Essay

MORD AN RATHENAU

Am 24. Juni 1922 wurde der deutsche Außenminister Dr. Walther Rathenau ermordet. Am 23. November 1961 zeigte das DDR-Fernsehen einen Film mit dem Titel „Mord an Rathenau“, um an den 40. Todestag Rathenaus zu erinnern. Der Film wurde im Auftrag des DDR-Fernsehens von der DEFA produziert und hatte eine Laufzeit von 75 Minuten.

Die Uraufführung des Films fand im Berliner Filmtheater „Babylon“ am 11. Dezember 1961 statt, im Beisein von Ludwig Renn, Arnold Zweig, Bruno Apitz u.a. 

Die Rolle Rathenaus spielte Harry Hindemith, Rathenaus Mutter wurde von Karen Fredersdorf verkörpert, der deutschnationale Ex-Staatssekretär Helfferich von Herwart Grosse, den Führer der Geheimorganisation „Consul“ spielte Horst Preusker. Jürgen Frohriep stellte einen Ex-Freikorpskämpfer dar. Die Regie führte Max Jaap, der Dramaturg war Rudi Böhm und der Kameramann Rolf Sohre. Das Drehbuch stammte von Heinz Kamnitzer und Alexander Graf Stenbock-Fermor. Nach der Erstsendung erfolgten sechs Wiederholungen: 11.6.1963 im Schülerprogramm für Schüler vom 9. Schuljahr an; Wh: 15.3.1967, 18.10.1967, 27.10.1969; Wh: 10.5.1982, 10.5.1987.

Foto aus der Filmographie

Der Film beginnt mit einer Pressekonferenz von Außenminister Walther Rathenau (1867–1922) am Ostersonntag, dem 16. April 1922, in der italienischen Hafenstadt Rapallo. Rathenau wird vor den Medienvertretern in der Verteidigung des Vertrages gezeigt, den er eben mit seinem sowjetischen Kollegen Georgi Wassiljewitsch Tschitscherin (1872–1936) unterzeichnete. Der Versailler Vertrag von 1919 hatte den Brester Vertrag, den Deutschland 1918 Sowjetrussland diktierte, außer Kraft gesetzt. Die Beziehungen beider Staaten unterlagen keiner vertraglichen Regelung mehr. In Genua waren zwischen März und Mai 1922 alle europäischen Staaten zusammengekommen, um über die Nachkriegsordnung zu verhandeln. Frankreich und auch Großbritannien drängten Sowjetrussland zu Reparationsforderungen gegen Deutschland. Sowjetrussland ging nicht darauf ein. So kam es zum Treffen von Rapallo.

Foto aus der Filmographie

Rathenau unterzeichnete einen Vertrag, der wieder Normalität zwischen beiden Ländern herstellte. Im Unterschied zu den westeuropäischen Siegermächten verzichtete Sowjetrussland auf Gebiets- und Reparationsforderungen gegenüber Deutschland. Der Vertragsentwurf war im Auswärtigen Amt bereits vor der Amtszeit Rathenaus, nach dem Vertragsabschluss in Versailles vorbereitet worden. Rathenau hatte immer eine gesamteuropäische Einigung angestrebt. Erst als auf der Konferenz von Genua im März 1922 alle Versuche eines gemeinsamen Abkommens mit Frankreich und Großbritannien gescheitert waren, stimmte Rathenau der Unterzeichnung des separaten Vertrages zu. 

Foto aus der Filmographie

Rathenau in einer Szene beim Tee mit seiner Mutter. Die Mutter macht ihm Vorwürfe, dass er sich als Jude in eine exponierte Minister-Position hat wählen lassen. Seine Understatement-Antwort lautete: sie haben keinen anderen gefunden.

Foto aus der Filmographie

Rathenau in einer Szene mit Lilly Deutsch, der Frau seines Konkurrenten Felix Deutsch. Dieser hatte Rathenau nach dem Tod dessen Vaters, des AEG-Gründers Emil Rathenau, 1915 aus der operativen Führung der AEG in die „Frühstücksdirektorenposition“ eines „Präsidenten“ der AEG gedrängt. 

