken. In einzelnen Buchvorstellungen und Diskussionen nutzten viele Besucher diese Aufforderung. Das entspricht den Erfordernissen unserer Zeit. Der Wiener Politikwissenschaftler Oliver Marchart sprach in einem Interview mit dem Wiener Standard (http://derstandard.at/2000062428651-629/Die-Kritik-am-Populismus-ist-inhaltslos) bereits 2017 unter Berufung auf Antonio Gramsci von einer umfassenden gesellschaftlichen Krise: »Es scheint als hätte die neoliberale Politik der vergangenen Jahrzehnte zu einer Teilung der Gesellschaft in zwei annähernd gleich große Lager geführt: Die eine Hälfte gehört zu den Verlierern oder fürchtet, sie könnte zu ihnen gehören … Die andere Hälfte zählt zu den Gewinnern oder glaubt dazuzugehören … Es ist sehr interessant, dass wir in den vergangenen Wahlauseinandersetzungen oder in den Brexit-Abstimmungen ganz knappe Mehrheiten hatten und unversöhnliche Lager aufeinanderprallten. Diese Lager fallen so weit auseinander, dass sie gar nicht mehr auf dem Grund desselben politischen Gemeinwesens stehen.«

Angesichts dieser Spaltung der Gesellschaft in zwei gleich große Lager kann es also nicht darum gehen, die jeweils andere Hälfte der Bevölkerung zu ignorieren, zu bekämpfen oder sie zu belehren. Eine Verständigung ist unumgänglich. Aber wie können sich diese Lager verständigen? Kennzeichnend für die bisherige Auseinandersetzung ist die Abstraktheit der jeweiligen Vorstellungen. Wissenschaft und Medien haben nach dem Sieg des Westens im Kalten Krieg aus unterschiedlichen Gründen in wichtigen Bereichen versagt und die Polariserung vorangetrieben, statt zu Differenzieren. Jürgen Habermas proklammierte 1990 eine »postnationale Situation« um sich von der deutschen Nationalstaats-Vergangenheit loszusagen, gab damit jedoch das kulturelle Erbe preis, und verblieb in der Abstraktion eines »Kosmopolitismus an sich«.

Doch die nationale Kultur ist mehr als der Nationalstaat. Die Forderungen der Klassiker der deutschen Literatur nach einer Nationalkultur richtete sich seinerzeit auf die Herstellung eines Kommunikationsraumes in der Muttersprache der Bevölkerung, gegen den absolutistischten Manierismus der spätfeudalen Funktionseliten. Johann Gottfried Herder hob sogar hervor, dass die Geschichte nicht auf die Bildung von Staaten und Institutionen hinauslaufe, sondern auf die Herausbildung der verantwortungsbewussten Individualität. Die nationale Kultur ist zudem in Deutschland seit Ende des 18. Jahrhunderts davon geprägt, dass Menschen aus ganz Europa in die entstehenden Industrieregionen Deutschlands (Sachsen, Rhein- und Ruhrgebiet u.a.) kamen.

In den Wiener Sophiensälen trat der Schriftsteller Karl May, auf Einladung Bertha Freifrau von Suttners, im März 1912 mit einer Rede gegen Rüstung und für den Weltfrieden auf.

 

Bismarck instrumentalisierte die eigene Nationalität gegen das überkommene Römische Reich deutscher Nation, in dem viele Nationalitäten zusammenlebten. Gleichzeitig setzte in Europa der Kampf um die Neuaufteilung der bisherigen Imperien-Kolonien ein. Wenn man die deutschen Zeitungen vor 1914 verfolgt, dann kann man nachvollziehen, wie von großen Teilen der Politik- und Medienaristokratie der »Nationalismus« entfacht und die Nationalkultur instrumentalisiert wurde. Doch die Entwicklung der Industrie und des Finanzsektors war 1914 schon über die nationalen Grenzen hinaus. Mit Einführung der Aktiengesellschaften bestimmten internationale Aktionäre die Interessen des Unternehmens. Die Entfachung von »Nationalismus« war unter den neuen Bedingungen eine Möglichkeit der Umsetzung von Industrie-Finanz-Interessen geworden. Der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Dr. iur. Karl Liebknecht enthüllte zum Beispiel mitten im »Erzfeind-Getöse«, dass die Firma Krupp die Patente für Ihre neueste Kanone auch nach Frankreich verkaufte. Karl Liebknecht wurde 1919 umgebracht. Ein sozialdemokratischer Journalist veröffentlichte in den 1920er Jahren im vogtländischen Plauen zum Beispiel Indizien dafür, dass die NSDAP in ihrer Anfangsphase wesentlich aus dem Ausland finanziert worden sei. Eugen Fritsch, so der Name des Journalisten, wurde Anfang 1933 umgebracht.

Die Wirklichkeit ist also wesentlich komplizierter als es uns dünne Abstraktionen Glauben machen wollen. Zudem sind alle Erscheinungen im menschlichen Leben ambivalent, können in ihr Gegenteil umschlagen. Abstrakter Kosmopolitismus kann zum Beispiel in Kulturimperialismus umschlagen.

