Reportagen

FAUST IN CHEMNITZ

Am historisch bedeutsamen Ort, dem Niklasberg, hatte die Chemnitzer Goethe-Gesellschaft am 15. November zu einem Vortrag von Dr. Arnold Pistiak mit den Titel »Die Sonne tönt nach alter Weise. Musikalisches im Faust – Faust in der Musik.«, in den Salon »Stadtpark« im SenVital eingeladen.

Der 15. November war ein kalter Novembertag. Der Abend brach früh herein und die Dunkelheit senkte sich über Chemnitz. Unser Ziel war der Niklasberg, eigentlich nur ein Hügel über der Mündung des Kappelbaches in den Chemnitzfluss. Hier, an der Kreuzung mehrerer Fernstraßen, entstand im 11./12. Jahrhundert eine Fernhandelskaufmannssiedlung, der Ursprung der späteren Stadt, zwei, drei Kilometer vom Chemnitzer Benediktinerkloster entfernt, das Ende des 11. Jahrhunderts von Wiprecht II. und den Mönchen des Pegauer Benediktiner-Klosters gestiftet worden war.

 

Siegfried Arlt, der Vorsitzende der Chemnitzer Goethe-Gesellschaft, begrüßte voller Freude Dr. Arnold Pistiak zum Vortrag und führte die Zuhörer mit wenigen Worten in das Thema ein: Vom »Tönen der Sonne« spricht der Vers, mit dem der »Prolog im Himmel« beginnt: »Die Sonne tönt nach alter Weise/In Brudersphären Wettgesang,/Und ihre vorgeschrieb’ne Reise/Vollendet sie mit Donnergang./« Mit dem geheimnisvollen »Chorus Mysticus« endet die Faust-Tragödie. Zwischen diesen beiden Eckpunkten finden sich zahlreiche Lieder, Chöre, aber auch ganze Szenen, denen Goethe musikalischen Charakter verliehen hat.

Das Publikum war von Anfang gespannt und hörte konzentriert zu.

 

Arnold Pistiak begründete zunächst, dass auf der Grundlage eines weiten Musik-Verständnisses die Untersuchung von Organisation, Struktur und Rhythmus der Sprache im Goetheschen »Faust« eine wenig beachtete Dimension im Schaffen des großen Weimarers zu entdecken ist. An Hand von Beispielen zeigte er, wie Goethe im zweiten Teil des »Faust«, in einer Szene mit Helena, den Reimrhythmuswechsel als immanentes Gestaltungsmittel nutzt. Ebenso im ersten Teil des »Faust«, in der »Szene vor dem Tore«, die dem »Osterspaziergang« vorausgeht.

 

In einem zweiten Teil des Vortrages demonstrierte Arnold Pistiak, wie unterschiedlich Robert Schumann, Hanns Eisler und Hector Berlioz von Goethes Faust-Text zu musikalischen Werken angeregt wurden. Eine besondere Note erhielt der Vortrag dadurch, dass der Referent einzelne Passagen aus den musikalischen Werken dem Publikum vorzusingen vermochte. Seine Stimme, die Körpersprache und der Text verschmolzen zu einer Einheit.

 

Siegfried Arlt dankte dem Referenten am Ende und merkte an, dass dieser Faust-Vortrag für ihn eines der schönsten Erlebnisse gewesen sei, weil der Referent dem immanenten Rhythmus des Goetheschen Werkes nachzuspüren und zudem zu zeigen vermochte, wie der Goethesche Text wiederum die Musikalität großer Komponisten anzuregen vermochte.

Kommentar

Die Stärke der Chemnitzer Goethe-Gesellschaft besteht weniger in der Zahl der Mitglieder als in der Qualität ihrer Veranstaltungen. Die Chemnitzer, die einen Sinn für die Besonderheit ihrer Heimatstadt besitzen, sind hier aktiv. Chemnitz, eine Stadt am Fuße des Erzgebirges, durchflossen vom Chemnitz-Fluss (»Kamen« (böhm.) = Stein, Kamenitz = Steinbach) liegt geografisch auf einer West-Ost-Achse zwischen Weimar und Freiberg. Die Vereinigung der Gegensätze von bergmännisch-technischer und literarisch-künstlerischer Bestimmung, die Goethe in seiner Person verkörperte, waren seit jeher auch die Motivationen des Chemnitzer Bürgertums. Georgius Agricola, der Autor eines Bergbau-Lehrbuches mit dem Titel »De re metallica libri XII«, das 1556 erschien, dessen chinesische Übersetzung von Anfang des 17. Jahrhunderts eben erst entdeckt wurde, war hier mehrfach Bürgermeister (1546, 1547, 1551, 1553). In dieser Tradition wurde die Goethe-Gesellschaft 1926 von aktiven Bürgern (Familienbetriebs-Unternehmer, Professoren, Ärzte, Lehrer, Rechtsanwälte u.a.) gegründet, um, trotz aller Forderungen des Tagesgeschäftes, über den Tag hinaus zu denken. Die Entwicklung der Textilindustrie, des Maschinenbaues, des Fahrzeugbaues, des Rechenmaschinen- und Computerbaues nahm in Chemnitz ihre Anregungen aus Natur, Kunst und Literatur. Industrie und Kunstsinn ergänzten sich. Edward Munch, Max Klinger, Henry van den Velde und andere Heroen erhielten Aufträge Chemnitzer Fabrikanten. Selbst in der Blütezeit der Chemnitzer Wirtschaft von 1830–1930, war die Industriestruktur in Chemnitz von der Mehrheit der Familienbetriebe geprägt. Doch bereits Bismarcks Kriege zur Vereinigung Deutschlands unter preußischer Führung schadeten der Chemnitzer Wirtschaft, der Erste Weltkrieg und noch mehr der Zweite Weltkrieg vergrößerten den Schaden. Eine sektiererische linke Nachkriegspolitik und der Verstaatlichungswahn von 1972 beschädigten die Basis der Familienbetriebe beträchtlich. 1990 wurde es versäumt, die traditionsreichen Familienbetriebe wieder auf die Vielfalt anwachsen zu lassen, die über Jahrhunderte Voraussetzung aller Erfolge gewesen war. Doch die Chemnitzer Goethe-Gesellschaft vermittelt unbeirrt ihre Impulse zum eigenständigen Denken über den Tag hinaus. Der Namensgeber, der als Minister die Weimarer Armee bis auf zwölf Mann abrüstete, und diese fortan nur noch zu Botengängen einsetzte, besitzt für wache Geister weiterhin eine hohe Anziehungskraft in Deutschland und Europa.

Clara Schwarzenwald

Information

Arnold Pistiak: Kaleidoskop oder Besuch bei Hölderlin. Edition Bodoni. Buskow 2018 ISBN 978-3-940781-92-5

Siegfried Arlt/Helga Bonitz: Die Goldene Spur der Zeit. Zur Geschichte der Goethe-Gesellschaft 1990 bis 2017. Chemnitz 2018. 21,1 × 29,7 cm, 276 S. zahlreiche farbige Abbildungen, Brosch.

 

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