Reportagen

PENIG IM TRABANT – FIEBER

 

Am 22. Oktober fand in Karstas Kleinem Kino (KKK) die Aufführung von Eberhard Görners Trabant-Film »Wolle auf Asphalt. Das Experiment Trabant« statt.

In der Mitte des Kinosaales befindet sich eine große Tafel und die Filmvorführung begann mit einem gemeinsamen Kaffe-Trinken. Die Tafel war liebevoll gestaltet, auch der kleine Trabant war hier platziert. Zur Erinnerung an frühere Straßenbeläge reichte man »Buckelkuchen« und »Pflastersteine«.

Von den Gästen mit Spannung erwartet, trat Regisseur und Drehautor Professor Eberhard Görner vor das Publikum, um die Entstehung des Filmes anzudeuten: »Nach einer Lesung mit Gojko Mitic 2012 in Zwickau, lud uns Dr. Werner Lang, früher Chefkonstrukteuer im VEB Sachsenring und Miterfinder des Trabant 601, am nächsten Tag zu einer Führung durch das Horch-Automuseum ein. Dr. Lang war damals 90 Jahre alt. Er erzählte faszinierend von der Entstehung des Trabant – und ich wusste, das ist deutsch-deutsche Autogeschichte, die für die Nachwelt festgehalten werden muss. Wir haben ihn zwei Wochen interviewt, immer an den freien Tagen, wo Dr. Lang nicht an die Dialyse musste. Wir hatten keinen Auftrag und keinen Cent für ein Produktions-Budget. Aber das Projekt wollte in die Welt. Es wurde durch die Bürger der Stadt Zwickau, durch den Trabant-Club Zwingen in der Schweiz und anderen Sponsoren unterstützt, so dass wir nicht nur in Zwickau, sondern auch in Wolfsburg, in der Schweiz und auf Sardinien drehen konnten. Im Jahre 2013 ist Dr. Lang mit 91 Jahren verstorben.«

Prof. Görner führte weiter aus: »Ein anderer Zeitzeuge im Film ist Prof. Carl H. Hahn, ehemaliger VW-Vorstandsvorsitzender und Gründer des VW-Werkes Mosel bei Zwickau. Sein Vater Carl Hahn gründete 1932 in Chemnitz die AUTO-UNION aus den Werken Audi-Horch Zwickau, DKW Chemnitz und Wanderer Zschopau mit. Die west- wie die ostdeutsche Automobilindustrie erbten gemeinsam die Auto-Kreativität, die in Sachsen entstanden war. Die Nachkriegsentwicklung erfolgte auf zwei unterschiedlichen Wegen. Die Ingenieure und Arbeiter  in der DDR waren nicht dümmer als die in der BRD.«

Nach dem Film, der mit der Gegenüberstellung von hantierenden Menschen im VEB Sachsenring und menschenleeren Roboter-Taktstraßen-Fertigungen endete, wurde über die Frage diskutiert, was heute mit den Menschen werden soll, wenn sie in der Industrie nicht mehr gebraucht werden.

Frau Lang, die Witwe Dr. Werner Langs, bedankte sich bei Publikum, Kino und Filmemacher für diese interessante und anregende Veranstaltung.

An die Diskussion schloss sich eine Penig-Rundfahrt mit Trabis an. Mitglieder eines Trabantklubs waren mit ihren Fahrzeugen erschienen und der kleine Konvoi fuhr durchPenig.

Beispiele liebevoller Innenausstattung der Fahrzeuge.

Der »praktische Teil« der Filmvorführung machte allen Beteiligten sichtlich Spaß.

Kommentar

Ohne Zweifel gelang Eberhard Görner mit dem Lang-Interview ein wichtiges Zeitzeugnis. Dr. Lang verweist auf die Notlage Ostdeutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Besatzungsmacht konnte ihrer Verantwortung kaum gerecht werden, weil die UdSSR durch den Krieg selbst noch weit größere Schäden erlitten hatte (25 bis 30 Mio. Tote, Tausende völlig zerstörte Städte, Zehntausende völlig zerstörte Dörfer, nicht einmal mehr 50 Prozent der Industrieproduktion von 1936 usw.). Die wichtigste Besatzungsmacht Westdeutschlands, die USA, war dagegen der Gewinner des Krieges (1945 Besitz von 2/3 der Weltgoldvorräte.)

