Reportagen

LITERARISCHER REISEFÜHRER ZUM NATURKREISLAUF

Am Abend des 7. November stellte der Mironde Verlag sein neues Buch »Von den Minnesängern bis Herder. Sprache und Eigensinn.« in der traditionsreichen Agricola- und Humboldt-Buchhandlung in Chemnitz vor.

Iris Müller (li.), die Inhaberin der Buchhandlung, begrüßte herzlich die interessierten Gäste. Dr. Andreas Eichler dankte in Namen des Mironde-Verlags für die Möglichkeit der Buchvorstellung und verwies darauf, dass es die kleinen Buchhandlungen sind, die den Verlagen der Region eine Bühne bieten.

Im Anschluss präsentierte Eichler in etwa 75 Minuten einen Gang durch die Literaturgeschichte Mitteldeutschlands, der Region zwischen Braunschweig und Görlitz. Er verwendete den weiten Literaturbegriff Johann Gottfried Herders (1744–1803), der auch Naturwissenschaft, Medizin, Technologie, Technik, Jura, Theologie, Philosophie, im Grunde die gesamte schriftliche Überlieferung einschließt.
Mit Beamer-Fotos verführte er die Zuschauer zur Teilnahme an einer Wanderung von der Neuenburg und der Wartburg, durch Täler und über Berge, durch Städte und Klöster. Besondere Aufmerksamkeit widmete er dieses Mal dem in Chemnitz geborenen Wissenschaftsorganisator und Altertumswissenschaftler Christian Gottlob Heyne (1729–1812), der in Göttingen die ersten Vorlesungen über Archäologie an einer deutschen Universität hielt. An ihr Ziel kam die Wanderung endlich im Garten des Weimarer Generalsuperintendenten Herder. Hier trafen die von Eichler über die Jahrhunderte herausgehobenen Linien zusammen. Am Beispiel der kleinen Herderschen Schrift »Gott – ein Gespräch« von 1787 demonstrierte Eichler, in welchem Maße Herder verschiedene Überlieferungsströhmungen zusammenzufassen vermochte. In der Tradition Platos, Moses ben Maimons, Meister Eckharts, Benedikt Spinozas und Gottfried Wilhelm Leibnizens definierte Herder »Gott« als die wesentliche organische Kraft des Universums, die z.B. in unserer Seele einen »Abdruck« hinterlasse. Ebenso erzeuge diese organische Kraft beständig Abdrücke im Chaos des Universums und bringe damit dessen berechenbaren Strukturen hervor. Die Möglichkeit der Widerspiegelung dieser berechenbaren Strukturen unseres Universums in der menschlichen Vernunft sei, so Herder, der einzig mögliche »Gottesbeweis«.

Frau Müller dankte dem Referenten am Ende für seinen Vortrag. Die Zahl der Anregungen für Wanderziele im mit einem reichen kulturellen Erbe gesegneten Mitteldeutschland, die im Buch gegeben werden, sei beeindruckend. Wenn man Dinge neu entdecken, neue Sichtweisen erschließen wolle, dann sei dies das richtige Buch.

Wir fragten im Anschluss den Autor, warum der erste Teil mit Herder enden und der zweite Teil mit Herder beginnen solle.