Foto aus der Filmographie

Rathenau im Reichstag. Am 23. Juni 1922 machte der deutschnationale Abgeordnete und Ex-Staatssekretär Helfferich im Reichstag Rathenau in demagogischer Weise für das Elend verantwortlich, das der Erste Weltkrieg über Deutschland gebracht hatte, obwohl oder gerade weil er selbst zur Elite des kaiserlichen Deutschland gehörte, die 1914 bewusst den Weg des Krieges wählte. Hellferich war der fanatischste Verfechter des U-Boot-Krieges und ein enger vertrauter des Quasi-Diktators der letzten Kriegsjahre, General Erich Ludendorffs (1865–1937), gewesen. Im Gegensatz zu den wirklichen Verhandlungsergebnissen von Genua warf Helfferich dem Außenminister vor, bloßer „Erfüllungsgehilfe“ der westlichen Siegermächte zu sein. Die Konzernmedien verstärkten die Demagogie. 

Die Filmographie: Heinz Kamnitzer/ Alexander Graf Stenbock-Fermor: Mord an Rathenau. Ein Fernsehfilm. Bearbeitet nach dem Drehbuch. Mit einer Einleitung von Arnold Zweig. Umschlaggestaltung von Helmut Selle. Henschelverlag. Berlin 1962

Im Vorwort der Filmographie zu „Mord an Rathenau“ versuchte der große Schriftsteller Arnold Zweig (1885–1968), Ehrenpräsident der Akademie der Künste und Präsident des PEN-Zentrums, Walther Rathenau zu würdigen. Aber es gelang ihm nicht so recht. Einerseits lobte er ihn für die Unterzeichnung des Vertrages von Rapallo. Andererseits warf er Rathenau einen „getrübten Blick“ auf die wirkliche Lage vor: Noch im Oktober 1918 habe Rathenau den Krieg fortsetzen wollen. 

Es fehlt Zweig hier die Fähigkeit zur konkreten Analyse der konkreten Situation. Grundsätzlich hatte Rathenau immer deutlich gemacht, dass der Krieg nicht zu gewinnen sei, dass es nur um einen ehrenvollen Frieden gehen könne, dass die herrschende Adelskaste abtreten müsse, dass aber eine bloße Zerstörung Deutschlands oder die Schaffung eines Chaos keine Lösung der Probleme sei.

General Ludendorff hatte bis dahin alle Friedensverhandlungen mit dem Hinweis abgelehnt, dass es nur einen „Siegfrieden“ geben könne. Als die Reichswehr 1918 an der Ostfront mit 47 Divisionen bis auf die Positionen vorrückte, die die Wehrmacht noch einmal 1942 einnahm, brach die Westfront zusammen. Ludendorff verlor darauf die Nerven und nahm unbesehen die weitreichenden Waffenstillstands-Bedingungen von US-Präsident Wilson an.

Rathenau warnte darauf in einem Artikel der „Vossischen Zeitung“ vom 7. Oktober 1918 vor einem drohenden „Diktatfrieden“. Grundsätzlich gehe es um Friedensverhandlungen zur Beendigung des Krieges, nicht bloß um Waffenstillstand. Die Friedensverhandlungen müssten aber aus einer Position der Stärke geführt werden. Wie 1813 sei eine allgemeine Volksbewaffnung zu erwägen, um die Position der Stärke zu erlangen. Wenn man dies nicht beachte, dann werde man einen Diktatfrieden mit gravierenden Folgen erhalten. Und gegen Ludendorff: Wer die Nerven verliert, sollte abtreten! Der Friedensvertrag von Versailles war dann der „Diktatfrieden“.

Foto: Rückentitel der Autobiographie

Anders als Arnold Zweig hatte Drehbuchautor Alexander Graf Stenbock-Fermor (1902–1972) die historischen Vorgänge verstanden. (Der rote Graf. Alexander Stenbock-Fermor. Verlag der Nation. Berlin 1973) Er wurde als Sohn einer alten schwedisch-litauischen Adelsfamilie auf Schloss Nitau in Livland geboren. Estland, Kurland und Livland gehörten damals zum zaristischen Russland. Sein Onkel war Fürst Peter Kropotkin. Nach dem Zusammenbruch des Russischen Reiches nahm er von 1918 bis 1920 auf weißgardistischer Seite am Kampf gegen Sowjetrussland teil. 1922/23 arbeitete er als Bergmann im Ruhrgebiet und absolvierte 1924/25 eine Buchhändlerlehre bei Otto Meißner in Hamburg. Zu den Kunden der Buchhandlung gehörte auch die Schwiegertochter des Ex-Reichskanzlers Fürstin Johanna Marguerite Bismarck. 