Die deutsche Teilung zeichnete sich ab. Traditionelle Rohstoff-Lieferbeziehungen wurden mittels Embargo abgeschnitten. Die Produktion des IFA F 9 scheiterte deshalb bereits am fehlendem Blech. Aber, wie heißt es, »Not macht erfinderisch«. Nach den vorrangigen Traktoren und LKW konnte man endlich an die Herstellung von PKW gehen. Die Idee einer leichten Plastik-Karosserie wurde mit viel Geduld auf der Basis von Baumwoll-Pflanzenfasern umgesetzt.

Die Diskussion um die Verhinderung einer Weiterentwicklung des Trabant nahm im Film großen Raum ein. Leider wurde kein Wirtschaftshistoriker befragt, der auf die Dogmen der RGW-Kommission und den Investitions-Verzicht als Folge der Honeckerschen Politik hingewiesen hätte.

So entsteht der Eindruck, dass die Hersteller ungewollt ein Langlebe-Auto produzierten. Eigentlich ist die Langlebigkeit aber eine sehr zeitgemäße Idee. Auf eine große Stärke des Autos weist der Präsident des Schweizer-Trabant-Klubs, Herr Müller hin: der Trabant ist so einfach aufgebaut, dass jedermann ihn selbst reparieren kann.

Die Reparaturfähigkeit ist ein wichtiger Aspekt. Zugleich vermittelt der Film, unterlegt mit der kongenialen Musik Günter Fischers, Eindrücke von Trabant-Treffen in Zwickau. Dort sieht man Modelle, die von ihren Besitzern auf originelle Weise weiterentwickelt wurden. Die einfache Konstruktion regt praktisch zum Eigenbau an und ermöglicht ihn zugleich.

»Entfeinerung« nennt man den Prozess in der Technik, der alles Überflüssige aus einer Konstruktion entfernt, um zur einfachen, idealen Grundform zu kommen.

Insofern war die Entwicklung des Trabant auch in der Konstruktion ein eigenständiger Weg, nicht nur im verwendeten Karroserie Material.

Man kann das Prinzip der Vereinfachung, wie der in seinen Interview-Äußerungen beeindruckende Prof. Carl Hahn, mit »50 Jahre Rückstand« der Ostdeutschen versuchen zu verstehen. Die heutige Entwicklung von überkomplizierten, hochgerüsteten Fahrzeugen scheint ihm dabei Recht zu geben.

Aber vielleicht ist das Konstruktionsprinzip der Vereinfachung auch das der Zukunft, der Nach-Industriezeit?

Roboter können heute einheitliche Grundformen des Autos so effektiv herstellen, wie noch nie. Je höher die Effektivität, um so geringer ist der Wert des Autos. Auf lange Sicht auch aber der Preis. Wer investiert dann noch in die private Auto-Industrie?

Zugleich könnte jeder Käufer eines einfachen Autos seine eigene Variante gestalten. Die Tradition des Bastelns lebt in der Region Chemnitz-Zwickau. Frieder Bach dokumentierte diese Erbschaft in seinem aktuellen Buch »Fahrzeugspuren in Chemnitz. Teil 2.« auf beeindruckende Weise. Vielleicht heißt es auch hier am Ende: die Letzten werden die Ersten sein?

Der Film von Eberhard Görner regt uns zu solchem Weiterdenken an. Aber Denken müssen wir schon selbst.

Clara Schwarzenwald

Information

Wolle auf Asphalt. Das Experiment Trabant. Ein Kino-Dokumentarfilm von Eberhard Görner.

Mit umfangreichem Bonus-Material. DVD VP 20,00 Euro; zu erwerben unter goernerfilm@gmx.de

 

 

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