Es war der S. Fischer Autor Thomas Mann, der in dieser Zeit, aus dem Exil, nicht in eine »postdeutsche Konstellation« flüchtete, sondern den Hochstaplern in Berlin das Deutschtum streitig machte. Damit führte er die Ansätze der deutschen Klassiker auf zeitgemäße Weise weiter. Deutsch sein heißt für Thomas Mann »zivilisiert sein«. Oberstes »nationales Interesse« ist es, mit den Nachbarn gut auszukommen. Deutschland hat aufgrund seiner geostrategische Lage die Aufgabe in Europa als Kulturbrücke zwischen Nord und Süd, West und Ost zu wirken. Das ist nur einem entmilitarisierten und neutralen Land möglich. (vgl. Stachorski, Stephan: Fragile Republik. Thomas Mann und Nachkriesgdeutschland. S. Fischer Verlag. Frankfurt/Main 1999)

Thomas Mann verkörpert mit seinem Leben die Einheit der Gegensätze von nationalem Erbe und inter-nationaler Verständigung. Die Zivilisiertheit hatte ihren Sitz in der Seele Thomas Manns. (Gegenüber Gottfried Bermann-Fischer nennt er deren Sitz »Busen«): »Lieber Dr. Bermann, ehe ich Ihnen schrieb, wollte ich gern »L. i. W.« (= Lotte in Weimar – cs) in Händen haben, um Ihnen ein Wort darüber sagen zu können … Es ist ein ungewöhnlich schöner, mit sichtlicher Sorgfalt und Liebe hergestellter Band, darüber gibt es nur eine Stimme, und mein Schwiegersohn Borgese, Medis Gatte, philosophierte bei seinem Anblick gleich über die Widerstandskräfte der Civilisation, die sich darin ausdrückten, dass heutzutage ein deutsches Buch in dieser gepflegten Form herauskommen könne. Er hat wohl recht, aber ich sagte ihm, diese Zähigkeit der Civilisation habe ihren ganz persönlichen Sitz, nämlich in Ihrem Busen. Sie seien nicht umzubringen, und wenn nach Berlin und Wien auch Stockholm auffliege, so würden sie es in London oder New York oder Neuseeland ebenso distinguiert weitertreiben und auch meinen nächsten Roman wieder aufs feinste herausbringen.« (Thomas Mann an Gottfriedf Bermann-Fischer vom 27. Dezember 1939)

Eine Buchmesse ist heute für das breite Publikum zur Möglichkeit geworden, die Neuerscheinungen der Buchbranche, die im Handel nur als »Dateien« sichtbar sind, in die Hand zu nehmen, zu blättern und abzuwägen. Traditionelle Bücher sind immer noch das Medium, das uns eine qualitative humane Bildung vermitteln kann. Die BuchWien18, in der Hauptstadt eines Landes, das 1955 nicht nur die Besatzungsmächte verabschieden konnte, sondern auch die zukunftsweisende »immerwährende Neutralität« annahm, trug in einem hohen Maße dazu bei, dass die Republik Östereich als »Kulturbrücke« in Europa wirken kann. Den Organisatoren, den Ausstellern, den Vortragenden und Diskusionspartnern der BuchWien18 ist zu danken.

Johannes Eichenthal

 

Information

Besprochene Bücher aus dem Mironde Verlag

Beziehbar über jede Buchhandlung oder direkt vom Verlag www.mironde.com

Franz Cohn: Wir leben weiter. Die Geschichte einer Familie. 14,0 × 20,5 cm, 120 Seiten, fester Einband, Klebebindung, Vorsatz, Nachsatz, runder Rücken, zahlreiche s/w-Abbildungen und Fotografien VP 12,50 € ISBN 978-3-96063-005-0

Christoph Eichler: BIM-Leitfaden. Struktur und Funktion. 2. Auflage 23,4 × 30,5 cm, Broschur, 176 Seiten, Klebebindung, zahlreiche farbige Abbildungen VP: 29,00 € ISBN 978-3-937654-99-7

Thomas Böck /Andreas Vondrasek: Twinmotion 2019 20,9 × 29,8 cm, 158 Seiten, Ringbindung, etwa 450 farb. Abbildungen, 5 Tabellen, VP 38,10 € ISBN 9783960630128

Bernhard Binder: Archicad22-Grundkurs-Handbuch (Ausgabe für Österreich) 20,9 × 29,8 cm, 332 Seiten, Ringbindung, etwa 1000 s/w-Abbildungen, VP 38,10 € ISBN 978-3-96063-016-6

Bernhard Binder: Archicad22-Grundkurs-Handbuch (Ausgabe für Deutschland) 20,9 × 29,8 cm, 332 Seiten, Ringbindung, etwa 1000 s/w-Abbildungen, VP 38,10 € ISBN 978-3-96063-018-0

Bernhard Binder: Archicad 22-BIM-Handbuch. Modelling und Dokumentation. 20,9 × 29,8 cm, 332 Seiten, Ringbindung, etwa 1000 s/w-Abbildungen, ca. 900 g VP 38,10 € ISBN 978-3-96063-019-7

 

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