Stenbock-Fermor schreibt in seiner Autobiographie, dass die Fürstin ihn und seinen Bruder nach Schloss Friedrichsruh einlud. In den Gesprächen machte die Fürstin deutlich, dass Kaiser Wilhelm II. das Lebenswerk ihres Schwiegervaters verspielt habe. Stenbock-Fermor lässt die Fürstin sagen: „Sie müsse mir zustimmen – der Vertrag von Rapallo sei im Geist des alten Fürsten geschlossen. Natürlich dürfe man die Unterschiede nicht verleugnen: Ihr Schwiegervater habe ein mächtiges Reich hinter sich gehabt; Rathenau als Außenminister ein schwaches, im Kriege geschlagenes. Doch habe er den ersten Schritt zu einer selbstständigen Politik gewagt, eine Bresche geschlagen. Deutschland sei aus der Isolierung gelöst worden, habe wieder diplomatische Beziehungen zu Russland aufgenommen, Handelsaustausch nach dem Prinzip der Meistbegünstigung, Verzicht auf Ersatz der Kriegskosten, Kriegsschäden, Vorkriegsschulden. Sie sei Monarchistin, wünschte lieber ein kaiserliches Russland. Aber – Verschiedenheiten der Gesellschaftssysteme dürfen bei der Außenpolitik keine Rolle spielen.“ (S. 240)

Ab 1926 absolvierte Stenbock-Fermor ein Volontariat im Eugen-Diederichs-Verlag Jena. Ab 1927 lebte er als freier Schriftsteller. Von ihm stammt u.a. die Sozialreportage „Deutschland von unten“, in der er auch über die Lage der erzgebirgischen Spielzeugmacher berichtete. 1933 erhielt er Berufsverbot, wurde in Haft genommen und am 3. Oktober 1933 von seiner Heimatstadt Neustrelitz ausgebürgert. Ab 1937 nahm er am Widerstandskampf teil. Im Herbst 1945 ernannte ihn der SMAD-Kommandant zum Oberbürgermeister von Neustrelitz.

Ernst von Salomon (1902–1972) erinnert in seinem Buch „Die Geächteten“ (Erstausgabe 1930. Wir zitieren die Taschenbuchausgabe Rowohlt-Verlag, Reinbeck bei Hamburg 1962) als Mitverschwörer an den Rathenau-Mord. Er beschreibt den späteren Rathenau-Mörder Kern als einen Offizier, der regelmäßig nach München reiste, um Instruktionen zu empfangen (S. 149), und der mehrere Gruppen von jugendlichen Anhängern der Ex-Monarchie und Reichwehroffizieren anleitet. Salomon schildert Kern und die anderen jungen Mitglieder seiner Gruppe als geistig rege, vom Zusammenbruch der Monarchie tief verunsicherte und zugleich suchende Menschen. Salomon „verschlang“ z. Bsp. Rathenaus Buch „Von kommenden Dingen“ in einer Nacht. Aber die Befehle werden von Kern gegeben. Salomon lässt Kern sagen: „Rathenau … Dieser Mann ist Hoffnung. Denn er ist gefährlich … ich könnte es nicht ertragen, wenn aus dem zerbröckelnden, aus dem verruchten Bestande dieser Zeit noch einmal Größe wüchse … wenn dieser Mann dem Volke noch einmal einen Glauben schenkte, wenn er es noch einmal emporrisse zu einem Willen, zu einer Form, die Willen und Form sind einer Zeit, die im Kriege starb, die tot ist, dreimal tot, das ertrüge ich nicht.“ (S. 212 f.) Unmittelbar vor dem Attentat, am 24. Juni 1922, lässt Salomon den Reichswehroffizier Kern sagen: „Wenn Hitler seine Stunde begreift, ist er der Mann, für den ich ihn halte.“ (S. 218) 