Eichler antwortete, dass damit der besondere Rolle Herders Rechnung getragen werde. Herder habe im Gottes-Dialog die Tradition zusammengefasst, das werde am Ende von Teil 1 dargestellt. In den »Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit«, die am Anfang von Teil 2 vorgestellt werden, begründet Herder die Theorie organischer Systeme auf zeitgemäße Weise. Dazu gehört einerseits die Einsicht, dass auch die Natur als ein Lebewesen, ein organisches System, zu betrachten ist. Andrerseits hob Herder den Naturkreislauf hervor, der sich nach der Entstehung unserer Erde herausgebildet habe. Der Mensch sei ein Resultat und Moment dieses Kreislaufes. Der menschliche Körper enthalte die Mineralien, Säuren, Basen usw., die auf der Erde entstanden. Er benötige zu seiner Ernährung Pflanzen und Tiere. Er stehe am Ende der Nahrungskette. Deshalb müsse der Mensch den Naturkreislauf und seinen eigenen Platz darin begreifen. Der Gottesdialog ist zwar 1787 erschienen, doch die Entwürfe stammen aus der Mitte der 1770er Jahre und die Umsetzung der Gedankenskizze erfolgte bereits mit dem ersten Band der »Ideen« 1784. In gewissem Sinne ist Herder der erste Denker, der sich umfassend mit organischen Systemen, Natur und Naturkreislauf befasst hat.
Der Ausdruck »Naturkreislauf« klingt nach Recycling?
Eichler antwortete: Ja, damit hat es schon etwas zu tun. Aber über die Abfallwirtschaft hinaus geht es beim Naturkreislauf um unsere bewusste Einordnung in das Naturganze, in die Naturnotwendigkeit. Mitunter glaubt man, die Menschen durch Katastrophenszenarien, Rohstoffmangelnachrichten, Gesetze, Verbote und Verteuerungen zur Einsicht in kommende Erfordernisse zwingen zu können. Doch eine solche Verfahrensweise greift zu kurz. Die Einsichten müssen bewusst vollzogen werden können. Die Menschen müssen sich selbst als Teil des Naturganzen verstehen.
Ist eine solche Einsicht in einer Gesellschaft, in der Wachstum und Bruttokennziffern hohe Priorität genießen, in der z.B. Elektromobilität ohne Abschätzung nicht einmal der mittelfristigen Folgen mit Milliarden subventioniert wird, überhaupt möglich?
Eichler antwortete: Sie haben recht, die Abschätzung der Folgen bestimmter Technologien spielt heute, obwohl beständig darüber geredet wird, tatsächlich kaum noch eine Rolle. Kurzfristiges Denken überwiegt. Die Wegwerf-Mentalität beherrscht die Industriestaaten. Als Entschuldigung des Versagens wird in der Regel die »Komplexität« unserer Welt angeführt. Aber hinter diesem Ausdruck steht auch nur das Eingeständnis der Unüberschaubarkeit der überkomplizierten Regelungen und der Unlösbarkeit der heutigen Probleme.
Die Alternativen wurden schon in den 1980er Jahren formuliert. Dekonstruktion – Rückbau der zentralisierten Industriegesellschaftsstrukturen und statt dessen die Etablierung von Regionalisierung, Dezentralisierung, Selbstständigkeit und Selbstverwaltung.
Das klingt alles sehr vernünftig. Warum bemühen Sie eigentlich in Ihrem Buch die Herdersche Religiösität für die Begründung solcher Ansätze?
Eichler antwortete: Weil wir ohne die Vorstellung eines Wesens des Universums keine Orientierung finden können. Die organische Kraft der Kräfte, die Herder mit Gott gleichsetzte, ist nicht nur eine gedachte, sondern eine wirkliche Kraft. In der Nachfolge Leibnizens stellte sich Herder das Universum als System von organischen Kräften vor. Wir können die wesentliche, die »göttliche« Kraft selbst nicht zureichend erkennen, sondern nur deren Wirkungen. Diese Kraft wirkt jedoch weder »strafend« noch »zerstörend«. Sie produziert unablässig berechenbare Strukturen. Aber wenn strukturelle Gleichgewichtszustände im Universum oder auf der Erde verletzt werden, dann setzen Gegenreaktionen ein. Die Naturnotwendigkeit gewährt in der Regel Zeit, uns auf die Gegenreaktionen einzustellen. Doch wir können diese Notwendigkeit nicht abwenden. Wir haben nur die Möglichkeit, die Gesetze des Naturkreislaufs zu erforschen, um uns bewusst ins Naturganze einzuordnen. Eine Flucht nach Neuseeland oder auf den Mars wäre keine Alternative für die Menschheit. Das Wesen unseres Universums bedingt das Credo, das Herder von Spinoza übernahm: Freiheit ist Einsicht in die Naturnotwendigkeit und die entsprechende Tätigkeit.
Vielen Dank für das Gespräch!
Johannes Eichenthal

Dank gebührt den beiden Buchhändlerinnen Iris Müller (Mitte) und Dagmar Horvath (li.) für Ihr kulturelles Engagement, das solche Veranstaltungen erst möglich macht.

Information
In allen Buchhandlungen erhältlich oder direkt beim Verlag.
Andreas Eichler: Von den Minnesängern bis Herder. Sprache und Eigensinn.
23,0 × 23,0 cm, 320 Seiten, fester Einband, zahlreiche Abbildungen
VP 29,90 €
www.mironde.com
ISBN 978-3-96063-025-8

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