Das Gericht ersparte sich im Prozess gegen Ernst von Salomon und einige Mitverschwörer die Ermittlung von Hintermännern. Aber mit hoher Wahrscheinlichkeit hatte Kern den Befehl zur Ermordung Rathenaus aus München erhalten. Die Nennung des Namens „Hitler“ in der konkreten Situation deutet darauf hin. „Hitler“ war zu diesem Zeitpunkt ein alleiniges Geschöpf des Reichswehr Gruppenkommandos München. General Erich Ludendorff hatte seinen Wohnsitz nach München verlegt. Hauptmann Ernst Röhm finanzierte sowohl den „Bildungsoffizier“ Hitler als auch „Bürgerwehren“ und Terrorgruppen. (Konrad Heiden, Kurt Gossweiler)

Erst der Putschversuch Ludendorffs/Hitlers von 1923 beendete diese Konstellation. Ludendorff musste erfahren, dass ihm das Offizierschor nicht mehr folgte und Hitler machte sich zum Gespött, als er sich bei den ersten Schüssen der Münchener Polizei zu Boden warf und danach mit einem PKW flüchtete. Beide waren nach dem Putsch von 1923 politisch vollkommen erledigt. Die Frage ist: Wer betrieb nach 1923 das Projekt „Hitler“?

In seinem prophetischen Hauptwerk „Von kommenden Dingen“ erfasste Rathenau die Verbindung von Industrie und Vernunft mit der Bezeichnung  „Mechanisierung“. Das trifft die Sache besser als der heute übliche Ausdruck „Globalisierung“. Rathenau macht klar, dass der Prozess der inneren Durchdringung allen menschlichen Lebens mit der Forderung nach „finanzieller Effizienz“ ein maschinenartiger, blinder, algorithmengesteuerter Prozess ohne Geist und ohne Sinn ist. 

Lewis Mumford kam1964 von ganz anderen Ausgangspunkten in seinem Hauptwerk „Der Mythos der Maschine“ zu einem ähnlichen Ergebnis. Die Analysen Rudolf Hilferdings („Das Finanzkapital“) und Wladimir Iljitsch Uljanows („Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“), die sich zum Teil auf Untersuchungen des neuen Finanzimperialismus durch konservativer Historiker und Politökonomen stützten, kamen zu ähnlichen Befunden. Doch alle verblieben in ihrer Sicht auf die Strukturen der Gesellschaft in der abstrakten Sprache der Intellektualphilosophie. Die Kritik an Rathenaus philosophische Position aus der linken Ecke kam über die lebensferne Intellektualphilosophie nie hinaus.

Walther Rathenau vermochte dagegen den strukturellen Umbruch für das Individuum fassbar zu machen. Zunächst konstatiert er, dass aus der Gemeinschaft der Heiligen die mechanisierte Kirche wurde (S. 208) und die Philosophie, obwohl sie beständig Imperative ersann und sich allen kritischen Fragen gestellt hatte, blind an der einfachen Vorfrage vorbeischritt, ob der denkende, messende, vergleichende Intellekt, die Kunst des Einmaleins und des warum die einzige, dem ewigen Geist verliehene Kraft sei und bleibe, um Menschlichgötttliches zu durchdringen. (S.209 f.) Das „Menschlichgöttliche“ ist ein Ausdruck, der auf den Eckhart-Bezug Rathenaus hinweist. 

Das Beharren auf den Anmaßungen der reinen Vernunft verglich Rathenau mit dem Versuch eines Schwingungstheoretikers mit Kurven und Diagrammen das Erlebnis einer Symphonie zu ergründen. Ebensowenig könne man mit bloß logischem, berechnendem Denken das Menschlichgöttliche begreifen. Es gehe nicht um Dogmen und Riten sondern den Weg zum seelischen Erleben und Erschauen (S.210): „Nicht die Welt des Intellekts hat uns den alten und neuen Doppelweg zu Welt und Gott gewiesen, sondern die schauende Kraft, die vordem viele Namen hatte und die uns seelische Einsicht heißen soll.“ (S. 212)

Die „schauende Kraft“ ist ein Ausdruck, der auf den Meister Eckhart-Bezug Rathenaus hinweist. Rathenau stellt die Verbindung von „schauender Kraft“ und Meditation her und eröffnet einen Blick auf seine eigene Methode: „Je mehr wir wunschlosen, meditativen Schauen Raum geben, je häufiger das mühselige Urteil durch die reine Erkenntnis berichtigt wird, desto leiser und sicherer arbeitet der intellektuale Geist …“ (S. 213)

Hier wird der Meister Eckhart-Bezug überdeutlich. Erst in Verbindung mit der Meditation vermögen wir mit unserer Vernunft den Bezug zum „Menschlichgöttlichen“ herzustellen, unsere Begrenztheit und Ich-Fixiertheit zu überwinden. Sowohl Meister Eckhart als auch Walther Rathenau verkörpern ein aktives Leben aus der Tiefe heraus. Meditation, die Verbindung von Vernunft und Spiritualität, ist für sie keine Form der Weltflucht, sonder der Konzentration auf die wesentlichen Aufgaben. Rathenaus Buch „Von kommenden Dingen endet mit dem Satz: „Wir sind nicht da um des Besitzes willen, nicht um der Macht willen, auch nicht um des Glückes willen, sondern wir sind da zur Verklärung des Göttlichen im menschlichen Geiste.“ (S. 345) Die Kritik an Rathenau aus der rechten Ecke kannte dem Anschein nach jedoch weder Meister Eckhart noch die Bibel. 

Die Aneignung des Erbes von Altem/Neuen Testament, Meister Eckhart und Benedikt Spinozas „Ethik“ ermöglichte es Rathenau, die geistige Gegenkraft zum geistlosen Prozess der Mechanisierung/Globalisierung, zur Jagd nach bloß finanzieller Effizienz, zum Haschen nach Wind (Salomo) zu formieren. Der Philosoph Rathenau vermochte dabei mehrere gegensätzliche Strömungen zu vereinigen. Wer diese nicht beachtet, der erlangt keinen Zugang zu Rathenaus Werk.

Der junge Gustav Landauer stellte 1903 seine Neuentdeckung deutscher Predigten von Meister Eckhart vor: Meister Eckharts mystische Schriften. (Abbildung: Dritte Auflage. Hrsg. Martin Buber. Karl Schnabel Verlag Berlin) Landauer schrieb, dass Eckharts Mystik Skepsis sei, und umgekehrt. (S. 8) Eckhart, so Landauer, vertrete im Unterschied zu Spinoza einen „umgekehrten Pantheismus“. (S. 8) Bei Eckhart löse sich zum Teil Welt und Gott in der „Gottheit“, im „Göttlichen“ auf.

Landauers Verbindung von „Skepsis und Mystik“ war dem Anschein nach ein Ausgangspunkt für Rathenaus Wiederaufnahme des jahrtausendalten Weisheitskonzepts als Einheit von Vernunft und Spiritualität.

Die Ausgabe von Meister Eckhart-Texten, die Hermann Büttner ebenfalls im Jahre 1903 im kulturkonservativen Jenaer Eugen-Diederichs-Verlag herausbrachte (Meister Eckharts Schriften und Predigten. 2 Bände) war philologisch viel genauer als die des jugendlichen Heißsporns Landauer. Doch Büttner berücksichtigte zwar den Inhalt, legte aber selbst die Überschriften der Predigten fest. Der dritten Predigt gab er die Überschrift „Anleitung zum schauenden Leben“ (Bd. I, S. 69 ff.) Der Ausdruck kommt in der Predigt vor. Rathenau übernahm Eckharts Konzept eines aktiven Lebens aus der Tiefe heraus, der Verbindung von strategischem Handeln und Meditation, von wissenschaftlicher Analyse und Spiritualität. 

Die erste Predigt hatte die Überschrift „Von der Erfüllung. Predigt über Lukas I. 26“ (Bd. I, S.51 ff.) Meister Eckhart bezog ich hier auf das Evangelium nach Lukas, Prediger und andere Bibeltexte. Als Rathenau 1921 im Reichstag zu seiner Ernennung als Minister erklärte, dass er in ein „Kabinett der Erfüllung“ eingetreten sei, wollte er im biblischen Kontext ausdrücken, dass sie in einer „Zeit der Erfüllung“ lebten, in der die Politik endlich notwendige, echte Reformen durchsetzen müsse.

Dokumentarfilm von Professor Eberhard Görner (Drehbuch/Regie), Kamera. Markus Stoffel, Musik Günther Fischer, Bad Freienwalde 2011

Auf der Internationalen Konferenz von Genua von März bis Mai 1922 vermochte der Außenminister des Landes, das man als „Alleinschuldigen“ für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges gebrandmarkt hatte, die Rückkehr Deutschlands in die europäische Staatengemeinschaft zu erreichen. Mehr noch. Durch Rathenaus kluge Verhandlungsführung wurde Deutschland zu einem Vermittler zwischen Frankreich, Großbritannien auf der einen Seite und Sowjetrussland auf der anderen Seite. Rathenau dankte auf der Abschlusstagung am 19. Mai 1922 in Genua den Gastgebern und fasste die erreichten Ergebnisse zusammen: 1. Die Verschuldung aller Länder Europas übersteigt ihre Produktionskraft; 2. Kein Gläubigerland darf die Einfuhr von Waren aus Schuldnerländern behindern; 3. Abbau der Kriegsrhetorik und Aufbau gegenseitigen Vertrauens; 4. Weil nach der Kriegszerstörung nur allen Ländern gemeinsam der Wiederaufbau gelingen kann muss der Verschuldungskreis abgebaut und Schulden müssen geopfert werden. (Walther Rathenau: Rede auf der Vollversammlung der Genueser Konferenz. In: Rathenau, Walther. Reden. S. Fischer-Verlag. Berlin 1924, S. 398–403) Rathenau erhielt nach der Rede die Ovationen der Vertreter aller europäischer Staaten.

Dieser Aufruf Rathenaus zur „Opferung der Staatsschulden“ im Interesse eines friedlichen, gemeinsamen Europa, nicht der Vertrag von Rapallo, war das eigentliche Ereignis de Konferenz von Genua. Rathenau hatte in dem Buch „Von kommenden Dingen“ darauf verwiesen, dass die Mechanisierung eine Welt hervorbrachte, in der alle Menschen von allen abhängig sind. Politik und Großwirtschaft verhalten sich aber immer noch, wie in der Steinzeit. Die USA hatten nach dem Krieg entgegen den eigenen Zusicherungen, selbst von ihren „Partnern“, ein Bündnis waren sie nicht eingegangen, die Bezahlung der Waffenlieferungen in Gold gefordert. Gleichzeitig erhöhten die USA die Einfuhrzölle, um die heimische Wirtschaft zu schützen. Die Schulden waren praktisch nicht rückzahlbar. (Hudson, Michael: Der Finanzimperialismus. Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 2017, S. 19–69) Großbritannien und Frankreich versuchten darauf ihre Schulden bei den USA mit erhöhten Reparationsforderungen an Deutschland zu kompensieren. Deutschland wurde von den Reparationsansprüchen der westlichen Sieger doppelt getroffen. 

Nach Rathenaus Tod kam es zu keinem gemeinsamen Vorgehen der Schuldner-Länder im Sinne eines gemeinsamen Europa. Die Weltwirtschaftsentwicklung geriet ins Stocken. 1932 musste Großbritannien den Goldstandard seiner Währung aufgeben und 1933 auch die USA. Die Weltwirtschaft brach faktisch zusammen. Das faschistischen Wirtschaftsmodell des „autarken Staates“ trat in die Wirklichkeit. (Karl Polanyi)

Der Film Eberhard Görners ist auf DVD über die Touris-Information Bad Freienwalde direkt zu erwerben:
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Nach seiner Ermordung begriffen Millionen Menschen, dass Deutschland mit Rathenau den Politiker des 20. Jahrhunderts verloren hatte. Er war nicht zu ersetzen.

Heute vergegenwärtigen der DEFA-Film „Mord an Rathenau“ von 1961 und der Dokumentarfilm Eberhard Görners mit dem Titel „Vom kommenden Dingen“ aus dem Jahre 2011, dass Deutschland einmal einen solchen Außenminister hatte.

Johannes Eichenthal

Information

Von Johannes Eichenthal sind im Mironde Verlag folgende Titel lieferbar

Johannes Eichenthal: Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland. Sprache und Eigensinn 2. Von Goethe bis Rathenau.

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Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.

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